Ein guter Tonmeister ist zur Hälfte Irrenarzt

Jürgen Crasser (links) und Tom Müller

Bevor es für einen Musiker auf die große Bühne geht, geht es meistens erst mal ins Studio. In der Stille des schalloptimierten Aufnahmeraums stehen sie sich dann gegenüber: Sänger und Tontechniker, Kreativität und Technik. Backstage – hinter den Kulissen der Musikproduktion arrangieren die Tontechniker dabei sowohl Töne als auch Menschen. Jeder, der schon mal Karaoke gesungen hat weiß: es ist ein intimer Moment, wenn die Stimme zum Instrument wird. Jürgen Crasser und Tom Müller waren beide quasi ihr Leben lang die Person hinter der Glasscheibe, die mal antreibt, mal bremst. Crasser war viele Jahre einer der leitenden Tonmeister beim DDR Rundfunk, Müller Cheftontechniker auf der anderen Seite der Mauer, bei den legendären Hansa-Studios in West Berlin. Ihre Erinnerung gleichen und unterscheiden sich auf verblüffende Weise.

Interview: Johanna von Stülpnagel und Nicole Walter | Fotos: Nicole Walter | Konzept: Bastian Ernicke

Wer sie sieht, denkt: unterschiedlicher könnten sie nicht sein. Der Geschäftsmann Tom Müller von den Hansa-Studios, der ruhig-zurückhaltende Jürgen Crasser. Der eine hat sein Studio zu Hause in Zehlendorf, der andere lebt und arbeitet heute in Hohenschönhausen. Müller hat vor der Wende mit David Bowie über die Mauer in den Osten geschaut – wo Jürgen Crasser ein leitender Tonmeister des DDR-Rundfunks war und mit Veronika Fischer, Panta Rhei und anderen im Studio war.

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Tatsächlich teilen sie vieles: Beide fassen fast alles an, was mit Musik zu tun hat. Ohne Schranken im Kopf. Müller arbeitete jüngst an argentinischem Funk für das Berliner Label Cityslang und an Beethovens Klaviersonaten. Crasser sagt auf die Frage, ob es etwas gebe, wovon er die Finger lässt: „Nur Musik für Pornos und für Nazis rühre ich nicht an”. Und ergänzt: „Ich habe aber nichts gegen Pornos, wenn sie gut sind.“ Beide gehen auf die siebzig zu. Und haben nicht vor aufzuhören. Aber auch nicht, um jeden Preis weiterzumachen. Wenn das Gehör spürbar nachlässt, ist Schluss. “Mit dem Hörrohr kann man das nicht mehr machen”, bringt es Crasser auf den Punkt. In Sicht ist das nicht.

Jürgen Crasser und der Klangpalast an der Spree

Jürgen Crasser lädt uns für das Interview ohne Umschweife zu sich nach Hause ein. Zu Hause, das ist eine ausgesprochen gemütliche Wohnung mit weiter Sicht oben in einem Plattenbau an der Landsberger Allee. Dort wohnt Crasser und dort hat er sich inzwischen auch ein eigenes Studio für seine Mastering-Arbeiten eingerichtet. Unzählige Alben füllen die Regale, viele davon sind noch eingeschweißt. Was uns erstaunt. “Die Alben sind sehr wertvoll. Und so haben später meine Enkel auch noch was davon”, sagt Crasser. Er selbst kennt sie ohnehin in- und auswendig. Beim Mastering hat er jede einzelne Sekunde bewusst gehört. Und unter Kopfhörern Neues zu hören und zu mastern, das gehört zu seiner täglichen Arbeit.

Jürgen Crasser beim Interview

Der Blick aus dem Hochhaus in der Landsberger Allee

Jürgen Crasser wollte eigentlich Nachrichtensprecher werden. Nach der Schule hat er dafür vorgesprochen, aber er wurde nicht genommen. “Gott sei Dank!”, sagt er heute. Stattdessen ging er nach Berlin, um hier fünf Jahre Musik zu studieren und Tonmeister zu werden. Beim Rundfunk der DDR hat er 1962 angefangen – und er blieb, wurde später Chef-Tonmeister für Unterhaltungsmusik. Bis zur Wende. Denn als der Rundfunk der DDR unter der Kohl-Regierung abgewickelt wurde, musste Crasser in die Arbeitslosigkeit gehen. Nicht lange, dann holte ihn die Stern-Combo Meißen, um ein Studio aufzubauen. “Die Rock-Opas”, sagt Crasser, “die sind heute immer noch unterwegs”. Crasser blieb eine Weile, bis ihn Tom Müller mit in sein Studio in Zehlendorf holte.

