Der kreaturen verbund

Lissy Pernthaler schreibt für bier statt blumen – und sie ist Schauspielerin, Autorin und Performerin. Zusammen mit Can Fischer hat sie den “kreaturen verbund” gegründet. Der kreaturen verbund, das sind drei Sparten: Theater, Event und Theaterverlag. Zurzeit laufen die Vorbereitungen für eine szenische Lesung, die im Mai im Kreuzberger Literaturhaus Lettrétage zu sehen sein wird.

Can Fischer und Lissy Pernthaler lernten sich auf der Schauspielschule Charlottenburg kennen. Dort absolvierten beide ihre Schauspielausbildung bei Valentin Platareanu. Seit dem Zeitpunkt verband sie eine Freundschaft und eine Vision. Beide schreiben Texte, beide lieben das Theater und das Experiment. „Irgendwann war es der nächste natürliche Schritt, zusammen ein Stück zu schreiben. Wir hatten einen Titel, ein Grundgerüst und formale Vorgaben. Dann ging es los”, sagt Lissy Pernthaler. „Mich interessiert das Zwischenmenschliche, das ist ja das, was uns im Leben antreibt, was uns aber genauso verstrickt, darüber wollen wir schreiben. Ein Spiegel sein“, sagt Can Fischer. Es entstanden zwei gemeinsame Theaterstücke: Woiteks Kuss / In mir fällt Schnee und Volksmund. Die beiden Stücke sind frei zur Uraufführung, und Pernthaler und Fischer schreiben weiter. Beiden genügt es nicht zu schreiben und dann passiv zu bleiben. Sie sammeln Gleichgesinnte um sich, um für eine Produktion, ein Thema, eine Freundschaft zu verbinden.

Die erste Produktion mit dem Namen kreaturen verbund ist Vernissage von Václav Havel, das im Berliner Kleisthaus aufgeführt wurde. Auch die Produktion Winter von Jon Fosse wurde erfolgreich in Berlin, Wien, Paris und Bielefeld gespielt. Die Idee, die eigenen Texte zu publizieren, zu verbreiten und spielen zu lassen, hat Can Fischer und Lissy Pernthaler dazu bewogen, ihre Stücke an viele Verlage zu schicken. Can Fischer schreibt Theaterstücke Erzählungen und Romane. Lissy Pernthaler sucht gerade eine Finanzierung für ihr Drehbuch und einen neuen Verlag für ihre jüngsten Kurzgeschichten, ihr erster Prosaband „Lorbeer und Zitrone“ erschien 2009 im Skarabaeus Verlag.

Can Fisher und Lissy Pernthaler

„Ein Zusammenschluss erschien uns logisch, da wir so, mit einer gemeinsamen Homepage und einem Namen, eine breitere Aufmerksamkeitsspanne haben. Wir wollen fernab vom Stadttheaterbetrieb unsere eigenen Texte umsetzen und aufführen. Entweder als Produzenten oder als Regisseure, als Schauspieler oder Autoren. Die Off-Szene in Berlin ist groß und hat kein Geld”, sagt Pernthaler. “An die großen Fördertöpfe wie Hauptstadtkulturfonds, Fonds Darstellende Künste zu kommen, erscheint ohne Beziehungen schier unmöglich. Man wird demotiviert. Und dennoch gibt es in Berlin so viele Menschen, die für so wenig bis gar kein Geld versuchen, Kunst zu machen. Es gibt geförderte Off-Produktionen, liest man aber genauer nach, haben diese Produktionen meist doch eine Förderung in petto, die sie sich von diesem Off-Off Bereich abgrenzen lassen, da es einfach Gelder gibt, mit denen die Produktion z.B. beworben werden kann. Wir wollen für unsere Arbeit und unsere Ideen bezahlt werden. Wir wollen Kooperationspartner, verschiedene Spielstätten, Gelder für Produktionen und Kontakte zu Verlagen und Literaten.“

Ein Grund dafür, einen eigenen Theaterverlag zu gründen, war auch, dass sie mit neuen Herausforderungen konfrontiert waren. Zum Beispiel mit komplexen vertraglichen Situationen zwischen Autor, Verlag und Bühne, und dem Aufwand eines ausführlichen Stücklektorats. „Da mussten wir uns eingestehen, dass wir dieses Pensum zu zweit nicht erfüllen könnnen, schon gar nicht, weil ja jeder von uns auch noch andere Projekte und Jobs macht, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und da war es klar, dass wir eine dritte Person ins Boot holen werden“, sagt Lissy. „Wir sind glücklich, dass wir seit Januar Holger Müller-Brandes im kreaturen verbund haben. Er kommt von der Musiktheaterregie und übernimmt ab sofort das Lektorat des Theaterverlags, da er als Drehbuchlektor und Dramaturg Erfahrung hat.”

