KillArt: Provozieren ohne Waffe

KillArt im ehemaligen Kunstkeller Lichtenberg

Lorenz aka KillArt hat früher nachts auf der Straße mit Schablonen gesprüht. Irgendwann war ihm der “Hype des Illegalen” zu viel und ihm fehlte der Mut zu atemberaubenden Graffitti-Aktionen. Statt dessen sprüht er heute für Ausstellungen, u.a. im Kunstkeller Lichtenberg. Um gute Bilder zu machen, muss man kein Gangster sein, findet er. Wir treffen KillArt in der Rumbalotte, Lesebühne und Kulturkneipe im Prenzlauer Berg.

Interview: Johanna von Stülpnagel und Nicole Walter, Idee: Bastian Ernicke, Fotos: KillArt : 1. März 2011 Ein Kiosk in der Boxhagener Straße in Friedrichshain: Wir bringen unsere Printausgabe vorbei, der Sohn der Besitzerin schaut auf unser Titelbild und sagt: “Woaah, die haben es auf den Titel geschafft!” Wir schauen ihn an, mit großen Augen: Wer, bitteschön? “Na, die TCK-Crew”, sagt er. “Die tough city kids”. Tatsächlich, auf dem Photoautomaten auf unserem Cover prangt ein gesprayter Schriftzug TCK . Der Name der Sprayer-Crew. Und dass ihr Schriftzug, genannt Tag, auf dem Titel eines Magazins gelandet und dort verewigt ist, ist eine Auszeichnung für sie. Ihre Crew bekannt zu machen, darum geht es.

Lorenz aka KillArt ist sowas nicht so wichtig. Er sprayt auch, bevorzugt mit Schablonen. Früher auch nachts auf der Straße, inzwischen hat er eigene Ausstellungen. “Ich brauche nicht den Reiz des Illegalen. Ich kann als Sprayer mein politisches Anliegen auch anders verdeutlichen”, sagt KillArt. Politisch verortet er sich als “links bis linksradikal, kein aktiver Gewalttäter, aber zumindest Sympathisant”. Die Silvio-Meier-Demonstration, die jedes Jahr im November in Friedrichshain stattfindet, ist für ihn Standard. Silvio Meier, Hausbesetzer und Antifa-Anhänger, wurde 1992 im U-Bahnhof Samariter Straße von Neonazis erstochen.

Das Interview mit KillArt hören >>

“Wenn ich ein Ausstellung habe und draußen sprühe, dann ist es für die Bullen natürlich ganz einfach, die brauchen die Schablonen nur zu vergleichen und man ist sofort dran”, dachte er sich, als die erste Ausstellung ins Haus stand.

Er hat inzwischen u.a. im Kunstkeller in Lichtenberg auf 400 Quadratmetern die Wände zusammen mit anderen Sprayern gestaltet. Den Kunstkeller gibt es so nicht mehr, der Keller unter dem Kulturzentrum Canteatro auf dem Gelände eines ehemaligen Strom-Umspannwerkes wurde verkauft. KillArt bedauert das sehr. Er hätte gern noch mehr daraus gemacht: einen Ort, an dem Jugendliche zusammen sprühen, ohne dass es den Thrill des Illegalen braucht. Daraus ist nichts geworden, den Wunsch hat KillArt aber nicht aufgegeben. Einen Freiraum zu schaffen, in dem die Jugendlichen kreativ und frei sind, ohne dass sie dafür auf Stromschienen der S-Bahn ihr Leben riskieren oder kriminell werden.
In einer Schule für Körperbehinderte hatte KillArt inzwischen einige Projekte gemacht und zusammen mit den Kindern Schablonen geschnitten und gesprüht.

KillArt liebt es, mit Brüchen in seinen Bildern zu provozieren: Auf einem Bild ist eine schöne junge Frau vor schwarz-weiß-rotem Hintergrund zu sehen, darüber prangt in Schablonenschrift der “Freitod”-Schriftzug. Oder das McDonald’s Logo, das sich erst bei näherem Hinsehen als 9/11-Bild mit dem World Trade Center entpuppt – dies sind zwei Beispiele dafür. “Bei mir ist es auf jeden Fall immer politisch, immer angreifend, immer auf Provokation aus”, sagt Lorenz aka KillArt. “Das ist die Grundinformation bei Street Art – denke ich.”