Zu BRD-Zeiten war Tom Müller öfters in den Tonstudios des DDR-Rundfunks gewesen, um für den Meisel Verlag so genannte “Rasiermusik” zu produzieren. Die Streicheraufnahmen für diese seichte Instrumentalmusik für zwischendurch – die, so Müller, “niemand weh und niemand wohl” tat, wurden bevorzugt in der günstiger arbeitenden DDR aufgenommen. So lernten sich die beiden Tonmeister kennen. Von Crasser hat Müller, wie er selbst sagt, die Genauigkeit gelernt. Er selbst sei manchmal zu „wuschi wuschi“ – „der Mann fürs Grobe“, während sein Kollege „der Feingeist“ sei und weltbekannt für sein präzises Arbeiten.

Jürgen Crasser nach unserem Interview

Jürgen Crasser sagt über seinen Arbeitsstil: “Die Technik muss funktionieren, alles andere ist Psychologie. Das ist das Wichtigste.“ Er erinnert sich gerne daran, dass einer seiner Professoren im Musikstudium sagte, ein guter Tonmeister sei zu 25 Prozent Techniker, zu 25 Prozent Musiker und zu 50 Prozent Irrenarzt. Da sei viel Wahres dran, sagt Crasser. Auch wenn der Begriff „Irrenarzt“ ein wenig zu hart klinge. Für ihn selbst sei immer wichtig gewesen, den Musikern im Studio hundert Prozent seiner Aufmerksamkeit zu widmen und ihnen die Lockerheit zu geben, die es brauche, um alles aus sich herauszuholen. Manchmal reichte es, die helle Studiobeleuchtung auszuknipsen und durch eine Stehlampe zu ersetzen. Oder durch die Glasscheibe zu flirten für einen Liebesschlager, sagt Crasser.

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Das Arbeitspensum im DDR-Rundfunk war hoch: Von früh bis nachts wurde in vier Sälen produziert. „Wir haben im Rundfunk insgesamt mehr aufgenommen als die beiden Plattenlabel Amiga und Eterna zusammen“, sagt Crasser.

Sein Spezialgebiet war die Popmusik: große Big Band Produktionen, Schlager von Veronika Fischer und Franz Bartzsch, von Frank Schöbel, außerdem die Karat-Vorgängerband Panta Rhei, Silly und die Puhdys – eine kleine Auswahl. „Bis auf Hardrock kenne ich eigentlich alles“, sagt Crasser nicht ohne Stolz. Live-Veranstaltungen wie “Rock für den Frieden”, veranstaltet vom Zentralrat der Freien deutschen Jugend (FdJ) hat Crasser als Tonmeister im Ü-Wagen betreut und auf den Sender geschickt. Auch für den Jugendsender DT 64 hat er die Übertragungen und Produktionen geleitet.

„Ich war mit Herz und Seele DDR-Bürger“, sagt Crasser heute. „Je ne regrette rien. Ich bereue nichts.“ Für ihn sei es eine gute Zeit gewesen. “Im Studio haben alle an einem Strang gearbeitet.“. Locker und mit großer Sorgfalt zugleich. Und anders als manch anderer werde er sich jetzt nicht im Nachhinein zum Widerstandskämpfer machen. „Warum auch?“, fragt er.

Heute arbeitet Crasser zu Hause viel an Mastering-Arbeiten für das renommierte Label Bear Family Records. Besonders gerne an Rhythm and Blues-Musik. “Das geht richtig ab”, sagt er. Von seinen jüngsten Arbeiten schätzt er außerdem Zarah Leander, Lotte Lenya, Nat King Cole und Dean Martin besonders. “Eine harte Arbeit, eine gute Arbeit”, sagt er öfters, als wir vor seinem Musikregal stehen. Beides geht für ihn Hand in Hand.