Der kreaturen verbund versteht sich auch als Schnittstelle, er will ein Konglomerat aus Autoren, Produzenten, Regisseuren, Schauspielern, Dramaturgen, Musikern und Performern sein.

“Wir wollen das Genre ‘Event’ neu beatmen. Die in Szene gesetzten Kreaturen sind viel mehr Teil des Events und mischen sich unters Publikum.

Um sich von klassischen Schauspielensembles und Theatern besser abgrenzen zu können, haben die zwei Gründer drei Sparten formuliert, unter denen ihre Arbeit zu beschreiben ist. Ein Bereich gehört dem Theater in all seinen Formen. Von klassisch bis performativ, die Produktion von Theaterstücken schon arrivierter, meist moderner und zeitgenössischer Autoren, sowie die Aufführung ihrer selbst geschriebenen Stücke. Für das gemeinsame Stück Volksmund, laufen gerade die Vorbereitungen für eine szenische Lesung, die im Mai im Kreuzberger Literaturhaus Lettrétage zu sehen sein wird.

Die zweite Sparte heißt Event. Lange haben die beiden mit dem Namen Event gehadert, da sie ihn beide mit seichter Unterhaltung, meist ohne tiefer gehende Hintergründe, begreifen. Doch die Idee ist, das Genre Event, das als solches einfach ein etablierter Begriff ist, neu zu beatmen. Der kreaturen verbund bietet szenische Collagen und individuelle Einlagen maßgeschneidert für Veranstaltungen und Events an, in dem er unterschiedliche Kreaturen passend zur Veranstaltung inszeniert. Die in Szene gesetzten Kreaturen sind viel mehr Teil des Events und mischen sich unters Publikum, so dass viele individuelle Momente der Begegnung mit den Gästen entstehen. „Wir haben gute Ideen und sind offen für eigene Vorschläge der Auftraggeber. Wir bespielen so die Veranstaltungen oder Feste.“

Sie wollen keinen festen Ort, kein Haus, das sie bespielen wollen, sagen sie. „Jede Idee braucht andere Räume und hat unterschiedliche äußere Umstände! Das Spannende ist es ja gerade, sich nicht von vornherein in seinen Ideen einschränken zu müssen. Oft inspirieren uns auch Orte, für die wir dann etwas in Szene setzen wollen“, sagt Lissy Pernthaler. So geschehen mit dem Kleisthaus Berlin, an dem mit der Vernissage von Václav Havel die zweite erfolgreiche Produktion aufgeführt wurde. Es braucht Geduld, es braucht Verbindungen, sie wollen jetzt selbst ein Netzwerk aufbauen, in dem man sich kennt, empfiehlt, miteinander arbeitet oder sogar befreundet ist.

Im Herbst 2010 gab es eine multimediale Lesung mit Kurzgeschichten von Lissy Pernthaler. In ihrer Heimat Südtirol las sie auf Einladung zum Tag der Bibliotheken. Eine normale Lesung mit ihren Texten war ihr zu langweilig. „Ich habe für jede Geschichte Videos gedreht. Zum Teil sind es Stimmungsbilder in der Natur, zum Teil sind es kleine Szenen mit Schauspielern als Vorlauf zur Geschichte oder Situationen ohne Worte zwischen Menschen, die den Geschmack der Geschichten erweitern. Dazu habe ich zwei befreundete Musiker gefragt, ob sie Musik dazu komponieren. Zwei Tracks habe ich selbst komponiert und eingespielt.“ Entstanden ist „Nachtfalter“ als multimediale Lesung. Die ganze Rückwand war mit dem Video ausgefüllt, dazu lief der Sound. An einem kleinen, wackeligen alten Waschtisch aus Zeiten ohne Strom und fließend Wasser, saß die Autorin und las ihre Texte. „Die Menschen mochten die Erweiterung auf die visuelle Ebene, sowie die Stimmung, die durch die Musik erzeugt wurde”, erzählt Can Fischer vom Abend in Kaltern am See.
Dass es auch Ungereimtheiten gibt, kommt manchmal vor: „Das Wichtigste ist echt die Kommunikation“, erzählt Can, „die muss zwischen uns stimmen. Wenn einer mal schlampt und eine Info nicht gleich weiterleitet, kann das schnell untergehen. Da wir kein gemeinsames Büro haben, läuft bei uns alles über E-Mail, und da muss man dann sehen, dass jeder alles bekommt und man sich kurzschließt, nicht nur tages-, sondern stundenaktuell.“

Die szenische Lesung “Volksmund” kommt im Mai 2011
ins Literaturhaus Lettrétage am Kreuzberger Viktoriapark.

