Open Data mit Sex-Appeal: Der Berlin Open Data Day 2011

am Donaukanal in Wien (cc) herbalizer via flickr.com

 

Von Nicole Walter : “Sexy zu sein, ist wichtig” – damit hatte Edial Dekker beim Berlin Open Data Day erstmal einige Lacher und viele Nicker auf seiner Seite. Was nützen die spannendsten Daten, wenn sie dröge daherkommen und nur Insider fesseln? Beim Berlin Open Data Day 2011 ging es am Mittwoch genau darum: Wie bringt man Regierungen, Verwaltungen und Statistikbehörden dazu, Daten zu veröffentlichen, die viele Menschen etwas angehen? Und: Wie erzählt man mit den Daten spannende Geschichten?
Unter dem Stichwort “Open Data” arbeiten seit einiger Zeit weltweit Menschen daran, bislag unter Verschluss gehaltene Daten zu “befreien” und zu veröffentlichen. Zum Beispiel, wofür Regierungen Geld ausgeben, welche Spesen Abgeordnete machen, wie hoch die radioaktive Strahlenbelastung derzeit ist, oder wo man in Berlin Mirabellen vom Baum pflücken kann. Denn die Open Data-Bewegung geht weit über politische Infos hinaus und packt auch viele andere Fragen an: Vom Mundraub bis zum Fluglärm, vom S-Bahnverkehr bis zu Schlaglöchern. Um ein paar Beispiele zu nennen.

Edial Dekker beim Berlin Open Data Day: "Our strategy: Don't ask for permission, but ask for forgiveness later."

 

Zurück zu Edial Dekker: Der Niederländer ist einer der Köpfe hinter Hack de Overheid!, auf deutsche: “Hack die Regierung!”. Ein Kollektiv junger Menschen in den Niederlanden, die Daten der Regierung befreien und öffentlich machen. Die deutsche Domain “hack-die-regierung.de” hätten sie sich auch schonmal geholt, meinte Dekker schmunzelnd. Aber die ist momentan noch zu haben.

2009 sind Hack de Overheid! gestartet, heute kann ein Team Vollzeit an dem Projekt arbeiten. Das zeigt die Dynamik, die in der Open Data-Bewegung drinsteckt. Er tritt in Jeans auf, und trifft sich mit seinen Kollegen auch mal in Bars und besetzten Häusern, wie er erzählt. Ganz anders viele seiner Zuhörer, die im Anzug oder Kostüm mit dem Aktenkoffer vor ihm sitzen: Der Berlin Open Data Day fand in der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Forschung und Frauen statt. Und ein klarer Schwerpunkt war denn auch: Berliner Politiker und die Senatsverwaltung zu bewegen, viel mehr Daten als bisher über Berlin offen zu legen. Einige Anfänge gibt es: mit dem Berliner Senatshaushalt, zum Beispiel. Oder mit dem Einblick, wie viele Berliner Umweltdaten öffentlich machen will.

Doch da müssen teils dicke Bretter gebohrt werden. Die Macher des Berlin Open Data Day hatten breit in die Runde gefragt, wer aus der Berliner Senatsverwaltung mit dabei sein will. Und auch wenn es gestern knackevoll war, längst nicht alle in den Senatsverwaltungen ziehen bei dem Thema an einem Strang. Denn Open Data heißt: Die Rohdaten öffentlich machen. Bislang sind es vor allem einige Köpfe in der Berliner Politik und Verwaltung, die sich besonders dafür stark machen. Wie zum Beispiel Juliane Witt, Büroleiterin von Wirtschaftssenator Harald Wolf, die den Berlin Open Data Day mit organisiert hat. Oder Ulrich Freise, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Inneres und Sport, der gestern versprach, auch gesetzlich einiges für Open Data in Berlin vorbereiten zu wollen. Oder in Steglitz-Zehlendorf, der Chef des Umweltamtes Andreas Ruck, der zunehmend mehr Berliner Umweltdaten öffentlich machen will.

