re:publica 2011: Warum Journalisten die “digitale Babyklappe” öffnen sollten

Peter Sunde und Jérémie Zimmermann auf der re:publica 2011 (cc) Daniel Seiffert / re:publica

Der 2. Tag auf der re:publica. Das große Klassentreffen von Webmenschen wie Blogger, Journalisten und diverser anderen Medienmenschen geht weiter. Die Bloggerin Julia Probst hat die re:publica so beschrieben, und am Nachmittag hat sie im Friedrichrichstadtpalast erzählt, wie sie den deutschen Fußball-Nationalspielern von den Lippen liest. Aber davon später. Heiße Themen auf der heutigen bierstattblumen-Agenda:

1. OpenLeaks – Warum Journalisten die “digitale Babyklappe” öffnen müssen
2. flattr – Peter Sunde tritt barfuß auf und zündet die nächste Stufe für das Online-Honorieren von Kreativen
3. Julia Probst – Die gehörlose Bloggerin liest Fußballern und Politikern von den Lippen ab

OpenLeaks – Warum Journalisten die “digitale Babyklappe” öffnen müssen

Daniel Domscheit-Berg war bis vorigem Jahr bei Wikileaks und arbeitet jetzt an der neuen whistleblower-Plattform “OpenLeaks”. Whistleblower würde man hier am bestem mit “gut gemeintem Geheimnisverrat” übersetzen. Denn wie bei Wikileaks gehts es darum, Geheimnisse von Staaten und Unternehmen publik zu machen, wenn sie von öffentlichem Interesse sind. Aber anders als bei Wikileaks soll die Technik ausgereifter sein. Und der Weg der offenen Geheimnisse in klassische Medien wie den “Spiegel” oder den “Guardian” soll besser werden.

Demnächst soll die alpha-Version von OpenLeaks mit zunächst sechs Medien als Partner an den Start gehen. Später soll deren Zahl auf “Leute beklagen sich bei mir, wir so lange brauchen”, sagte Domscheit-Berg. “Aber wir wollen ein solides Fundament haben, kein Hype sein, der nach einem halben Jahr vorbei ist.”

Anders als bei Wikileaks soll die Öffentlichkeit bei der Auswahl der Medien-Partner mitsprechen: Es werde später ein “public vote” geben, sagte Domscheit-Berg. Zur Hälfte sollen es klassische Medienhäuser sein, zur anderen Hälfte NGOs. Auch ein Unterschied zu Wikileaks.

Als Domscheit-Berg die OpenLeaks-Plattform mit einer “digitalen Babyklappe” vergleicht, wird das sofort vielfach getwittert.

Später saß Domscheit-Berg dann auf dem Podium zusammen mit Paul Schaar (Bundesbeauftragter für den Datenschutz), mit Jakob Augstein (

von links: Daniel Domscheit-Berg, Lutz Hachmeister, Peter Schaar, Jakob Augstein und Horst Pöttker (cc) Jonas Fischer / re:publica

flattr – Peter Sunde tritt barfuß auf und zündet die nächste Stufe für das Online-Honorieren von Kreativen

Vor fast genau einem Jahr: gleicher Ort, gleiche Stelle, auch bei der re:publica hat Peter Sunde über seine Idee gesprochen, wie Kreative im Netz unkompliziert unterstützt werden können. “flattr”, das steht für die Kombination aus “to flatter” (schmeicheln) und einer kreativen flat-rate, hat sich seitdem in Deutschland schneller verbreitet als in irgendeinem anderen Land sonst auf der Welt. Hier zu Lande bekommen zum Beispiel die taz, Netzpolitik.org, Spreeblick oder oder Chaosradio.org ansehliches freiwilliges Geld von ihren Lesern.

“Dafür will ich euch was geben” sagte Peter Sunde gestern und zückte eine Reihe von Neuigkeiten bei flattr:

* Tweets, Fotos und alle anderen Inhalte im Netz können ab 1. Mai geflattert werden – erstmal unabhängig davon, ob ihre Macher bei flattr registriert sind oder nicht. Bislang war das Voraussetzung.

* flattr goes analog: Über einen Strichcode können zum Musiker, Straßenkünstler und andere Kreative direkt belonht werden. Mit dem Handy wird der so genannte “Quick Response-Code” (QR-Code) gescannt. Und das sieht dann zum Beispiel so aus:

Statt eines Klingelbeutels: Musiker nutzt den flattr-Code zum Scannen (cc) inuse pictures / flickr.com

* flattr ist jetzt in mehrere Sprachen übersetzt. Auch in Deutsch. Zuvor hatte Sunde den “crazy swedish guy” auf youtube gezeigt: “It’s cool, it’s awesome, but I cannot really explain ist”, sagt der im Video. “Es ist cool, es ist großartig, aber ich kann nicht richtig erklären, wie es funktioniert.” So gehe es offenbar vielen da draußen, sagt Sunde mit einer netten Mischung aus Selbstkritik und Schmunzeln. Das will flattr ändern, auch damit das Bezahl-Werkzeug bald ein kritische Masse erreicht.

