Die Freunde von der Place Blanche


Die Berliner Galerie “swedish photography” zeigt Christer Strömholms Fotografien der Transsexuellen im Paris der fünfziger und sechziger Jahre.

Von Nicole Walter. Nachts packt er seine Pfeife, die Leica und einige Rollen der legendären schwarz-weißen Tri-X Filme ein und geht hinunter von seinem Hotel in die Brasserie am Place Blanche, nahe des Pariser Montmartre. Zwei schöne Mädchen faszinieren den schwedischen Fotografen Christer Strömholm besonders. Er fotografiert sie, geht dafür auch mit in ihre Ein-Zimmer-Wohnung nahe der Brasserie. Noch in der Nacht entwickelt er in seinem Hotelzimmer die Filme in einer improvisierten Dunkelkammer, um sie den jungen Frauen am nächsten Tag vorbeizubringen. Mit einer Schatulle voller Fotografien steht Strömholm vor der Tür. Die Tür öffnet jedoch ein junger Mann – es ist eine der hübschen jungen Frauen vom Abend zuvor, aber ungeschminkt und nicht mehr in Frauenkleidern. Es ist Mitte der fünfziger Jahre und der Beginn von Strömholms lebenslanger Freundschaft mit den Transsexuellen vom Place Blanche in Paris.

Zwischen 1956 und 1964 nahm er eine Vielzahl von Porträts und Straßenszenen mit ihnen auf. 1965 wurden Strömholms Bilder seiner “Freunde vom Place Blance”, wie er seinen Fotoband betitelte, erstmals gezeigt: im Kaufhaus “NK” in Stockholm. Es war ein Skandal damals, selbst im liberalen Schweden. Die Berliner Gallerie “swedish photography” zeigt jetzt vierzehn der damals ausgestellten Fotografien, die Originale aufgezogen auf Masonit-Platten. Die Fotografien zeugen von der großen Nähe Strömholms zu den Porträtierten und dem Vertrauen, das diese zu ihm fassten. Statt mit der Gier eines Voyeurs auf das Exotische zu schauen, begegnete der schwedische Fotograf Gina, Jacky, Nana und den anderen Transsexuellen vom Place Blanche mit einem respektvollen, einem warmen Blick. Sie vertrauen sich dem Fotografen aus Schweden an, sie laden ihn ein, mit ihnen zu frühstücken. Er ist mit seiner Leica dabei, wenn sie sich ankleiden für die Nacht auf dem Place Blanche. „Christer hat mir gezeigt, wie man sich die Augen ausdrucksstark schminkt, wie man sich die Wimpern tuscht, wo den Kajal ansetzt – en détail. Er hat es gelernt von seinen Freunden von der Place Blanche“, erzählte Ingalill Rydberg bei der Ausstellungseröffnung, seit Ende der siebziger Jahren die langjährige Lebensgefährtin Strömholms.

Ingalill Rydberg, langjährige Lebenspartnerin von Christer Strömberg, bei der Ausstellungseröffnung in der Galerie "swedish photography"

Das ist alles andere als selbstverständlich, damals in den fünziger und sechziger Jahren lebten die Transsexuellen am Rande der französischen Gesellschaft, im Visier von Sittenpolizei und konservativen Parisern. Oft war die Prostitution die einzige Möglichkeit, sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Strömholm hatte genau dafür große Sympathie: Wie sie Anfeindungen und Widerständen trotzten und ihrer Individualität starken Ausdruck verleihten. “Sie setzten sich mit ihrer eigenen Identität auseinander und das war auch der Ausgangspunkt meiner Arbeit”, sagte Strömholm später. „Es war wohl die beste Zeit seines Lebens“, sagte Håkan Elofsson bei der Vernissage. „Er musste kein Mann-Mann sein in dieser Zeit, er musste keine männliche Rolle ausfüllen.“ Elofsson war Strömholms Assistent, und „nach der Sklavenzeit“, wie er mit einem Zwinkern sagt, auch sein Freund.