Anke Domscheit-Berg

Daniel Dietrich

 

Warum sind open data eigentlich so sexy, und was bringt das alles? Darüber erzählten zu Beginn des Open Data Day vor allem die beiden einiges: Anke Domscheidt-Berg und Daniel Dietrich. Anke Domscheit-Berg war u.a. Managerin bei Microsoft, sie arbeitet jetzt selbständig als Beraterin und setzt sich engagiert für Open Data ein. Daniel Dietrich ist u.a. Mitgründer des Open Data Network. Open Data mache das Regieren und öffentliche Prozesse, wie etwa Gesetzgebungsverfahren, transparent, sagte Domscheit-Berg gestern. Bürger könnten sich stärker direkt an politischen und gesellschaftlichen Prozessen beteiligen und durch die Zusammenarbeit vieler könne viel Wertvolles entstehen, etwa wenn Behörden mit den Dritten zusammenarbeiten. Zu abstrakt? Gleich folgen hier einige Beispiele.

Worauf es dabei ankommt, dazu Daniel Dietrich: “Her mit den Rohdaten!” Denn damit man mit all den offenen Daten etwas anfangen kann, bringt es wenig, wenn sie im pdf-Format vorliegen zum Beispiel. Die Datenfriedhöfe kann man nicht zum Leben erwecken – sprich: spannende Anwendungen dazu programmieren (“Apps” genannt), um die Daten für jeden verständlich und nutzbar zu machen. Etwa um für den eigenen Wohnort die Belastung durch Fluglärm auszurechnen. Dafür brauchen die Programmierer die Rohdaten. Und eine offene Lizenz: Steht bei einem Datenschatz dabei, dass er urheberrechtlich geschützt und nicht öffentlich verbreitet werden darf, kann er nicht gehoben werden. Dafür braucht es das Recht, zu kopieren und öffentlich zu verbreiten. “Idealerweise mit einer Creative Commons-Lizenz cc-by”, so Dietich gestern. Die erlaubt das Kopieren ud Verbreiten, aber mit Quellenangabe. Gerade hat die Stadt Wien eine Open Data-Plattform im Netz freigeschaltet – “Offene Daten für Wien” – mit Rohdaten und unter einer cc-by-Lizenz. “Das könnte ein Modell für Berlin sein”, so Dietrich.

Die Werkschau beim Berlin Open Data Day:

Juliane Witt und der Blogger und Open Data-Kenner Jens Best haben für den Tag eine breite Zusammenschau verschiedener Open Data-Projekte ausgewählt, deren Macher sich gestern kurz und knackig vorstellten. Hier ein persönliches “best of” von mir:

Wheelmap:
Wo kommen Rollstuhlfahrer ohne Schwierigkeiten hin, wo bleiben sie außen vor? Um diese praktischen Informationen zu sammeln, auf einer Karte zu zeigen und allen über eine App zu ermöglichen, unkompliziert an dieser Datendammlung mitzuwirken, dafür haben die Sozialhelden dieses Portal gegründet. Raul Krauthausen stellte es gestern vor. Seit September 2010 ist die Seite online, rund 50.000 Orte sind dort inzwischen beschrieben. Tendenz: steigend. // wheelmap.org

ÖPNV-Daten:
Klar, klar, klar: die Berliner S-Bahn fällt einem da sofort ein. Wäre doch schön, aktuell zu wissen, wie sie gerade fährt oder wo es hakt. Stefan Wehrmeyer würde eine solche Karte gerne mit Echtzeit-Daten programmieren. Doch die Verkehrsbetriebe bvg und vbb blocken. “Bei denen hat sich noch gar nichts in diese Richtung bewegt”, sagte Wehrmeyer gestern.
// Und so könnte es aussehen: Stefan Wehrmeyers Simulation einer Live-Verkehrskarte für Berlin

Mundraub.org:
“Freies Obst für freie Bürger”, dazu wurden Katharina Frosch und ihre Freunde auf einer Paddeltour von Pflaumenbäume inspiriert, die am Ufer wuchsen. Die Pflaumen konnte man vom Baum in den Mund pflücken, wäre doch schade, wenn das keiner macht und sie verfaulen. Auf Mundraub.org kann deshalb jetzt jeder Obstbäume in die Karte eintragen, deren Früchte frei zum Pflücken sind. Rund 3.000 Obstbaum-Orte sind dem Start der Webseite im September 2009 dort zusammen gekommen. Und Katharina Frosch hat inzwischenihre eigenen Obstbäume am Start: mit anderen zusammen baut sie einen Obstgarten in Lichtenberg auf, koordiniert und erzählt wird das Ganze, klaro, öffentlich im Netz auf Stadtgarten.org.

