Die Route 44

Zweite Heimat Neukölln – unter diesem Titel führen junge Neuköllnerinnen durch ihren Kiez. Schulen, Spielplätze, Moscheen, türkische Supermärkte sind das Ziel. Orte, die ihr Leben und ihren Alltag prägen. Ich war mit Hanadi und Meryem auf ihrer  Route 44 durch den Richard-Kiez unterwegs.


Hanadi und Meryem auf der Route 44 durch den Richard-Kiez in Neukölln. Oben: Vor der Schmiede am Richardplatz, Mitte: Hanadi (links) und Meryem; unten: in der Gazi Osman Pasa Moschee.

Von Nicole Walter : Meryem ist in Neukölln aufgewachsen. Dass es Menschen gibt, die sich nicht nach Neukölln trauen, wollte sie anfangs nicht glauben. Ich auch nicht. “Ich habe es dann selbst erfahren”, sagt Meryem dann. “Manchen Menschen scheint Neukölln zu gefährlich, um sich auf eigene Faust hierher zu wagen.” Darauf hatte sie keine Lust mehr. Und das war mit ein Auslöser dafür, dass sie heute Leute mitnimmt auf die “Route 44″ – Führungen durch das berühmt-berüchtigte Neukölln, benannt nach der früheren Postleitzahl des Bezirks. “Für Leute, die sich in größeren Gruppen hierher wagen”, sagt Meryem nüchtern.

An diesem Sonnabend im Juli führt sie mit Hanadi durch den Richard-Kiez, “ein internationales Dorf”, überschreiben sie ihre Tour. Hanadi lebt seit vier Jahren im Kiez, ist allein erziehende Mutter von drei Kindern und selbst seit längerer Zeit eine “Stadtteilmutter”: Sie kümmert sich im Kiez um Mütter in Schwierigkeiten und Familien in Schieflagen.

Hanadi : “Natürlich ist meine Heimat hier. Ich habe hier meine Familie, ich brauche mein Land, den Libanon, nicht.”

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Meryem : “Ich habe alle beide Länder lieb. In der Türkei sind meine Wurzeln, die Tradition. Hier bin ich aufgewachsen, hier ist mein Freundeskreis.”

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Die Tour beginnt. Als ich zum Richardplatz komme, sitzen 25 Leute erwartungsvoll auf der Bank und warten darauf, dass es losgeht: ältere Frauen, ein paar mit ihren Ehemännern, einige Familien und eine kleine Gruppe Französinnen. Erste Station: die Richard-Grundschule und die Röntgen-Oberschule, die sich am Richardplatz das Schulgelände teilen. Meryem ist dort zur Schule gegangen, bevor sie ans Gymnasium wechselte, um ihr Abitur zu machen. “Eine gute Schule, tolle Projekte, interessierte Lehrer, ich bin hier gerne zur Schule gegangen”, sagt sie. Seit zwei Jahren stehen Wachmänner vor dem Schulgelände. Mehrere Schulen in Neukölln und in anderen Bezirken Berlins werden von privaten Sicherheitskräften bewacht. “Um keine Schulfremden auf das Gelände zu lassen.” Wie findet sie das? “Anfangs waren wir Schüler dagegen. Nach und nach haben wir gesehen, dass es gut ist für die Schule.” Eine Frau hakt nach. “Da gab es ja auch einen konkreten Vorfall, damals.” Im Sommer 2006 war ein Lehrer auf dem Schulhof von einem schulfremden jungen Mann angegriffen worden. Schüler kamen ihm zu Hilfe.

Hanadi erzählt von ihrer Arbeit als Stadtteilmutter. Nach einer zehnmonatigen Schulung – u.a. standen Ernährung, Medien und Soziales auf dem Programm – hilft sie türkischen und arabischen Familien im Kiez. “Auf Augenhöhe und in ihrer Sprache”, sagt sie. Einfach sei das anfangs nicht gewesen, keine Familie habe sie wirklich reinlassen wollen. Aber seit sie in der Richard-Schule und in anderen Schulen und Kitas die Kontakte knüpfen, sei es leichter geworden. Mindestens zehnmal besucht sie jede Familie, um die sie sich kümmert. Sie hilft bei Schulproblemen und bei der sexuellen Aufklärung, empfiehlt, Deutsch zu lernen und weiß, wer Frauen unterstützt, wenn ihre Ehemänner Gewalt gegen sie ausüben. Früher war es ein 1-Euro-Job für Hanadi, heute ist es eine feste Arbeit für sie. Alle Frauen, die mit auf der Tour durch den Richardkiez sind, nicken erfreut und aufmunternd. “Deutsch lernen ist so wichtig”, sagt eine.

Grüne Idylle. Aber die Klischees vom Notstandsbezirk Neukölln wollen Meryem und Hanadi nicht aufwärmen. Sie treibt es weiter zu überraschenderen Ecken ihres Kiezes. Wie den Comenius-Garten ein paar 100 Meter weiter. Ein Mietshaus wurde auf dem Gelände an der Richardstraße abgerissen. Henning Vierck hat sich dafür eingesetzt, dass stattdessen ein Garten gepflanzt wird, der an Johann Amos Comenius erinnert, ein böhmischer Theologe und Philosoph. Der Garten ist offen, täglich und für alle. Das läuft, selten gäbe es Dreck oder Randalen. Und wenn doch, wie in letzter Zeit öfters “durch neu Zugezogene” geschehen, dann “schaffen es Vierneck und die anderen Jugendlichen, den Respekt vor dem Garten wieder herzustellen”, darauf sind beide, Meryem und Hanadi, sichtbar sehr stolz. Sie lassen nichts kommen auf ihren Kiez und auf Neukölln.

