Cowboys auf dem Berliner Asphalt

Selbst eine dichte Schneedecke und vereiste Straßen schrecken Fahrradkuriere nicht. Eine Frage der Ehre – und der Lust. “Genau mein Wetter”, sagt Mortimer. Und auch Ron Franz ist unterwegs auf dem Berliner Asphalt. Er fährt für die junge Kuriergenossenschaft Cosmo und spricht mit uns über sein Rad als “Schwert, Waffe und Waffel”, über Tempo und übers Älterwerden. Er legt uns das Keirin und das Cycle Culture Café ans Herz, der Laden ist eine Institution für Radkuriere an der Oberbaumbrücke.

Dort arbeiten Gary, Mortimer und Tuc, die auch den “Halloween Alley Cat” in Berlin organisieren. Eine Schnitzeljagd für Kuriere, ein Wettrennen mitten im laufenden Verkehr auf Berlins Straßen. Wir sprechen mit Tuc über seine Zeit als Radkurier, den Duft der Straße und die wirtschaftliche Seite des Kurierlebens.
Genau darüber haben sich auch die “Cosmonauten” viele Gedanken gemacht: Die Cosmo Kurier sind vor einem Jahr als Genossenschaft an den Start gegangen – um faire Arbeitsbedingungen in einem knallharten Gewerbe zu schaffen. Wir sprechen mit den beiden Vorständen Dennis Wendt und Ferdinand Lamkewitz über ihr erstes Jahr mit Cosmo. Let’s go!

Fahrradkurier Ron Franz frühmorgens auf der Glogauer Brücke

Die erste Tour startet.

Idee: Bastian Ernicke * Interviews, Text und Fotos: Johanna von Stülpnagel und Nicole Walter

Über Nacht sind gut zehn Zentimeter Schnee gefallen in Berlin, es ist bei minus zehn Grad schneidig kalt, selbst um neun Uhr morgens ist Kreuzberg leise. Nur wenige Autos fahren, Fußgänger stapfen langsam durch den Schnee. Es ist Anfang Dezember und der erste richtig Schneetag in Berlin. Wir treffen Ron Franz, jetzt im vierten Winter als Fahrradkurier in Berlin unterwegs, um neun auf der Glogauer Brücke.

Das ist sein Ritual: Morgens zwischen acht und neun startet er von dort aus in den Arbeitstag. Auch bei minus zehn Grad und dichter Schneedecke. Er sei auch gefahren, als im Januar 2007 der Orkan Kyrill durch die Stadt fegte, erzählt er. Es geht um die Ehre, dafür zu sorgen, dass “seine” Kurier-Genossenschaft auch bei Sturm und Schnee zuverlässig liefert. Am Abend dieses Dezember-Schneetags wird er 19 Touren durch Berlin gefahren sein – “Dafür muss ich mich nicht schämen”, sagt er.

Radkuriere sind Cowboys auf dem Berliner Asphalt – jeder ist ein Einzelkämpfer, entscheidet jeden Tag aufs Neue selbst, wo und wie lange er fährt. Aber ohne den Zusammenhalt untereinander, wäre man aufgeschmissen. Eine Familie kann man von dem Verdienst als Fahrradkurier kaum ernähren, aber für einen allein kann’s gut reichen und die Freiheit und das Adrenalin können berauschend sein, sagt Tuc, Mechaniker im Keirin mit dem Cycle Culture Café, der Treffpunkt für viele Radkuriere an der Oberbaumbrücke. Tuc, Mortimer und Gary veranstalten den Halloween-Alley Cat in Berlin – ein nicht offiziell angemeldetes Radrennen in Halloween-Kostümen mitten durch den Berliner Verkehr. Auf der Route sind Aufgaben zu lösen, ähnlich wie bei einer Schnitzeljagd.

Bei einem Preis von 90 Cent pro Kilometer leben Fahrradkuriere in Berlin in einer prekären Situation. Ein richtig guter Tag bringt für einen selbstständigen Unternehmer dieser Branche „so an die 200 Euro Umsatz“, meint Ron. Geschmälert wird dieser Betrag durch die Vermittlungspauschale für die Zentrale, die sich in seinem Fall auf satte 550 Euro im Monat beläuft. Mehr als 611 Kilometer monatlich muss ein Fahrradkurier also strampeln, um überhaupt Gewinn erwirtschaften zu können. Krankenversicherung und sonstige steuerliche Abgaben trägt der Fahrer natürlich ebenso selbst, und auch das Arbeitsgerät, sprich Fahrrad, muss von ihm gestellt und in Schuss gehalten werden.

