Die Republica 2013: Yoana Sanchez, Panzer und eine Elefantenrunde

Die republica in diesem Jahr, für mich geballt in einer Nussschale: Yoana Sanchez, Panzer und eine Elefantenrunde.

Das Schönste an der republica ist, dass sie einen immer wieder über den eigenen Tellerrand schubst. Ich stoße auf Gesichter und Themen, von denen ich vorher gar nicht ahnte, dass sie mich interessieren könnten. Panzer und Soldaten in den Social Media, zum Beispiel, ist so ein Thema. Wäre ich nie im Leben hingegangen, hätte ich mich nicht im Raum geirrt. Aber was Thomas Wiegold und Sascha Stoltenow über die Digital Natives, die in den Krieg ziehen, erzählt und gezeigt haben, das war so spannend und kontrovers, dass ich mich dann nicht losreißen konnte.

* Thomas Wiegold bloggt auf Augen geradeaus und Sascha Stoltenow schreibt den Bender-Blog. Hier hat er über die gemeinsame republica-Session geschrieben.

Vor allem aber faszinieren mich auf der republica die Blogger und Digitalmenschen, die jenseits von Europa unterwegs sind. Afrika, Asien, Südamerika – den Entwicklungen auf anderen Kontinenten wird auf der republica viel Raum gegeben. Anders als so oft von Kritikern zu hören ist, ist die republica alles andere als eine Nabelschau und ein Klassentreffen der Digital-Szene Deutschlands, vielleicht noch Europas. Selten kann man soviel aus erster Hand über Netzkultur und digitales Leben außerhalb des eigenen Mikrokosmos erfahren.

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Die republica 2013 in Berlin.

Schwer beeindruckt hat mich diesmal …

Sie ist bekannt, wurde schon durch viele Medien gereicht und von allen Seiten fotografiert. Und am zweiten Tag der republica wurde sie dann noch ausgezeichnet mit einem Bob-Award, dem Preis der Deutschen Welle für Online-Aktivisten, für ihren Blog „Generation Y“. Die kubanische Bloggerin Yoani Sánchez. Deshalb saß ich anfangs auch auf halber Pobacke bei ihrer Session, bereit, schnell woanders hin zu wechseln. Ich bin geblieben, denn was und wie sie es erzählte, hat mich beeindruckt.

Vor allem ihre Art, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Wie sie andere Kubaner dabei unterstützt zu bloggen. In ihrem Wohnzimmer hat sie eine „Acadamy for Bloggers“ gestartet, um – zum Beispiel – zu zeigen, wie man ohne Internetzugang twittert und bloggt. Ihr Wissen gibt sie ebenso weiter auf Fahrten durch das ländliche Kuba. Sie selbst nutzt Twitter oft via sms, indem sie Kurznachrichten telefonisch an eine dafür eingerichtete Service-Nummer von Twitter schickt. In den Zeiten, in den sie keinen Webzugang hat – und das ist die meiste Zeit, wie sie sagt – schreibt sie ihre Blogbeiträge offline, um sie dann auf einmal ins Netz zu stellen und Publikation für verschiedene Tage vorzuprogrammieren. „So hat man wohl von außen den Eindruck, ich wäre hyper-connected“, sagte sie auf der republica. „Dabei bin ich hyper-deconnected“.

Wie sie sich um ihre Sicherheit im Netz kümmere, welche Verschlüsselungstechniken sie nutze, wird Sánchez gefragt. „Keine“, ist ihre entwaffnend-schlichte Antwort. „Alles was die Sicherheitsbehörden über mich herausfinden könnten, wenn sie mich in Arrest nehmen und verhören, das ist längst öffentlich bekannt“, sagt sie. „Das ist mein bester Schutz.“

Wie gut das funktionieren kann, erzählt sie mit einem Beispiel. Zusammen mit zwei befreundeten Aktivisten habe sie sich auf den Weg gemacht zu einer Demonstration für Menschenrechte in Havannah. Noch bevor sie dort angekommen seien, habe ihre Freundin einen Tweet vorgeschrieben: „Wir sind festgenommen worden.“ „Hör auf damit, das ist ein schlechtes Omen“, habe Sánchez empört zu ihre gesagt. Und tatsächlich, wenige Zeit später wurden sie tatsächlich festgenommen. Buchstäblich in letzter Minute habe ihre Freundin den vorbereiteten Tweet abschicken können. Im Auto der Polizisten seien sie zu Boden gedrückt worden, konnten kaum noch etwas sehen und hören. Bis einer der Polizisten zu seinen Kollegen gesagt habe: „Lasst das sein, es wird alles öffentlich.“ Der Tweet – und vor allem zahlreiche Re-Tweets ihrer Follower habe gewirkt. „Twitter ist eben nicht nur dazu gut, der Welt mitzuteilen, wie gut der Kaffee am Morgen ist. Twitter rettet Leben“, resümiert Sánchez.

Und so schließt sich ihre Bitte an: „Retweetet uns, werdet Teil der Kette!“ Indem Menschen außerhalb Kubas ihr und anderen kubanischen Bloggern Aufmerksamkeit geben und ihre Nachrichten verbreiten, könnten sie einen wichtigen Beitrag leisten.

Aber auch ganz praktisch: Wer nach Kuba fährt, der solle bitte zu Hause nachschauen, ob er eine alte Festplatte entbehren kann, einen USB-Stick oder ein altes Handy, und diese mit nach Kuba bringen, um sie dort an Einheimische zu verschenken. „So kann man den Kubanern eine Stimme geben“, sagt Sánchez.

Szenenwechsel.

Mit Katharina Borchert, Jochen Wegner und Stefan Plöchinger war dann am Mittwoch ein Trio zum Thema „Digital Natives“ auf dem Podium, das sich so gut kennt und so routiniert die Bälle zuspielt, dass ich nicht viel mehr als Altbekanntes erwartet hatte. Eine Elefantenrunde eben. Die drei stehen für die Big Player im Online-Journalismus: Spiegel Online (Katharina Borchert ist dort die Geschäftsführerin, Zeit Online (Jochen Wegner leitet die Redaktion seit ein paar Wochen) und Sueddeutsche.de (Stefan Plöchinger ist dort der Chefredakteur).

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Der Moderator Friedemann Karin zusammen mit Jochen Wegner, Katharina Borchert und Stefan Plöchinger auf dem Podium der republica.

 

Pay Walls, Leser-Klubs und andere Bezahlmodelle für Nachrichten im Internet rücken in greifbare Nähe. Das war unter den dreien deutlich herauszuhören. Details ließen sie sich nicht entlocken, aber die deutliche Einschätzung, dass man im Netz mehr mit Bezahlmodellen experimentieren müsse und ein Weg alleine nicht die erforderlichen Einnahmen bringen wird.

Die Kluft zwischen den „Digital Natives“ in den Redaktionen und den altgedienten Print-Liebhabern sei schon ganz, ganz lange ein immer wieder kehrendes Thema auf Podiumsdiskussionen, so Borchert. Aber jetzt, jetzt steht der Wandel auf der Türschwelle. Davon ist sie überzeugt, und ihr Argument, das kann ich nachvollziehen. Nicht an den jungen „Digital Natives“ in den Redaktionen zeige sich der Wandel, sondern daran, dass jetzt die älteren Journalisten deutlich mehr Neugier auf das Internet zeigen. Nicht die Jungen seien derzeit der Treiber, sondern viele Älteren.

Fiete Stegers hat ein tolles Storify zu der Runde gemacht.

Die ganze Talkrunde auf youtube.

Link:

Viele Talks der republica 2013 sind hier auf youtube verlinkt.

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