Strömholms Sohn Joakim hat vor wenigen Jahren einige der Freunde vom Place Blanche gesucht und ausfindig gemacht: Manche haben Selbstmord begangen, manche haben ihr Glück in den Cabarets von Paris oder in anderen Länder gefunden, einige haben es geschafft, sich in Casablanca die Operation leisten zu können, die sie fast vollkommen vom Mann zur Frau transformiert. Jacky und Nana haben für die vor kurzem erschienene Neuauflage von Strömholms Fotografieband „Die Freunde vom Place Blanche“ ihr Leben erzählt, auch dies ein Zeichen ihres fast lebenslangen Vertrauens zu Strömholm.

Die Vernissage – schwedische Fotografie in der Karl-Marx-Allee.

Christer Strömholms Porträts aus der Serie “Die Freunde vom Place Blanche” sind denn auch keine schnellen, aus der Hüfte geschossenen Momentaufnahmen, sondern in intimer Nähe aufgenommene, sorgsam komponierte und allein mit dem verfügbaren Licht gestaltete Fotografien. Die Intimität beruhte auf purer kameradschaftlicher Freundschaft. Sexuell reizten seine Freunde Strömholm nie. Obwohl er die Transsexuellen dazu ermunterte, sich vor der Kamera so zu geben, wie sie sich selbst sehen wollen, zeigen die Bilder kaum inszenierte Posen. Strömholm lag vor allem daran, Charaktere zu zeigen und auf den Augenblick zu warten, in dem sie einen Teil ihrer Gefühle offenbarten. Seine Bilder zeigen Soraya, wie sie mit ihrem eigenen, weiblichen Spiegelbild kokettiert. Sie zeigen Nana, mit scheuem Rehblick im “kleinen Schwarzen” und Suzanne und Sylvia zusammen auf dem Bett, wie sie sich lasziv räkeln, in fast vollkommen weiblicher Sinnlichkeit. „Strömholm war scheu als junger Mann“, erzählte Ingalill Rydberg. „Aber seine Freunde vom Place Blanche wollten sich zeigen, sie wollten fotografiert werden. Durch sie hat Christer angefangen, Menschen aus großer Nähe zu fotografieren.“

Auf ein Teleobjektiv hat Strömholm dabei nie gesetzt: “Geh stattdessen nah ran”, das ist seine Maxime, die er später auch seinen Studenten an der von ihm gegründeten Fotoschule, der “Fotoskolan” in Stockholm, einprägte. “Alle wussten, was ich mache. Ich habe nie heimlich fotografiert”, sagte der schwedische Fotograf später. Auch sein Prinzip der “persönlichen Verantwortung” reifte während Strömholms Zeit an der Place Blanche. “Verantwortungsbereitschaft, Verständnis und persönliche Anteilnahme sind die drei wichtigsten Eigenschaften eines freien Fotografen”, formuliert Strömholm später in seinen Unterrichtsprinzipien an der “Fotoskolan”.
Umgekehrt respektierten seine Freunde vom Place Blanche Strömholm wohl auch, weil sie die Parallelen in ihrem und seinem Leben spürten. Strömholm war kein Angepasster. Er wählte nie die bequeme Position. Im spanischen Bürgerkrieg übernimmt er Kurierdienste für die Republikaner, er schließt sich im Zweiten Weltkrieg dem nordischen Widerstand gegen die deutschen Truppen an. Die Kunstakademie in Dresden verlässt er 1937 nach nur wenigen Monaten, weil er sich u.a. wegen der Ausgrenzung von Paul Klee als “entartetem Künstler” mit der Akademiespitze überwirft. Später interessiert Strömholm immer stärker der persönliche Ausdruck in der Fotografie. Er prägt die “subjektive Fotografie” entscheidend mit und schließt sich Otto Steinerts Gruppe “fotoform” an. 1997 wird dem inzwischen fast achtzigjährigen Strömholm der Hasselblad Award zuerkannt.

Strömholm ist einer der eindrucksvollsten Fotografen Schwedens. Weit über sein eigenes Werk hinausgehend hat er Fotografen ausgebildet und inspiriert. Anders Petersen ist einer von ihnen. Einer, der bis heute, zehn Jahre nach Strömholms Tod, dessen an der Place Blanche gereifte Maxime von der respektvollen Nähe weiterlebt.

Die Ausstellung:

Galerie swedish photography
Karl-Marx-Allee 62, Berlin

Christer Strömholm | Place Blanche
24. März bis 26. Mai 2012, mi – sa 12 bis 18 Uhr

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