Kurz darauf stehen wir vor dem Denkmal von Friedrich Wilhelm I., der vor gut 200 Jahren wegen ihres Glaubens verfolgte protestantische Böhmen hierher holte und Böhmisch-Rixdorf mitschuf, sagt Hanadi: “Es gibt hier schon lange Migranten und die Integration der Böhmisch-Rixdorfer ist nach gut 200 Jahren gelungen.” “Na, da können wir ja noch Hoffnung haben”, kommentiert eine ältere Frau trocken. Hanadi beschäftigt die Einwanderung und die Integration der Böhmisch-Rixdorfer sehr, das spürt man, die Parallelen zu ihrem heutigen Leben in Rixdorf sind da. Und ihr Interesse, der Geschichte des Kiezes nachzuspüren, war ein Grund für sie, Kiezführerin für die Route 44 zu werden.

In der Gazi Osman Pasa Moschee. Die letzte Station auf dieser Route 44 ist die Gazi Osman Pasa Moschee in der Schöneweider Straße. Wir ziehen die Schuhe aus und gehen hinauf in den ersten Stock, in den Gebetsraum der Männer. Frauen beten in der dritten Etage. Wir stehen auf dem dicken blau-roten Teppich, auf dem für jeden Gläubigen eine rechteckige Gebetsfläche eingezeichnet ist, deren Spitze gen Kaaba zeigt, das größte Heiligtum des Islam in Mekka. Zügig dreht sich das Gespräch mit Hanadi und Meryem in Richtung Kopftuch und Burka, Religionsfreiheit, Ehrenmorde. Fragen stehen im Raum. Fünfmal am Tag sind die Muslime aufgerufen zu beten, die exakten Zeiten richten sich nach dem Sonnenstand und werden auf fünf Uhren im Gebetsraum jeden Tag neu angezeigt. “Gelingt es, sie genau einzuhalten, gibt es Pluspunkte”, sagt Hanadi. “Vor allem das Gebet vor Sonnenaufgang zählt. Wer sich den Wecker dafür stellt und betet, wird belohnt.” Gelingt es nicht, sie einzuhalten, gäbe es Minuspunkte, sagt sie. Eine Erklärung, warum Muslime sich für Gebetsräume in Schulen einsetzen, eine Frau hatte danach gefragt.

“Was passiert, wenn man nicht betet? Wird Druck gemacht?”, fragt ein Mann. “Nein, kein Druck, das muss jeder mit sich selbst ausmachen”, antwortet Hanadi. “Aber man fragt natürlich nach, warum betest du nicht mehr?” Sie selbst, als alleinerziehende Mutter von drei Kindern, habe im Alltag natürlich nicht die Zeit, fünfmal am Tag die exakten Gebetszeiten einzuhalten. “Das muss jeder für sich selbst entscheiden” –  das sei generell die Devise. Entscheide sich eine Frau dafür, nicht nach den Regeln des Islam zu leben – Alkohol zu trinken, Bikini statt Burka zu tragen, nicht zu heiraten – habe niemand das Recht, sie unter Druck zu setzen. Im Gegenteil, dafür werde man eher selbst bestraft. Dass die Realität anders ist, räumt sie ein. 80 Prozent der Muslime würden sich aber so verhalten, schätzt sie. Nicht alle im Raum sind von dieser Zahl überzeugt, Ehrenmorde und Burka – das sind klar die Themen, die durch die Köpfe spuken. “Meine Schwester trägt kein Kopftuch”, erzählt Hanadi. “Selbstverständlich gehe ich mit ihr zusammen auf die Straße. Gut möglich, dass sie viel gläubiger ist als ich, das Kopftuch sagt nichts darüber aus.” Sie erzählt weiter: “Eine Freundin von mir ist neulich in den Libanon gereist, wo ich herkomme. Völlig erstaunt ist sie zurück gekommen. ‘Die Mädchen dort gehen im Bikini an den Strand, sie sind viel liberaler als ihr. Ihr lebt strenger’, hat sie zu mir gesagt.” Ja, manchmal lägen zwischen Muslimen im Libanon und hier kleine Welten, meint Hanadi dann.

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2 Responses to Die Route 44

  1. Herbert says:

    Respekt…ein sehr guter Beitrag. Ich hoffe, es geht weiter so in Sachen anspruchsvoller Journalismus. Viel Erfolg!

  2. Elke says:

    Als jemand, die selbst in Neukölln lebt, freut mich dieser Beitrag sehr. Zumal oft, nicht selten durch den geschätzen Bürgermeister unseres kleinen Dörfchens, so ein ungutes Bild der Muslime und Migrationshintergründler gezeichnet wird. Herzlichen Glückwunsch also zu diesem schönen Beitrag! Elke

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