Überhaupt, das Fahrrad: Für Ron kümmert nicht er sich ums Rad, sondern sein Rad kümmert sich um ihn – ob als Werkzeug oder Waffe. Es sorgt für ihn, indem es ihm ermöglicht, zusammen Geld zu verdienen. Den Begriff Waffe tauft er kurz darauf entschärfend in Waffel um, da es ja um ein Versorgungsprinzip geht: sein Fahrrad als Ernährer. Und doch – in Anlehnung an sein früheres Hobby Aikido (eine Schwertkampftechnik) – sieht er seinen schnittigen Drahtesel hin und wieder auch als Schwert, mit dem er durch den Verkehr „schneidet“ und sich so den schnellsten Weg durch die Hauptstadt bahnt. Dass er dabei freihändig mit kreisenden Qigong Kugeln in den Händen fährt (wie er einwirft), hätten wir ihm sofort geglaubt. Aber klar – er lacht – so cool sind die Kuriere dann noch nicht, vor allem nicht im Berliner Winter bei Tiefschnee. Mit der Solidarität unter Kurieren ist es so eine Sache. Der Kollege ist im Zweifelsfall Konkurrent, aber das Team funktioniert auch nur, wenn alle kooperieren. Ron nennt es eine Art „Hassliebe“, die die Asphaltcowboys miteinander verbindet. Unserem bier statt blumen-Motto „Asphalt statt Kaviar“ gegenüber zeigt er sich hingegen uneingeschränkt solidarisch: schließlich “ist Asphalt, Asphalt, … Kopfsteinpflaster“ das, was ein Kurier täglich erlebt und beackert. An normalen Tagen fährt Ron im Schnitt 100 Kilometer; am Ende der Woche ist er dann entsprechend müde – aber er nennt es eine „ehrliche Müdigkeit“.

Obwohl so ziemlich alles verpackt und verschlossen ist, was man als Fahrradkurier in die Hand bekommt, erinnert er sich doch an seltsame Lieferungen, die alle stets „ganz eilig“ irgendwo anders ankommen mussten. Das Kurioseste, das er jemals transportierte, war ein getrocknetes Palmblatt in Form einer Schüssel: „Das fand ich kurios“. Ansonsten transportiert er meist Sendungen für die Medienbranche, Film, Fernsehen (Tapes, die schnell vom Drehort zum Sender müssen) und die so genannten „Werbebuden“.

Über das in Rente gehen, wenn die Knochen zu alt werden für den anstrengenden Job, machen sich Kuriere seiner Meinung nach keine Gedanken, weder gesundheitlich noch finanziell. Aufgrund ihrer selbstständigen Tätigkeit sind sie nicht rentenversicherungspflichtig und außerdem wäre sowieso kein Geld übrig, um in eine Altersvorsorge zu investieren. Ron selbst glaubt eigentlich auch gar nicht mehr an das Rentensystem. Doch nicht nur die Rente, sondern auch der Urlaub ist stets ungewiß und “so eine Sache” – an eine längere Auszeit ist mit dem schmalen Kuriergehalt gar nicht zu denken.

Kurier-Juwelen: Ventilringe

Eigentlich ist Ron staatlich geprüfter Glasbautechniker, dem sein Beruf aber auf Dauer nicht mehr Spaß gemacht hat. Es war ihm schlicht zu stressig, der Arbeitsdruck reichte bis ins Wochenende hinein. Nach einer gefahrenen Tour braucht er heute jedoch nur das Funkgerät auszumachen und schon ist er frei. Ursprünglich war er als Motorradkurier ins Geschäft eingestiegen. Die schiere tägliche Kilometerzahl der Fahrradkuriere hat ihn damals einfach abgeschreckt. Als er schließlich kein Geld mehr für Sprit hatte, stieg er notgedrungen auf das Fahrrad um und merkte schnell, dass er so viel mehr Freude hatte. Er ist nun „viel mehr drin“ in der Stadt und auch die Kilometerzahl oder der Zeitdruck (es gilt die Sendungen innerhalb einer Viertelstunde abzuholen) stellen kein Problem dar. Wenn es die Zeit und die Route erlaubt, fährt er am liebsten in Dahlem und Zehlendorf, wo es „dörflich, ruhig und grün“ und er aufgewachsen ist. Diese grüne Ecke von Berlin ist für ihn „ein bisschen Heimat“.

