Liebig 14 geräumt

Polizisten auf den Dächern um die Liebig 14

Das alternative Wohnprojekt in der Liebigstraße 14 in Friedrichshain wurde  von der Polizei gewaltsam geräumt. Vor 20 Jahren war das Haus besetzt worden, zwei Jahre später wurde es legalisiert, seit Anfang Februar ist es Geschichte. 2.500 Polizisten waren laut Polizeiangaben den ganzen Tag über im Einsatz, immer wieder fackelte an verschiedenen Teilen Berlins Protest auf. Am Abend gab es eine große Solidaritätsdemonstration in Friedrichshain, die von der Polizei vorzeitig gestoppt wurde. Auch in anderen Städten wie Hamburg und Frankfurt am Main gab es Solidaritätsdemos.

Von Nicole Walter : Über die Liebig 14 ist viel und sehr gut berichtet worden: Helen Pidd hat im Guardian einen sehr guten Artikel geschrieben, Konrad Litschko in der taz. Deshalb findet ihr hier bei bier statt blumen einen anderen Blickwinkel: Eine Reportage vom Rande der Räumung.

Vor dem Bäcker am Bersarinplatz steht um halb sieben morgens eine Raucherclique in markanten Kapuzenpullis auf den Stufen und trinkt Kaffee. Liebig 14-Sympathisanten wärmen sich nochmal auf.  Ein paar Meter weiter werden die Garagenhöfe gesichert, kein Durchkommen mehr. Ein stämmiger Bundespolizist steht da vor den Garagen, neben ihm offenbar der Hausmeister, sein kariertes Hemd leger über der Jeans. “Hallo, hallo, hier Bambi 11″, flüstert der breitschultrige Polizist in sein Funkgerät. “Bambi 11″, klar, so heiß kann’s ja nicht werden. Ich gehe weiter bis zur Ecke Liebigstraße, rund hundert Meter entfernt von der Liebig 14. Aber die hundert Meter sind abgesperrt von einer Reihe Polizisten, der Platz vor der Liebig 14 ist hell angestrahlt, auf den Dächern stehen Polizisten. Vor der Absperrung stehen aufgereiht die Übertragungswagen, rbb, 94.2 rs2, ntv. Ein paar nett angetrunkene Punks, alles ruhig. Ein kleine Kapelle mit Tuba musiziert. Aber da geht noch was: Die ntv-Moderatorin stellt sich für ihren Aufsager einfach direkt vor die kleine Polizistenriege, und der Kameramann hält dicht rauf. Sieht martialisch aus im TV, aber vor Ort lächeln alle um sie herum.

Eine Liebig 14-Sympathisantin steht vor Polizisten

Nach einer Weile regt sich Unruhe im Pressepulk, die Absperrung ist zu weit weg, um zu sehen, was vor der Liebig 14 geschieht. Nach einer Weile ist der Polizeisprecher weichgeknetet, er lässt die Journalisten bis auf gut 20 Meter ran an das Hausprojekt. “Auf eigene Gefahr, da können Steine fliegen”, warnt er. Die Balkone des Hausprojekts gegenüber und die Balkone der Nachbarhäuser von der Liebig 14 sind gut besetzt, von dort aus wird gefilmt, Live-Streams werden direkt ins Internet übertragen. Auf einigen Balkonen werden Thermoskannen und Käsestullen statt Steinen ausgepackt. Die Stimmung ist gelassen bis gelangweilt. Lange Zeit passiert nicht viel, aber der Polizeisprecher hat schon Live-Telefoninterviews mit ntv und der ARD klargemacht. Die Polizei hat die Tür zur Liebig 14 aufgerammt, der Gerichtsvollzieher ist rein, draußen ist alles friedlich. Die Sympathisanten skandieren ab und zu Parolen und lärmen mit Töpfen und Pfannen. Gefährlich wirkt das nicht. Es wird halb neun und leicht frustriert schreit der Reporter des Berliner Rundfunks live in sein Mikro: “Die Lage ist noch immer nicht eskaliert. Ich bleibe dran für sie.”

Viele Bilder vom verwüsteten Inneren der Liebig 14,
aber wenige vom Polizeieinsatz im Haus

Ein Pulk von Journalisten filmt und beobachtet die Polizisten, die sich jetzt wieder vor der Haustür der Liebig 14 drängen. Aber nur kurz, denn schnell fährt eine Wanne direkt vor und versperrt zielsicher die Sicht. Um den ganzen Eingangsbereich herum haben die Polizisten einen Sichtschutz aus Polizeiwagen aufgefahren. Pressefreiheit wird kleingeschrieben an diesem Tag. An der potenziellen Gefahr kann es nicht liegen, die Lage ist friedlich. Das sehen auch die beiden Polizisten so, die es sich im Kamerawagen der Polizei kurz vor der Liebig 14 gemütlich machen: Einer mümmelt Salzbrezeln, sein Kollege zuckert gerade einen Pfundbecher Speisequark und leckt den Löffel so genüsslich ab, wie es typischerweise Frauen mit Schokoladeneis tun. Die Journalisten bekommen bei Tempaturen knapp über null Grad allmählich kalte Füsse und steife Finger, ihre Geduld schrumpft. Es spricht sich rum, dass die Polizisten im Inneren der Liebig 14 Schwierigkeiten haben, sich ihren Weg durch das Haus zu bahnen. Viele Türen sind massiv verbarrikadiert, Wasser läuft, Treppen sind zerstört.

Polizeiwagen versperren die gute Sicht

Der Auftritt und Vermittlungsversuch des Grünen-Politiker Christian Ströbele bringt kurzzeitig Abwechslung. Der Anwalt der von der Räumungsklage betroffenen Liebig 14-Bewohner kommt auf die Journalisten zu. Er wünscht sich ein Gespräch mit dem Gerichtsvollzieher, doch der stellt auf stur, zeigt sich nicht gesprächsbereit. Ein junger Mann auf dem Balkon des Nachbarhauses der Liebig 14 schreit zum Journalistenpulk: “Die Räumung erfolgt gerade über den Hinterhof von der Rigaer Straße.” Die ist fest verbarrikadiert. Die noch anwesenden Bewohner der Liebig 14 haben sich in einer Wohnung verbarrikadiert und werden später festgenommen.

Die ersten Journalisten gehen Kaffeetrinken. Es ist zehn. Das Café am Bersarinplatz, wo sich um halb sieben noch die Liebig 14-Sympathisanten beratschlagt haben, ist jetzt fest in der Hand der Journalisten.

Posted in berlin.politisch, Feature and tagged with , , . RSS 2.0 feed.

One Response to Liebig 14 geräumt

  1. Philou says:

    Sehr schön dieser artikel, der den Blick hinter das “Mediale Ereigniss” wirft, oder besser gesagt darauf!!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>