OpenStreetMap und Wikipedia:
Sebastian Sooth präsentierte das Duo OpenStreetMap & Wikipedia. OpenStreetMap ist eine freie Karte im Netz – frei zu nutzen, frei mitzugestalten und das Wissen vieler nutzend, wie die Wikipedia. Werden diese Geodaten mit dem Online-Lexikon Wikipedia verknüpft, kann etwas ganz Großartiges entstehen, davon schwärmte Sooth gestern. Wenn zum Beispiel, Bilder und Baugeschichte eines Denkmals direkt mit der Karte verknüpft und auf da Mobiltelefon geschickt werden können. Das was vielen Datenschützern die Nackenhaare hochstehen lässt, davon träumt Sooth: Die Zusammenführung vieler Daten. So scheint es aber nur auf den ersten Blick. Denn anders als etwa bei Elena, einer Datenbank des Bundes, oder bei Apple, ist für Sooth und die Open Data-Bewegung ganz klar: Personenbezogene Daten sind tabu und werden um keinen Preis veröffentlicht und schon gar nicht mit anderen Daten verknüpft.

Flugroutenatlas:
“Mit Daten Geschichten erzählen”, daran arbeitet der Journalist Lorenz Matzat erfolgreich. Aktuelles Beispiel: Der Flugrouten-Atlas, den er zusammen mit Gregor Aisch für taz.de entwickelt hat. Dort veranschaulichen “Lärmberge”, welchen Krach die startenden und landenden Flugzeuge am neuen Flughafen Berlin-Brandenburg machen. Schöne, verständliche Visualisierung. Außerdem schreibt Matzat den Open Data-Blog auf zeit-online. // Hier lang zum Flugroutenatlas

Twitter und Links:

@anked – Anke Domscheit-Berg
@lorz – Lorenz Matzat
@julia_witt – Julia Witt
@jensbest – Jens Best
@gov20de – Das Government 2.0 Netzwerk Deutschland
@D2B1 – Die Berlin Open Data Aktionsplattform
@okfn – Die Open Knowledge Foundation – Plattform für offenes Wissen
@ogdwien – Das Open Government Data-Portal der Stadt Wien

#opendata – Twitter hashtag: Vieles, sehr vieles über Open Data auf Twitter

>> Der Blog von Open Data Berlin

>> Das Open Data Network

>> Das Government 2.0 Netzwerk in Deutschland

>> Der Open Data-Blog von Lorenz Matzat auf zeit online

>> demnächst: Die open government-Webseite von Anke Domscheit-Berg

>> Das Open Data – Portal von Wien

>> Öffentliche Daten in Leipzig

>> im Guardian: “Open data: can it help councils create more efficient services? / 19. Mai 2011

>> netzpolitik.org: Berlin Open Data Day – Die coolsten Projekte

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3 Responses to Open Data mit Sex-Appeal: Der Berlin Open Data Day 2011

  1. Ein schöner Text zu diesem wunderbaren Event :-)

    Ein kleiner Hinweis vielleicht – zur Ergänzung der Twitter und Linkliste: Den Berliner Open Data Day hat eine Community aus etlichen Privatmenschen, NGOs, wissenschaftlichen Einrichtungen und Behörden über Monate hinweg organisiert und vorbereitet. Darunter maßgeblich auch das Government 2.0 Netzwerk Deutschland e.V., in dem ich ebenfalls Mitglied bin, genauso wie viele andere der Anwesenden und Mitglieder im Orgateam.

    Man findet uns auf Twitter unter @gov20de und im Web auf http://www.gov20.de. Am 30.9. organisieren wir wieder das Government 2.0 Barcamp – diesmal als Open Government Barcamp, nun schon zum 3. Mal.

    viele Grüße und auf Wiedersehen beim Barcamp!
    Anke Domscheit-Berg

  2. Pingback: Berlin Open Data Day

  3. nicole says:

    Herzlichen Dank für die Ergänzung! Ist mit in die Twitter/Linkliste aufgenommen. Freue mich auf Gov 2.0 Barcamp im September!

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