Ganz dem Klischee widersprechend betont er, dass das schnelle Fahren nicht die Hauptqualifikation für einen Fahrradkurier sei. Im Gegenteil: Er bezeichnet sich als einen friedlichen Radfahrer, der sogar gelegentliche Zusammenstöße nicht zum Anlass nimmt, aggressiv zu werden. Als einmal ein Autofahrer direkt vor ihm seine Tür öffnet, und Ron dagegen knallt, fährt er weiter – er hat keine Zeit, um anzuhalten, denn sein Auftrag ist dringend. Noch viel später tut ihm das leid. Nicht weil er den Autofahrer liebend gern zur Schnecke gemacht hätte, sondern: “Der hat doch auch einen ordentlichen Schreck abgekriegt und es bestimmt nicht absichtlich gemacht”, sagt uns Ron. Wir fragen dreimal nach, ob er das ernst meint. Und ja, er meint es genau so.

Wenn er einmal seine Strecke fährt, nimmt er den Verkehr zwar wahr, aber nicht als störend; das gilt auch für andere Radfahrer oder die oft als nervig beschriebenen Touristengruppen. Radfahren ist „fast meditativ“, meint er. Tatsächlich macht er auch am Wochenende keinen Bogen um den Drahtesel und nimmt sein Rad auch mit auf den spärlichen Ostseeurlaub. Seine kleine Tochter fährt ebenso fleißig, wobei es „ein langer Prozess ist, bis man so richtig Rad fahren kann“. Gerade weil er weiß, wie gefährlich das Leben für einen Radfahrer sein kann, versucht er sie auf die ganzen „Unwegbarkeiten“  vorzubereiten, „die einem unterwegs passieren können“.

Rons Fahrrad.

Das Interview mit Ron Franz:

Zu unserem Interview im Büro kam er bereits in voller Kuriermontur und auch als wir ihm ein paar Tage später die kleine bier statt blumen-Kamera mit Gaffa-Tape an seinem Brustgurt festmachen, hat er sich – im Gegensatz zu uns – wetterfest gerüstet. Wie so oft beginnt er seinen Arbeitstag morgens auf der Glogauer Brücke zwischen Kreuzberg und Neukölln, hört den Funk ab und radelt los – hinein ins Schneegestöber mit unserem Kamerauge an Bord – und nimmt uns quasi mit auf seine Tour durch Berlin:

Neben Rons Funkgerät hört man Ausschnitte von Always – Clockwork Trance Mix (von DJ Rkod),
zu finden auf ccmixter.

Im Cycle Culture Café an der Oberbaumbrücke

Tuc

“Und danke an die Fahrradkuriere, schreibt das mit rein. Ohne sie hätten wir’s am Anfang viel schwerer gehabt”, ruft Tuc hinter uns her, als wir seinen Laden nach dem Gespräch mit ihm verlassen. Er heißt eigentlich Turhan. Der Keirin-Fahrradladen zusammen mit dem Cycle Culture Café nahe der Oberbaumbrücke in Kreuzberg ist weit mehr als ein Fahrradladen: Tuc und Mortimer sind lange als Fahrradkuriere gefahren, Mortimer sogar lange Zeit in New York, der “capital of the world” wie er in unser Interview mit Tuc von der Seite reinruft. Ihnen geht es um Fahrradkultur, um das was Radfahren ausmacht jenseits von Speichen und Rahmen. Obwohl auch das eine große Rolle spielt, Tuc schwärmt uns von der richtigen Rahmengeometrie vor, wägt die Vorteile der Freigangschaltung ab gegen die Nachteile der Starrgangschaltung. Erzählt wie ihm sein Fixie “das Leben gerettet hat”, weil einen kaum noch etwas “von der Straße trennt” und das Rad so wendig ist. Hinter ihm, in der Werkstatt, sind die bunten Nummern-Trikots der Bahnradfahrer aufgereiht. Der Laden ist inspiriert von der japanischen Bahnradkultur, dafür steht auch der Name “Keirin”.