* Künftig können Kreative auch direkt belohnt werden. Bislang war es immer nur ein kleines Kuchenstück von der Flatrate, die der Nutzer für sich festlegte. Will er beispielsweise 10 Euro im Monat für Webinhalte spenden, und er wählt 10 Webseiten dafür aus, bekommt jede 1 Euro am Monatsende. Basta. Künftig kann jeder beliebige Betrag via flattr an die Webseite gehen.

Barfuß kam Peter Sunde auf die Bühne. “Ich hatte noch keinen Kaffee heute früh, das macht mich wacher, wenn ich barfuß bin.” Ich bin rasender Fan der flattr-Idee und der Leichtigkeit und Begeisterung, mit der die flattr-Jungs daran weiterarbeiten. Kritischer sieht das Matthias Urbach, Chef von taz.online. Und der hat hier aktuell über flattr auf der re:publica geschrieben. Ein gutes Interview mit Peter Sunde hat der Journalist Philip Banse auf der re:publica geführt. Es ist hier zu sehen:

Julia Probst – Die gehörlose Bloggerin liest Fußballern und Politikern von den Lippen ab

Was hat eigentlich Joachim Löw gesagt, als er im Sommer in Südafrika die Wasserflasche um sich schmiss? Julia Probst weiß es. Sie ist gehörlos und hat ein Talent dafür, Lippen zu lesen und sich Gesten und Mimik ganz genau anzuschauen. “Sssscccchhheiße! Und immer kriegen wir Gelb”, hat Löw gesagt. Erzählt hat Julia Probst das gestern im Gespräch mit Philip Banse (u.a. Medienradio.org und Deutschlandfunk). Sie twittert (@EinAugenschmaus) und bloggt auf MeinAugenschmaus.blogspot.com. Über ihren Alltag. Über die Körpersprache von Guido Westerwelle auf dem Dreikönigstreffen der FDP. Über die Mimik der Politiker beim Wahlkampf in Rheinland-Pfalz vor einigen Wochen. Über das, was Fußballer sich auf dem Platz ins Ohr flüstern. Über die FDP im Wahlkampf sagt sie: “Es war klar, die lügen wie gedruckt.” Was mit einem Applaus quittiert wurde. Ebenso ihre Erzählung, das Gehörlose rund 90 Prozent dessen, was im öffentlichen Fernsehen gezeigt wird, nicht mitbekommen, weil es nicht untertitelt wird. Ab 2013 sollen auch Gehörlose die GEZ-Gebühren zahlen. Und die öffentlich-rechtlichen versprechen, die Gebühreneinnahmen gut zu investieren: In Untertitel für die Champions League. “Na toll, Dankeschön”, kommentiert Julia Probst ironisch.

Gestern im Friedrichstadtpalast hingen bald alle Zuhörer gebannt an ihren Lippen und applaudierten ihr mit winkenden Händen neben beiden Ohren – die Gehörlosengeste für Applaus.

Julia Probst auf der re:publica (cc) Dirk Haeger / re:publica

Auch interessant:

Auf der re:publica wurde die Digitale Gesellschaft vorgestellt und kontrovers diskutiert, gegründet von Markus Beckedahl und anderen. “E-Mails, Facebook, Smartphones und das Internet gehören zum Alltag fast aller Menschen in Deutschland. Doch um die Netzpolitik ist es trotz Anstrengungen und einiger Erfolge nach wie vor schlecht bestellt”, sagt Beckedahl. Die Digitale Gesellschaft will sich diesen Themen widmen und Druck auf politische Akteure machen. Im Kern gehe es dabei um die digitalen Bürgerrechte. Mit der #Warum? – Kampagne sind zum Start alle Internetnutzer aufgerufen, ihre Fragen an die Politiker und Netzakteure zu stellen.

Mehr:
>> Die Webseite des Vereins “Digitale Gesellschaft”
>> Markus Beckedahl auf zeit online über die neu gegründete Digitale Gesellschaft – Video-Interview
>> Julia Seeliger schreibt am 14. April 2011 in der taz über die Debatte rund um die “Digitale Gesellschaft”

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