Wen willst du eigentlich erreichen, draußen und drinnen? Welches Publikum hast du vor Augen?, fragen wir ihn. “Draußen habe ich immer versucht die normale, durchschnittliche Gesellschaft zu erreichen. Leute, die eher spießig sind.” Diese mit Brüchen in seinen Schablonen-Bildern zu schockieren und zu provozieren, das war ihm ein Genuss. Das hat sich geändert, als KillArt seine erste Ausstellung hatte. “In Ausstellungen war es eher so, dass ich versucht habe, Jugendliche zu erreichen. Die denken, dass sie mit Graffiti unbedingt draußen sein müssen, dass sie unbedingt eine Crew brauchen, dass sie Gangster sein müssen und sich eine Waffe kaufen müssen, um cool zu sein.” Ihnen will er zeigen: Es geht auch anders. “Sucht euch einen coolen Raum, sprüht dort und stellt das aus.”

Aber auch wenn es persönlich nicht sein Ding ist, atemberaubende Aktionen von Sprayer-Crews imponieren ihm. Wie die Crew, die in München einen Zug so lebensecht verzierte (Bilder >>), dass die Bahn an die falsche, die aufgesprühte Tür das Schild hängte: Tür defekt. “So etwas finde ich ganz hervorragend”, sagt Lorenz aka KillArt. Oder die Berliner Crew, die drei Monate lang jeden Tag mehrere S-Bahn-Waggons besprühte, damit jeden Tag mindestens ein Zug von ihnen zwischen Wannsee und Frohnau unterwegs war. “Davon kriegt man einen Namen, die haben sofort Berühmtheit erlangt”, sagt KillArt. Und in New York hat es eine Crew geschafft, in den Hangar der Concorde einzubrechen, und die kompletten Tragflächen zu besprühen. “Absoluter Respekt, so was ist der Hammer”, kommentiert KillArt die Aktion. “Dafür bekommt man sofort weltweiten Ruhm, das merkt man sich.” Der Ruhm allerdings, der trägt oft nicht weit, räumt er ein. Berühmt zu sein, heiße nicht unbedingt, dass man von seiner Sprayer-Kunst auch nachhaltig leben kann.

Vermisst er etwas beim Innen-Sprayen, im Ausstellungsraum zu sein statt auf der Straße? “Mir persönlich fehlt nichts. Aber den anderen im Kunstkeller hat etwas gefehlt, glaube ich, dieser Kick des Illegalen”, sagt KillArt. Er selbst ist damit vollauf zufrieden: “Ich fand es klasse, das legale Sprühen. Wir hatten Zeit, wir konnten uns untereinander in aller Ruhe austauschen.”

“Es gibt sowas, auf jeden Fall, dass Leute ihren Ruf verlieren, weil sie nur noch legal sprayen. Weil sie dann ja nicht mehr “cool” sind. Ich finde es idiotisch, das so zu sehen.”

Aber verliert man nicht an Respekt, an Glaubwürdigkeit innerhalb der Szene, wenn man sich von der Straße zurückzieht und nur noch legal sprüht? “Es gibt sowas, auf jeden Fall, dass Leute ihren Ruf verlieren, weil sie nur noch legal sprayen. Weil sie dann ja nicht mehr “cool” sind. Ich finde es idiotisch, das so zu sehen”, sagt KillArt. “Ausstellungen zu machen, ist etwas Wertvolles.”

“Ich bin zu nervös, ich habe nicht den Mumm. Man muss ja auch immer etwas ganz Besonderes wagen, damit man stadtweit bekannt wird und einen Namen bekommt. An ein Polizeirevier sprühen, zum Beispiel.” Und er fügt hinzu: “Das war alles nichts für mich, dieser ganze Hype darum. Ich hatte auch einfach nicht den Mut dazu.”

Wenn er denn doch nochmal nachts losziehen würde mit Dosen und Schablonen, was würde ihn reizen? Er antwortet spontan: “Eine linksradikale Schablone an der NPD-Zentrale aufzuhängen. Oder im Bundestag etwas aufzuhängen, das den Kriegseinsatz in Afghanistan negativ darstellt.” Das wäre vielleicht noch interessant für ihn, “die Organisation von innen aufzumischen”. Und mit einem genüsslichen Grinsen sagt KillArt: “Ein auf den ersten Blick sehr schönes Bild zu verkaufen – mit dem versteckten Mittelfinger drin.”

KillArt im früheren Kunstkeller Lichtenberg

Lorenz aka KillArt beim Interview mit bier statt blumen in der Rumbalotte

Links:

KillArt auf Myspace >>
Die Webseite des ehemaligen Kunstkellers in Lichtenberg >>
Writers Corner >>
Graffitibox Magazin >>

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