Fahrradrahmen an der Decke des Keirin

Im Keirin-Laden an der Oberbaumbrücke

In Berlin kennt so gut wie jeder Radkurier den Laden, vor allem Mortimer ist allen ein Begriff. Er ist als Kurier in New York gefahren, hat viele Wettbewerbe gewonnen und veranstaltet – und auf ein Interview so absolut gar keine Lust mehr. Er steht im Keirin und schaut voller Sehnsucht aus dem Fenster auf die schneeverwehte Oberbaumstraße, sagt: “Das ist genau mein Wetter, am liebsten würde ich jetzt draußen fahren. Die richtige Kleidung an und aufs Rad.” Tuc schwärmt uns zwar nichts vom Winter vor, aber wenn der Sommer wieder kommt will auch er wieder eine Zeit lang in Berlin als Fahrradkurier fahren. Doch zuvor gibt er uns ein Interview. Über seine Zeit als Kurier, über die Alley Cats und seinen Plan für das Eisrennen auf dem Neuen See im Tiergarten, das bei den Temperaturen auf jeden Fall demnächst stattfinden soll:

Das Interview mit Tuc


Ein Jahr Cosmo Kurier-Genossenschaft

In der Eldenaer Straße, nahe dem Bersarinplatz, treffen wir Dennis Wendt und Ferdinand Lamkewitz zum Interview. Die beiden sind der Vorstand von Cosmo, Wendt war schon seit Mai 2009 bei den allerersten Gründungsvorbereitungen zur Genossenschaft dabei und selbst gut zehn Jahre als Radkurier auf dem Berliner Asphalt unterwegs. So gut wie alle Cosmo-Mitarbeiter in der Zentrale haben Radkurier-Erfahrung. “Das hilft enorm, um die Situation der Fahrer draußen richtig einzuschätzen”, sagt Wendt.

Cosmo ist im Herbst 2009 gestartet – von Beginn an mit 60 Kuriern und einer kompletten Mannschaft im Büro – Disponenten in der Auftragsannahme, die Funker, Kundenbetreuer, die das zum Teil schon zehn, fünfzehn Jahre machten. Fast alle hatten zuvor bei einem anderen Berliner Kurierunternehmen, Inline, zusammengearbeitet, waren aber mit den dortigen Arbeitsbedingungen sehr unzufrieden. Inline heißt jetzt Twister, und die “Cosmonauten” haben ihr erstes, gutes Jahr hinter sich.

Die fünf Monate von Mai bis Oktober 2009 reichten, um die Cosmo Genossenschaft zu gründen und an den Start zu bringen. Die heißeste Phase war im Sommer, als die Bank auf 80.000 Euro Eigenkapital drängte, um den Kredit zu unterschreiben. Und tatsächlich, fast jeder Kurier, Disponent oder Funker, der dabei ist, hat einen Genossenschaftsanteil über 1.500 Euro gezeichnet, manche auch mehrere. Ein großer Kraftakt, für den nur rund vier Wochen Zeit war.

Die Cosmo-Zentrale ist in einer Plattenbau-Etage in der Eldenaer Straße in Friedrichshain untergebracht. Es gibt keinen überflüssigen Schnickschnack, im Pausenraum steht ein Kicker, draußen versinkt das ehemalige Schlachhof-Gelände im Schnee. Im Büro von Wendt und Lamkewitz stapeln sich die Milka-Schokoweihnachtskalender, jeder Mitarbeiter hat einen davon bekommen. Beide sind vertieft in die Planung für das nächste Jahr.

Cosmo 2010 in Zahlen:

rund 80 Mitarbeiter – Fahrrad-, Auto und Kradkuriere, Disponenten, Funker, Kundenbetreuer, Sekretärin

1,5 Millionen Euro Umsatz

100.000 Aufträge, viele von Medien- und Werbefirmen

1 Millionen gefahrene Kilometer in Berlin -
so als wären die Kuriere 25 mal um den Äquator gefahren

Dennis Wendt und Ferdinand Lamkewitz

Dennis Wendt und Ferdinand Lamkewitz im Interview:

Was ist das Besondere an eurer Genossenschaft?

