Rein ins pralle Neukölln – Das Maxim Gorki Theater geht auf die Straße

"Give me your love" – Die Hofmeister Werkstatt in Neukölln

Die Bühne ist nahe der Sonnenallee, die Kostümschneiderei in einem Ladenlokal und Schüler vom Campus Rütli werden Schauspieler. Für ihr Projekt “Die Hofmeister” gehen die Theatermacher vom Maxim Gorki mitten rein ins Neuköllner Leben. An der Kreuzung Weserstraße / Pannierstraße nahe der Sonnenallee haben sie seit Anfang Mai ihr Quartier aufgeschlagen. Morgen, am 26. Mai 2011, findet genau dort die Premiere des ersten Teils von “Die Hofmeister” statt. Bis Samstag wird es dort aufgeführt, dann folgt am 24. Juni 2011 die Premiere des zweiten Teils im Theatersaal des Maxim Gorki. Rein ins pralle Neukölln – das Stück ist pures Straßentheater von den Szenen, über die Kostüme und das Bühnenbild bis zu den Schauspielern.

J. M. R. Lenz hat vor 227 Jahren das Stück “Der Hofmeister” geschrieben und gibt darin entlang der Geschichte eines Lehrers ein gesellschaftliches Bildungspanorama. Das hat die Theatermacher inspiriert, das Projekt “Die Hofmeister” zu starten. Mehr aber auch nicht, denn die Welt heute steht klar im Mittelpunkt. Dafür ist die Theaterautorin Anne Jelena Schulte seit dem Winter im Neuköllner Reuterkiez unterwegs. “Ich bin die Erste, die losgeschickt wurde, um zu sondieren welche Geschichten hier auf der Straße liegen”, sagt sie. Ein Kaleidoskop aus vielen persönlichen Geschichten der Menschen in diesem Kiez ist so das Rückgrat des Stückes geworden. Anne Jelena Schulte ist auf sie zugegangen – in der Schule, im Späti, auf der Straße – und hat viele Gespräche geführt. “Ich wollte wissen: Was sind die tatsächlichen Themen hier, die nicht jeden Tag in der Presse stehen”, sagt die Theaterautorin. Ihr Schreibbüro hat sie seit Anfang Mai in einem Ladenlokal an der Kreuzung Weserstraße / Pannierstraße eingerichtet. Oft war sie tagsüber im Kiez unterwegs, hat Schüler oder Anwohner besucht und Geschichten gesammelt. Die hat sie im Ladenlokal direkt in kleine Szenen verwandelt, die Schauspieler des Maxim Gorki Theaters schon am gleichen Abend an der Straßenkreuzung spielten. Und die einfließen in die großen Abende in Neukölln und später im Maxim Gorki Theater selbst. “Die Menschen hier sind wahnsinnig offen, sie haben mir fast alles preisgegeben, das Schwierigste, das Traurigste, Albträume und Kriegsgeschichten. Aber sas einzige, was sie mir nicht erzählt haben, waren – Liebesgeschichten.” Deshalb habe sie sich die dann ganz besonders vorgenommen: “Dann erzählen wir jetzt hier in Neukölln von der Liebe.” Und hat geduldig gelauscht und gewartet, bis ihr die Neuköllner auch von der Liebe erzählten.


Das Gespräch mit Anne Jelena Schulte hören

Anne Jelena Schulte

 

Hier wird Theater geschrieben: die Schreibstube der Autorin in der Pannierstraße

 

Platz zum Spielen – Gorki-Band an der Pannierstraße

 

 

Alle 4 auf einen Schlag: Die Kreuzung Weserstraße / Pannierstraße

 

Liebe ist aber bei weitem nicht das einzige Thema der “Hofmeister”. Es geht um das Leben an der Schule und danach, um das Miteinanderleben verschiedener Kulturen und Generationen. Für Michael Graessner ist die Neuköllner Kreuzung nahe der Sonnenallee “symptomatisch für Berlin”. Er sagt: “Die unterschiedlichsten Menschen leben miteinander, aber sie kommen kaum ins Gespräch. Man redet ganz viel übereinander, die einen beäugen die anderen – aber man redet wenig miteinander.” In “Die Hofmeister” wird deshalb ganz viel miteinander gesprochen: In Szenen, die vor Ort entstanden sind und im ersten Teil auch genau dort gespielt werden. In einer Croissanterie, in der Kneipe “Freies Neukölln” – Graessner hat dort selbst einen Stammtisch geführt -, im Spätkauf, in der WG und in einer Zoohandlung.


