Kiezgarten goes Platte – in Hohenschönhausen wächst ein neues Gartenprojekt

Hohenschönhausen, das sind Plattenbauten, Nazis, hohe Arbeitslosigkeit und ein Stasi-Gefängnis. Soweit die Vorurteile. Und Hohenschönhausen steht für einen Gemeinschaftsgarten, der trotz vieler Schwierigkeiten weiter wächst. Inmitten des Ostsee-Viertels, in den siebziger Jahren als Plattenbausiedlung erbaut, entsteht der Garten auf einer Brache.

Jetzt ist der Frühling da und für Clio Saal und ihre Mitgärtner heißt das vor allem eines: viel, viel Arbeit. Müll wegräumen, Steine schleppen und Muttererde heranschaffen. Im vorigen Herbst ist das Gartenprojekt an den Start gegangen. Clio Saal und Anne Haertel halten seitdem die Fäden zusammen. Beide arbeiten für den Verein Sozdia, der schon in Lichtenberg einen interkulturellen Garten gepflanzt hat. Zusammen mit gut zehn Bewohnern im Kiez und dem sozialen Verein Comes wollen sie den Gemeinschaftsgarten in den nächsten Monaten aufbauen. Unterstützt werden sie dabei von der Wohnungsbaugesellschaft Howoge.
Das Gelände für den Garten in Hohenschönhausen kommt von der Wohnungsbaugessellschaft Howoge, zu DDR-Zeiten stand dort ein Kindergarten. Seitdem der Anfang der neunziger Jahre die Türen für immer geschlossen hat und abgerissen wurde, verfiel das Gelände zu einer Brache. Die Howoge unterstützt das Gartenprojekt daher finanziell und praktisch, zum Beispiel mit der Verpachtung der Brache, mit einer Holzhütte für die Gartengeräte und künftig wohl auch mit dem dringend benötigten Wasseranschluss.

Die Pioniere im Hohenschönhausener Garten kommen meist direkt aus den umliegenden Hochhäusern, manche werden direkt vom eigenen Balkon aus zuschauen können, wie die Tomaten wachsen. Anders als in Kreuzberg und Mitte steht “interkulturell” in Hohenschönhausen weniger für die Mischung vieler Nationalitäten – der Anteil von Menschen ausländischer Herkunft im Viertel liegt mit 8,3 Prozent deutlich unter dem Berliner Durchschnitt von 14 Prozent. “Interkulturell” steht hier für die Mischung von Alt und Jung, von Arbeitslosen und Kiezbewohnern in Festanstellung, von Menschen mit stark rechter politischer Gesinnung und Linken. Diese Mischung zusammen auf das Grün an der Wiecker Straße zu bekommen, das ist die Herausforderung. “Und das wird dauern. Von heute auf morgen wird aus keiner Brache ein interkultureller Ort”, sagt Clio Saal. Sie und ihre Mitstreiter haben die Geduld dafür, die Mitarbeiter des Lokalen Aktionsplanes haben sie nicht. “Nach der Anschubfinanzierung im vergangenen Jahr haben sie uns für 2012 die Förderung nicht bewilligt”, bedauert Clio Saal. Dabei wäre sie dringend nötig, um erstmal “über den Berg” zu kommen und den Garten so mit Blumen und Menschen zu beleben, dass mehr Menschen im Kiez Lust haben, dazu zu kommen.

Clio Saal will in den nächsten Wochen auch in Kindergärten und Schulen gehen. Die Idee: einige der Beete im Garten Kindern und Jugendlichen zu geben, für eine Schul- oder Kitagarten en miniature. Beim nächsten Aktionstag am 21. April (Die Einladung für den Aktionstag (pdf) ) öffnen die Kiezgärtner die Toren für alle Interessierten. Dann werden auch die ersten Beete fest vergeben. Im Ostseeviertel zu wohnen, ist dafür keine Bedingung. “Auch Berliner aus anderen Teilen der Stadt können bei uns mitgärtnern”, sagt Clio Saal.

Aktionstag am 21. April:

10 bis 14 Uhr
im künftigen interkulturellen Nachbarschaftsgarten
Wiecker Straße 8 – 10 / Hohenschönhausen
fast bis vor die Gartentür fahren die Straßenbahnen M4/M5 (bis “Zingster Straße” fahren)

Quellen: Luftaufnahme in der Slideshow von mesq via flickr (cc-by-nc), Musik von The Melchiades Estrada Band.

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2 Responses to Kiezgarten goes Platte – in Hohenschönhausen wächst ein neues Gartenprojekt

  1. Finde das Thema gut, weil ich interkulturelle Gärten jenseits vom Tempelhofer Feld und Moritzplatz nicht erwartet hätte. Ausserdem mache ich Führungen durch Lichtenberg. Was mich aber interessieren würde, ist eine Zahl, die im Artikel leider unterschlagen wurde: der Ausländeranteil in Lichtenberg. (Ich kann jedenfalls nur “..” lesen.) Naja. Schöne Grüsse!

  2. nicole says:

    Vielen Dank für den Kommentar! Der Ausländeranteil genau in diesem Gebiet (“Lebensweltlich orientierter Planungsraum – Zingster Straße West” lt. Senatsverwaltung) liegt bei 8,3 Prozent. Im ganzen Bezirk Lichtenberg sind es gut 7 Prozent, und der Berliner Durchschnitt liegt bei 14 Prozent.

    “Interkulturell” bezieht sich hier also weniger auf die Mischung vieler Nationalitäten, sondern das Zusammenkommen unterschiedlicher Lebenskulturen: alt-jung, arbeitslos-beschäftigt, links alternativ – rechts, … .

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