Ferdinand: In der Genossenschaft ist es so, dass alle Genossenschaftsmitglieder, also auch alle Kuriere, die Inhaber der Firma sind. Die Kurierfahrer sind alle selbständige Unternehmer, aber hier in der Genossenschaft bestimmen sie mit. Über ihre Arbeitsbedingungen, über die Preise und auch über die Gewinnverwendung. Die Genossenschaft erleichtert es natürlich, Rechnungen zu stellen, Aufträge zu akquirieren und die Buchhaltung zu führen.

Ist das nicht mühsam, wenn alle Genossenschafter mitbestimmen?

Dennis: Wir treffen uns in der Regel zwei Mal im Jahr zur Generalversammlung und treffen die wichtigsten Entscheidungen: Wie geben wir das Geld aus? Wie viele Leute beschäftigen wir? Das sind Themen, die wir alle zusammen entscheiden. Es ist aber nicht so, dass wöchentlich in großer Runde über brennende Fragen debattiert wird. Das gibt auch die Satzung gar nicht her. Wir als Vorstand führen das Tagesgeschäft. Im Aufsichtsrat sitzen Kurierfahrer, die ehrenamtlich arbeiten und die uns kontrollieren.

Ferdinand: Ein ganz wichtiger Punkt in unserer Genossenschaft ist: Die Kuriere bestimmen ihre Rahmenbedingungen selbst. Die Genossenschaft selbst lebt von den Vermittlungspauschalen, die die einzelnen Mitglieder monatlich an sie zahlen. Aber wie hoch diese Vermittlungspauschale ist, und zu welchen Preise die Kuriere fahren, wie das Budget übers Jahr gesehen verwendet wird, das entscheiden die Genossenschaftsmitglieder, sprich auch die Kuriere. Und sie entscheiden auch, wie der Gewinn verwendet wird.

Was unterscheidet euch von anderen Fahrradkurier-Unternehmen in Berlin?

Dennis: Das hier die Kurierunternehmer mitbestimmen. Dadurch können sie auch bei den Qualitätsstandards mitentscheiden und diese auch durchsetzen, also Regeln dafür aufstellen, wie schnell Lieferungen abgeholt und zugstellt werden, und wie kulant man etwa bei Wartezeiten ist.
Ferdinand: Der Knackpunkt dabei ist die Umsetzung: Die Generalversammlung beschließt das für alle. Das Durchsetzen obliegt dem Vorstand und wir haben einen Funkbeirat eingesetzt, der aus drei Kurieren besteht. Und die drei ahnden Verstöße gegen das Reglement. Wer gegen die Qualitätsstandards verstößt, wird von ihnen eingeladen und gehört. Da kommt niemand von oben und klagt an, sondern die Kuriere kontrollieren sich gegenseitig und sanktionieren Fehlverhalten.

Was passiert, wenn jemand zu langsam ist?

Ferdinand: Nimmt ein Kurier einen Auftrag an, muss er in 15 Minuten vor Ort sein, um ihn abzuholen. Wenn er dafür 25 Minuten braucht, und andere Kuriere kriegen das mit, können sie ihm dafür eine “Lerche” schreiben. So heißt das bei uns, es ist eine Art Mahnung. Wenn man dafür eine vernünftige Erklärung hat, wird niemand zu Sanktionen verurteilt. Aber es gibt, wie überall, auch ein paar schwarze Schafe, die die Freigiebigkeit ausnutzen, die der einzelne Kurier bei uns genießt.

Welche Strafen gibt es dafür?

Ferdinand: In der Regel sind es Geldstrafen, die bei 30 Euro beginnen und laut Satzung bis zu 5.000 Euro hoch sein können, oder der Ausschluss aus der Genossenschaft, wenn man die anderen massiv schädigt.

Dennis: Das kommt alles ganz selten vor und wir sind da bislang immer deutlich unter den 5.000 Euro geblieben.

Gibt es sowas wie ein Fahrradkurier-Ethos? Bei Schnee und Sturm zu fahren, zum Beispiel?