Das Gespräch mit Michael Graessner hören

Michael Graessner (rechts) und Peter Kastenmüller

 

Die Idee hinter “Die Hofmeister” ist es auch, Menschen für das Theater zu begeistern, die normalerweise nicht im Zuschauerraum des Maxim Gorki hinter dem Zeughaus sitzen. “Deshalb gehen wir mit unserem Tross raus, wie das alte Planwagen-Theater früher”, sagt Graessner. Er ist Bühnenbildner, zusammen mit Regisseur Peter Kastenmüller und dem Dramaturg Ludwig Haugk hat er die künstlerische Gesamtleitung der “Hofmeister” übernommen. Graessner und Kastenmüller arbeiten schon länger gut zusammen – auch auf der Straße. In einem ähnlichen Projekt wie jetzt in Neukölln haben sie in München “Bunnyhill” gemacht. Straßentheater im besten Sinne in Hasenbergl am nördlichen Rand Münchens, eben “Bunnyhill”. Ein rauhes Pflaster, wie Neukölln. Neukölln sei eben “einen Zacken schärfer”, das habe er anfangs gedacht, sagte der gebürtige Berliner Graessner über den Kiez. Dann hat er diese Straßenkeuzung durchbohrt, Schritt für Schritt, “wie eine Made”, sagt er. Und viele Stimmungen ausgegraben:
gastfreundliche, liebevolle bis hin zu traurigen Erlebnissen. Alles fließt mit ein ins Stück.

Das Maxim Gorki und der Campus Rütli sind schon länger Partner. Jetzt machen an dem Projekt “Die Hofmeister” rund 30 Schüler mit. Es gab Workshops, es wird fast täglich geprobt und in beiden Teilen – Ende Mai in Neukölln, Ende Juni im Maxim Gorki – spielen Schüler mit professionellen Schauspielern zusammen. Was bleibt, wenn am 26. Juni der Vorhang nach nur sechs Aufführungen fällt? Mut. Graessner sagt, die Schüler bekommen was mit für’s Leben. Sie wirken an einem Theaterprojekt mit, das zur Aufführung kommt. Das mache einen breiten Rücken, schiebe das Selbstbewusstsein nach oben und mache den Jugendlichen Mut. Das könne das Leben schonmal in eine andere Richtung drehen.

Auch wer keine “Rampensau” ist, landet nicht unbedingt auf dem Zuschauersessel: Die Kostümbildnerinnen schneidern gemeinsam mit Schülern. Erst in Näh-Workshops an der Schule, und seit Mai stehen Nähmaschinen im Ladenlokal in der Pannierstraße. Dort sind auch Schüler mit dabei, deren Eltern ihnen aus kulturellen und religiösen Gründen nicht erlaubt haben, dass sie öffentlich auftreten, angeguckt werden und schauspielern, erzählt Norgard Kröger.


Das Gespräch mit Norgard Kröger hören

Norgard Kröger

 

Kristin Winzer an der Nähmaschine

 

Die Rosette à la Hofmeister in der Kostümwerkstatt

Pauline Wittich und Kristin Winzer, beide sind Hospitantinnen in der Kostümabteilung des Maxim Gorki, haben mit den Schülern zusammen genäht. Sie sind beeindruckt, wie geduldig und wie gut die Jugendlichen darin sind. “Und: es gibt überhaupt Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen”, sagt Kristin Winzer. Die Kostümbildnerinnen Mona Kuschel und Norgard Kröger erzählen von einer talentierten “Jungsriege”. Nicht alle werden dafür ihren Applaus hören können: Ein Junge wird bei der großen Aufführung nicht dabei sein. Denn er hat Angst, dass sein Vater ihn fürs Nähen auslachen könnte.

Bedruckt wurden die Stoffe für die Kostüme à la Rütli: in der Siebdruckwerkstatt von Rütli Wear. Mit einer Mischung aus Street Art und der Rosette an der Decke des Maxim Gorki Theatersaals. “Ein Wiedererkennungszeichen für die ganze Truppe”, sagt Norgard Kröger.

“Die Hofmeister”

Teil 1 * Freistunde *
am 26., 27. und 28. Mai 2011 jeweils ab 19 Uhr auf der Kreuzung Weserstraße / Pannierstraße in Neukölln mit Start auf dem Campus Rütli

Teil 2 * Jeder Mensch ist ein Lehrer *
am 24., 25. und 26. Juni jeweils um 19.30 Uhr auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters

Karten: 030.20 221 115

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