Der DDR-Rundfunk an der Nalepastraße

Das Funkhaus an der Nalepastraße 10-50 in Oberschöneweide wurde von 1951 bis 1956 gebaut, entworfen hat es der Architekt Franz Ehrlich. Bis 1990 residierte dort der Rundfunk der DDR. Ein riesiger Komplex, der heute unter Denkmalschutz steht. Von dort gesendet haben vor der Wende die Sender Stimme der DDR, Radio DDR 1, Radio DDR 2 und der Jugendsender DT 64. Vor ein paar Jahren ersteigerte nach einigen Querelen schließlich ein israelischer Investor das Funkhaus. Heute wird dort teilweise wieder produziert und gearbeitet. Cecilia Bartoli, Daniel Barenboim, Sting, Nena und viele andere haben dort nach der Wende gesungen und musiziert. Paul Kalkbrenner hat sich jetzt ein Studio dort eingerichtet. Die Klangqualität in den Nalepa-Studios ist legendär. Die Aufnahmeräume sind in Säle eingehängt, um sie klanglich von außen abzuschirmen.

Tom Müller und die Hall near the wall

Tom Müller, langjähriger Leiter der Hansa-Studios, fragt uns zu Beginn des Interviews verschmitzt: „Wieviel wollen sie haben? Wir können auch ein Hörbuch produzieren.“

Tom Müller beim Interview im Meisel-Verlagshaus in Wilmersdorf

Er, der sich als Techniker und Musiker zugleich bezeichnet – ein Computerbegeisterter, der die „Seele der Musik“ liebt – wollte eigentlich schon immer Tontechniker werden. Doch ohne die richtigen Kontakte konnte man zu der Zeit, als er die Schule abschloss, keinen derartigen Beruf anstreben. Aus Vernunft wurde er daher zunächst Maschinenschlosser, arbeitete jedoch keinen Tag in dieser Branche. Im Gegenteil, bald nach der Lehre schon spielte er Klavier in einer Galaband nach einem Intermezzo als Pianist in einem Stripclub in Würzburg. Am Ende wurde er schließlich doch noch an der Schule für Rundfunktechnik in Nürnberg zum Tontechniker ausgebildet.

Es sollte die richtige Entscheidung gewesen sein, denn für eine große Karriere als Musiker fehlte es ihm an Talent, wie er selbst sagt. Als Tontechniker hat er später über zwanzig Jahre lang die Hansa-Studios geleitet. Er entdeckte und förderte Künstler wie Nina Hagen, Rosenstolz und Milva. Heute mischt er noch den einen oder anderen Song für Sido ab. Die Bandbreite der Musikstile ist derart groß, da er als gelernter Tontechniker für den Rundfunk mit allen möglichen Stilen konfrontiert wurde und arbeiten musste. Ein großer Vorteil, wie er sagt.

Tom Müller

Heute ist er an sich im Ruhestand, was aber nicht heißt, dass er nicht noch beinahe täglich im Studio steht. Allerdings sucht er sich seine Kunden mittlerweile aus und da es nicht mehr um das Geld geht, machte er das, was er mag. Und er digitalisiert alte Tonbänder, um sie vor dem Verfall zu retten. Stilistisch ist er heute völlig frei: „wenn ich ne Gänsehaut kriege, ist das ein guter Maßstab für mich, dass ich da dran bleiben möchte.“
Im Tonstudio ist es seine Aufgabe, das Beste aus den Künstler herauszukitzeln, ihnen zu helfen, frei zu werden. Das bedeutet in erster Linie: den Künstler ernst zu nehmen, wozu eine klare Kommunikation gehört. Für Tom Müller ist eine klare und präzise Sprache im Studio ein Meilenstein auf dem Weg zu einem erstklassigen Ergebnis. Wenn sich kein derartiges Ergebnis ankündigt, bricht er auch mal eine Session ab.

Der Niedergang der großen Studios in den 90ern verlief parallel zu den Entwicklungen der Musikprogramme auf heimischen PCs. Auf einmal konnte jeder zu Hause Songs produzieren, das „Sterben der Dinosaurier” begann. Mit dem Fall der Mauer fiel außerdem ein wichtiges PR-Vehikel der Hansa-Studios weg. Von der Dachterrasse der „Hall near the Wall“ aus konnte man über die Grenz-Brache des Potsdamer Platzes blicken, direkt zu den Volkspolizisten der DDR. „Spätestens dann“, erinnert sich Müller, “machten alle Produzenten den Vertrag. Die Lage der Studios war viel zu interessant und einzigartig, um es sich entgehen zu lassen.” Der einzigartig warme Klang von Analogtechnik mache die Hansa-Studios heute wieder attraktiv. Dort finde sich nicht nur ein „gepflegtes Mischpult“, sondern auch eine Arbeitsatmosphäre, die das menschliche Miteinander hinter den Geräten wieder in den Mittelpunkt rücke und kreative Synergien fördere, sagt Müller.