Dennis: Unter den Fahrradkurieren gibt es eine besondere Kollegialität und Solidarität. Wenn zum Beispiel gerade einer einen Auftrag bekommen hat, der seinem Kollegen aber viel besser in die Route passt, gibt er den Auftrag weiter.

Ferdinand: Hier in Berlin kennen sich die Fahrradkuriere alle untereinander. Da gibt es einen guten Zusammenhalt. Das hat man ja gesehen, als Fritz Teufel gestorben ist, der lange Fahrradkurier war. Da kamen so viele Fahrradkuriere zur Beerdigung, von allen Unternehmen in der Stadt.

Dennis: Und die Fahrradkuriere veranstalten nachts gemeinsame Rennen. Von unseren Fahrern machen einige bei diesen “Alley Cats” mit. Trotzdem sind sie nicht gut organisiert. Viele jammern zwar über die Bedingungen in ihren Zentralen, und viele können darüber nicht mitbestimmen wie bei uns. Trotzdem gab es in den zehn Jahren, die ich jetzt in der Fahrradkurierbranche bin, nie eine gemeinsame Aktion in Berlin, um sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen in anderen Zentralen zu wehren. Und dabei gibt es gut 250 Fahrradkuriere in Berlin.

Stehen bei euch viele Leute vor Tür und wollen Fahrradkurier werden?

Dennis: Im Moment ist es ruhiger geworden, aber im Herbst hatten wir fast täglich Anfragen.
Ferdinand: Aktuell stellen wir keine ein. Das ist auch ein Punkt der Mitbestimmung.
Dennis: Wir haben den Anspruch, dass sich die Zahl der Touren und die Umsätze so vernünftig auf die Kuriere verteilen, dass jeder bei uns davon leben kann. Wenn die Auftragszahl deutlich steigt, stocken wir die Zahl der Fahrradkuriere natürlich auf.
Ferdinand: Die Kurierunternehmen haben ein berechtigtes Interesse daran, dass jeder ein Stück vom Kuchen bekommt.

Wieviel verdient ein Fahrradkurier in einem guten Monat ?

Dennis: Wenn jemand jeden Tag Vollzeit fährt, dann kann er in guten Monaten auf eine Auszahlung an die 2.000 Euro kommen. Aber die wenigsten bei uns fahren wirklich Vollzeit, manchen haben noch ein anderes Projekt oder einen anderen Job, andere arbeiten zur Hälfte als Radkurier auf der Straße und zur Hälfte bei uns in der Zentrale als Disponent.

Man liest viel über Unfälle mit Fahrradfahrern. Sind eure Radkuriere oft verletzt?

Dennis: Es passiert, aber die meisten können schon ganz gut fahren. Es mag schon immer mal ein paar “junge Wilde” geben, die sich dann mal auf der Straße austoben müssen. Aber die meisten wissen, dass sie das Risiko selbst tragen müssen, dass sie ausfallen durch Unfall oder Krankheit. Sie achten auf sich, um auch am nächsten Tag fit zu sein.

Wird man irgendwann zu alt, um Fahrradkurier zu sein?

Dennis: Nö. (Das kommt kurz und zackig.)

Gibt es auch ein “Methusalem-Alter” bei euch?

Dennis: Durchaus.

Wann fängt es an, das Methusalem-Alter? Und wie alt sind die Jüngsten?

Dennis: Ende 50, Anfang 60 fängt das an. Und die jüngsten Kuriere bei uns, die sind Anfang 20.

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7 Responses to Cowboys auf dem Berliner Asphalt

  1. elektrolurch says:

    mensch bsb,
    ein inhaltlich und visuell sehr ansprechender beitrag.
    weiter so!

  2. taiginseng says:

    RESPEKT!

  3. MAD says:

    frage mich nur, wieso die ganze Zeit nach unten gefilmt wurde, man sieht ja garnichts..

    • ernieundbert says:

      jup, … das problem haben wir durch eine am kopf installierte kamera zu lösen versucht, aber dit ging nich … rein klebe-technisch. insofern hat man nun die “street-perspektive”. next time next try.

  4. Tante_Helga says:

    großes kino in sachen rechersche.

  5. Julian says:

    Danke für den tollen Artikel. War super interessant :)

  6. Pingback: Laurence Thio » Sonntagsstücke

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