“Zum Henker mit dem Henker” – Beobachtungen bei der Demo gegen die rechte Szene in Schöneweide

Die Demonstranten ziehen vorbei. Zuschauer am Rande in Schöneweide.

Mehrere hundert  Menschen demonstrierten am Abend des 8. Juli gegen die rechtsextreme Szene in Schöneweide. Vor allem gegen den “Henker”, eine etablierte rechte Kneipe, und gegen den neuen Laden “Hexogen”. Die Antifa, die die Demo organisierte, spricht von 1.000 Teilnehmern, die Polizei von 500.

Sebastian Schmidtke, stellvertretender Landesvorsitzende der NPD in Berlin, ist der Betreiber des “Hexogen”. Der Laden bietet in Schöneweide Militär- und Neonazi-Kleidung, Musik und rechte Propaganda an. Hexogen ist ein giftiger Sprengstoff aus dem 2. Weltkrieg. Neben der Szenekneipe “Zum Henker” werde so in der Brückenstraße ein zweiter Neonazi-Treffpunkt entstehen. Das befürchten viele Menschen, die im Bezirk Treptow-Köpenick leben. So ragt denn auch vor Demo-Beginn am S-Bahnhof Schöneweide eine grauhaarige Rentnergruppe heraus aus den vielen schwarzgekleideten, jungen Antifa-Anhängern, die den Großteil der Demonstranten stellen. “Die Nazis hier im Kiez sind uns hier ein Dorn im Auge”, sagt Siegfried, einer der Rentner. Schon lange, er habe deshalb auch schon einige Male “zusammen mit den jungen Leuten von der Antifa” demonstriert. “Die Lebensqualität hier im Bezirk wird schlechter, wenn die Nazis hier sind. Man hat Angst, sich in einigen Ecken zu bewegen”, sagt Siegfried. Eine Bekannte sagt: “Und mit dem neuen Laden geht eine größere Aggression von ihnen aus.”

Kurz bevor sich der Demonstrationszug in Richtung Brückenstraße in Bewegung setzt, spricht die Antifa-Sprecherin laut ins Megafon für alle: “Rund 50 Nazis haben sich in Adlershof versammelt. Sie haben Angst vor uns, sie sind nach Adlershof ausgewichen. Das werte ich als Erfolg.” Laut Polizeibericht löste sich die Gruppe der Rechten nach einem kurzen Demo-Zug wieder auf.

In Schöneweide setzt sich gegen 19 Uhr die Demonstration langsam in Bewegung. Die Stimmung ist friedlich. “Schöneweide ist unser Kiez” ist das Motto. “Linke Subkultur statt Zum Henker” steht auf Plakaten und Bannern, “Kein Bier mit/von/für Nazis” und “Nazis auf die Pelle rücken”.

In der Britzer Straße steht Hosni Mastool mit Kollegen vor der Tür ihres mexikanischen Imbisses “Terrano Serrano”. Hosni Mastool sagt: “Wir sind Araber, Palästinenser. Einige von uns sind seit acht Jahren hier in Schöneweide, andere seit 15 Jahren.” Was hält er von der Demonstration? “Mein Lieferwagen steht da drüben, ich muss los, komme aber nicht durch.” Hat er Probleme mit den Rechtsextremen im Kiez? “Wir haben kein Problem. Alle sind Menschen”, sagt er hastig.

Demonstranten und Polizeibeamte Kopf an Kopf.

Ein paar hundert Demonstrationsmeter weiter, vor der Kneipe “Zum Henker”, wartet ein großes Polizeiaufgebot auf die Demonstranten. Auch auf dem Dach des gegenüberliegenden Hotels sind Polizisten postiert. Die Kneipe wird mit Wannen geschützt. Die Beamten sind sichtlich aufgeregt, die Demonstranten bleiben entspannt. Es werden einige kurze Reden gehalten, bevor es weitergeht zur Brückenstraße 9, wo sich das “Hexogen” befindet. Ebenfalls von Wannen und Polizisten gut geschützt. Ein Motiv, vor dem sich rasch eine Traube Pressefotografen bildet.

Polizisten beschützen das "Hexogen", ein beliebtes Fotomotiv.

300 Meter von den Demonstranten vor dem Henker entfernt, sitzen drei Leute in der Abendsonne vor der Sparkasse, ein Flaschenbier in der Hand. Der Mann in der Mitte trägt offen ein T-Shirt mit dem eisenen Kreuz vorne drauf. Er ist entspannt. Später kommen die Demonstranten vorbei, sehen ihn und sind nicht erfreut. Sie sprechen ihn auf sein T-Shirt-Aufdruck an, und dann greift irgendwann ein Polizist des Anti-Konflikt-Teams ein.

Das Bündnis für Demokratie und Toleranz in Treptow-Köpenick demonstriert mit.

Eigentlich steht die Demo dann vor dem S-Bahnhof kurz vor einem entspannten Feierabend. Mit vielen hundert Teilnehmern waren viel mehr da als anfangs erwartet und bis auf wenige Rangeleien war alles friedlich. Ein entspannter Freitagabend. Aber dann formieren sich die Polizisten nochmal im Kreis rund um die Demonstranten und der Streßpegel steigt. Bis die Demonstrationsteilnehmer dann doch rausgelassen werden in Richtung S-Bahnhof Schöneweide.

Als ich in der S-Bahn Richtung Ostkreuz sitze, füllt sich der Waggon schnell mit Demonstranten. Die Stimmung ist friedlich-erschöpft, es riecht ein bisschen nach Schweiß und Sonne, die Wasserflaschen werden ausgepackt, man lässt die Demo kurz Revue passieren. Als die Signale ankündigen, dass die Türen gleich schließen, pressen sich nochmal zwei schutzgepanzerte Polizeibeamte pro Tür in das volle Abteil und machen kraft ihrer Ellbogen klar, dass sie hier um jeden Preis mitfahren werden. Warum ist unklar. Für Aggression gibt es keine Anzeichen. Aber seit die Polizisten im Waggon sind ist das anders. Ein Demonstrant regt sich so über ihr Verhalten auf, dass er sie “Mörder und Faschisten” nennt. Ich schaue einem der Polizisten in die Augen. Man sieht wie die mühsam errungene Selbstbeherrschung ihm das Rot in die Augen treibt. Am Bahnhof Ostkreuz wird der Demonstrant beim Aussteigen gepackt und festgehalten. “Warum musste er das tun? Er weiß doch, wie die Bullen ticken”, sagt eine junge Demonstrantin zu ihrem Freund, als die S-Bahn weiterfährt.

Posted in berlin.politisch and tagged with , . RSS 2.0 feed.

2 Responses to “Zum Henker mit dem Henker” – Beobachtungen bei der Demo gegen die rechte Szene in Schöneweide

  1. Lottchen says:

    Irgendwie scheint keinem aufgefallen zu sein das friedliche Demonstranten kurz vor Ende der Demo einfach rausgezogen worden sind und bis spät in die Nacht auf dem Präsidium von Polizisten bedient wurden..

  2. nicole says:

    Danke für den Kommentar. Ich habe nachfragt, ein Polizeisprecher sagte dazu jetzt auf meine Fragen: Auf das Präsidium sei niemand mitgenommen worden. Es habe während der Demonstration mehrere Festnahmen gegeben. Alle seien nach Feststellung der Personalien vor Ort freigelassen worden. Wenn sie anderes erlebt haben und mehr Informationen haben, bitte hier nochmal kommentieren und erzählen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>