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Ab und zu ist er auch heute noch in den Hansa-Studios: „Die kennen mich alle noch, und ich kenne sie auch noch alle.“ Schließlich arbeitete er dort von Anfang der 70er bis in die 90er – den Produzenten Jack White, zum Beispiel, habe er mehr gesehen als seine Kinder. Damals waren die Studios „Geldmaschinen“, die gefüttert werden mussten. Dennoch bezeichnet Tom Müller seine Familie als seine beständige „Wurzel“, die er als „einsamer Wolf“ brauche, um im schillernden Musikmilieu zu bestehen. Die beiden Welten hat er getrennt. Mit Milva nahm er über 20 Alben auf, trotzdem würde er selbst dann nicht sagen, dass sich zwischen ihnen eine besondere Freundschaft entwickelt hat . Tiefe Freundschaft, das wäre für ihn mehr.

Und doch sind es gerade die zwischenmenschliche Erlebnisse die seine Karriere prägen, über die er heute oft noch herzlich lachen kann. Bands aus Großbritannien kamen oft mit dem deutschen Bier nicht klar und mussten auf der Polizeiwache ausgelöst werden. Ein englischer Musiker krachte am Potsdamer Platz frontal in ein entgegenkommendes Auto, da er das Rechtsfahrgebot vergessen hatte. Eine Band brachte er dazu, zweieinhalb Stunden lang die Hansa-Studios wieder aufzuräumen, die sie in einer wilden Partynacht durcheinander gebracht hatten.
Die großen Stars hingegen waren in seinen Augen meist sehr diszipliniert. Sie wüssten, dass sie nicht perfekt seien und nur im Team funktionierten. Costa Cordalis hielt er anfangs für einen „Schlagerfutzi“ und war überrascht, was für ein “netter Typ” er sei. Mit Cordalis nahm er dessen Superhit „Anita“ auf.

Für die Zukunft hat Tom Müller noch keine konkreten neuen Projekte. Er ist sich bewusst, dass man mit dem Älterwerden auch geschmacklich stehen bleibt und verabscheut nichts so sehr wie krampfhafte Jugend. Seine bisherige Karriere reicht ihm, er möchte heute nur noch „Danke“ sagen, sagt er. Und fügt hinzu, dass er nach dem Interview geradewegs nach Hause fährt: „Und dort setze ich mich gleich wieder ins Studio und preple.”

Die Hansa-Studios

Die Hansa-Studios (heute mit insgesamt 8 Studios und 2 TV Produktionsfirmen) bestehen seit 1964 und wurden von den Brüdern Peter und Thomas Meisel gegründet. Der Meistersaal ist in punkto Klangqualität und Ausstattung legendär. 1972 zogen die Studios von der Nestor Strasse in die Köthener Strasse, direkt an die ehemaligen Zonengrenze, was den Studios den Spitznamen „The Hall near the Wall“ einbrachte. Im Laufe der Jahre wurden dort u.a. Hits und Alben von Mirielle Mathieu, Marianne Rosenberg, Peter Maffay und Udo Jürgens aufgenommen. In den 80ern bis heute kamen Künstler wie Iggy Pop, Depeche Mode, David Bowie, Herbert Grönemeyer, Nina Hagen und U2 hinzu. 2010 haben R.E.M. ihre neue Platte in einem der Hansa-Studios aufgenommen, das Album wird am 4. März erscheinen.

Links:

>> Wikimedia Commons: Archivbilder vom Funkhaus in der Nalepastraße

>> “Nun also Knetmasse-Männchen”: Deutschlandradio über das Funkhaus an der Nalepastraße (2009)

>> “Funkstille”: Der Tagesspiegel über das Funkhaus und seine Geschichte (2006)

>> Bear Family Records

>> Die Hansa-Studios

>> Die Meisel Musikverlage

>> R.E.M. über ihre Albumaufnahmen in Berlin

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One Response to Ein guter Tonmeister ist zur Hälfte Irrenarzt

  1. Tante_Helga says:

    Hut ab, toller Beitrag!

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