Für 2011 steht die szenische Lesung ihres gemeinsamen Stückes Volksmund auf dem Plan. „Wir haben mit der Lettrétage Berlin einen wunderbaren Ort für unser Stück gefunden. Schon bei der ersten Besichtigung der Gründerzeitvilla am Rande des Kreuzberger Viktoriaparks kamen uns tausend Ideen, wie man die szenische Lesung mit dem alten Haus verbinden kann“, sagt Can Fischer. „Ja, das Stück passt perfekt hierher. Der knarrende Fußboden, die Nähe zum Park. Wir wollen unser Stück von sieben Schauspielern szenisch lesen lassen, und so einen ersten Kontakt zum Publikum mit dem Text herstellen. Inszenieren soll unser Stück für die Bühne dann aber irgendwann jemand anderes, das Stück ist immer noch frei zur Uraufführung“, sagt Lissy Pernthaler. Auch hier spielt Musik eine Rolle. Martin Matilla aus Buenos Aires hat für das Stück Volksmund Musik komponiert und der Schauspieler Tobias Kilian, der eine Rolle im Stück liest, wird den Abend live mit der E-Gitarre und mit eigenen Kompositionen für das Stück begleiten.

Ein neues Vorhaben von Lissy Pernthaler und Can Fischer ist die dritte Sparte, der Theaterverlag. Da beide schreiben und sich über das Schreiben von Theaterstücken wiedergefunden haben, lag die Idee nahe, einen Verlag für Theatertexte zu gründen. Nun sind sie auf der Suche nach neuen, unveröffentlichten szenischen Texten für ein Theater der heutigen Zeit. “Wir wollen unsere Autoren gut betreuen und mit ihnen ein Profil finden, wo wir sie am besten ansiedeln können.“, meint Can Fischer.

Dass der Weg am Anfang mit Stolpersteinen belegt ist, denen es auszuweichen gilt, wussten die beiden. „Aber die Mühe lohnt sich. Wir haben was Eigenes, haben uns verbunden. Fehler die wir jetzt machen, Erfahrungen, die wir jetzt in den ersten schwierigen Schritten in die Selbstständigkeit machen, lernen wir fürs Leben. Es gibt anfangs eben viel Bürokratisches, das geklärt werden muss. Das sind die zähen Momente eines künstlerischen Arbeitens. Aber sie gehören dazu und wollen geregelt sein. Wir müssen uns ja auch absichern”, sagt Can. „Das ist wie bei einem Kind, das die ersten Schritte macht. Klar hat man Angst, dass es auf die Schnauze fliegt, aber man hat auch das nötige Vertrauen, dass es alleine seinen Halt findet. Und wenn es tatsächlich ins Straucheln kommt oder fällt, ist man sofort zur Stelle und versucht es gleich noch mal“, ergänzt Lissy. Klingt nach viel Arbeit, so viele Ideen. Es gibt es noch viel mehr, was die beiden umtreibt. Can Fischer ist immer wieder als Schauspieler am Stadttheater Bielefeld oder war, ganz aktuell, an der Tribüne Berlin engagiert. Er hat gerade die Schreibarbeit an seiner Erzählung „Kalte Wolken“ vollendet und hat Arbeiten mit der Videokünstlerin Susanne Weber-Lehrfeld realisiert. Lissy Pernthaler schreibt immer wieder Konzepte für Performances, die sie zur Aufführung bringt, sie hat ein Studium der Europäischen Medienwissenschaft angefangen und schreibt weiter Kurzgeschichten und journalistische Texte, auch für bier statt blumen.
„Wir sind kreative Kreaturen“ sagt Can Fischer, „wir können nicht anders”. „Nicht anders können. Dann ist es gut. Das ist ein gutes Barometer, für das was man will, wenn das Herzblut in Wallung gerät“, fügt Lissy Pernthaler hinzu.

Der kreaturen verbund im Netz >>

Posted in berlin.kultur, Feature and tagged with , , . RSS 2.0 feed.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>