Die Olympia-Stars von morgen trainieren in Hohenschönhausen

Murat Yildirim (c) nic

Trainiert haben sie in Hohenschönhausen, jetzt kämpfen sie in London um Medaillen: Gut zwölf Sportler haben an der Elite-Sportschule in Berlin trainiert und für den Schulabschluss gebüffelt. Die Schwimmerin Britta Steffen ist eine von ihnen, ebenso die Wasserspringer Patrick Hausding und Maria Kurjo. Heute trainieren im Sportforum Hohenschönhausen vielleicht schon einige Olympioniken von morgen. Das Leben in der Eliteschule des Sports ist hart, dafür ist die Chance im Sport ganz nach oben zu kommen für einige zum Greifen nah.

Murat Yildirim sitzt am Tag seines Schulabschlusses 1.300 Kilometer von der Aula seiner Schule entfernt in einer Boxhalle in Sofia. Das Zeugnis holt seine Familie zu Hause in Berlin ab, Murats Gedanken sind ganz im Boxring. Er träumt vom Europameistertitel. Der 16-Jährige hat erst die Berliner Meisterschaften im Junioren-Boxen gewonnen, danach die Deutschen Meisterschaften. Jetzt will er sich auch den U17-Europameistertitel in seiner Gewichtsklasse holen.

Murat hat bis zu seinem Schulabschluss in diesem Sommer das Schul- und Leistungssportzentrum Berlin (SLZB) besucht. Eine von 39 Eliteschulen des Sports in Deutschland. Auf dem Schulgelände, zu dem das legendäre Sportforum Hohenschönhausen gehört, gehen rund 1.200 Kinder und Jugendliche zur Schule und trainieren gleichzeitig auf höchstem Leistungssportniveau. Ihr Ziel: das Abitur oder den Mittleren Schulabschluss zu absolvieren und zugleich in ihrer Sportart mit dem Bundeskader bei Europa- und Weltmeisterschaften anzutreten. Einige haben die Olympiade 2016 im Blick. 17 Sportarten werden in Berlin trainiert: Schwimmen, Leichtathletik und Eishockey sind dabei, aber auch Bogenschießen und Fechten.

Hier fließt viel Schweiß: der Trainingshallenkomplex im Sportfoum Hohenschönhausen (c) nic

In der DDR wurde der sportbegabte Nachwuchs automatisch an die Kinder- und Jugendsportschulen, abgekürzt KJS, geschickt, aus denen das heutige SLZB hervorgegangen ist. Manche wurden damals auch zum Doping gedrängt. “Mit Zwang geht heute gar nichts”, sagt Gerd Neumes, der die Schule seit 20 Jahren leitet. Wer schon früh im Schulsport oder im Verein auffällt und die Leidenschaft für den Leistungssport vermuten lässt, wird häufig von seinen Trainern für die Schule vorgeschlagen. Die Eiskunstläufer und Turner kommen meist im Grundschulalter, die meisten anderen Sportler stoßen in der 7. Klasse dazu.

Murat, der stolz den Boxernamen “Ali aus Kreuzberg” trägt, hat in seinem Onkel einen Förderer gewonnen. Selbst begeisterter Boxer, aber ohne das ganz große Talent, hat er seinen Neffen früh mit zum Training genommen. Als Murat den Berliner Meistertitel gewann, war Egon Omsen am Ring. Der Boxtrainer holte Murat im Alter von zehn Jahren an die Schule.

Einmal angekommen, heißt es nicht nur für die Boxer: “Wer Meister werden will, muss wie ein Meister trainieren”, wie das Spruchband in der Trainingshalle der Boxer mahnt. Auch für den Leichtathleten Dennis Krüger bedeutet das, acht Trainingseinheiten von jeweils bis zu drei Stunden pro Woche in der Hauptsaison zu absolvieren und 14 wöchentliche Trainingseinheiten in der Aufbauphase im Herbst und Winter. “Von 8 bis 21 Uhr bin ich an den Wochentagen vollauf mit der Schule und Training beschäftigt, das ist länger als jeder normale Arbeitstag”, sagt er. Was treibt ihn an? “Leidenschaft.” Wie er denken viele Jugendliche in der Elite-Sportschule. Was für Außenstehende wie eine knallharte, entbehrungsreiche Jugend aussieht, ist in den Augen der Sportler die Chance, im Sport das Spitzenniveau zu erreichen, ohne auf eine solide Schulausbildung verzichten zu müssen.

“Wenn dann noch der Erfolg dazu kommt, ist es okay.” Was Dennis Krüger so bescheiden umschreibt, ist für den Abiturienten und 800-Meter-Läufer der dritte Platz bei den Deutschen Meisterschaften im Juni und die Qualifikation für die U20-Weltmeisterschaft im Juli in Barcelona. Sommerferien? Die richten sich nach den Trainings- und Wettkampfzeiten. Der Sport steht an erster Stelle. Schulleiter Neumes bringt die Prioritäten so auf den Punkt: “Einen Schulchor oder eine Theatergruppe wird es hier nie geben.” Maria Kurjo, ehemalige Schülerin und jetzt bei der Olympiade in London Medaillenkandidatin im Wasserspringen, blickt zurück: “Wenn alle anderen hitzefrei hatten und sich im Park gesonnt haben, bin ich in die Trainingshalle gegangen. Keine Sonne, kein Grün. Klar vermisst man das, aber meine Entscheidung für die Sportschule war die richtige. Keine andere Schule hätte so viel Rücksicht auf meinen Sport genommen.”

Die Hürdenläuferin Kim Matysik (c) nic

Wer es bis zum Abitur schafft, der hat miterlebt, wie rund die Hälfte seiner Mitschüler auf dem Weg dorthin die Schule verlassen hat oder verlassen musste. “Jeder Zweite geht, weil er die sportlichen Anforderungen nicht erfüllt oder für sich entscheidet, dass die Kombination aus Schule und Leistungssport persönlich nicht das Richtige für ihn ist”, sagt Neumes.

Ein Radsportler, der die Schule nach der 10. Klasse verlassen musste, sagt heute: “Es ist wie nach einem 10.000-Meter-Wettkampf. Erst ist man froh, dass Stress und Druck endlich vorbei sind. Dann blickt man zurück und denkt, ein paar Reserven wären noch drin gewesen. Heute bereue ich, dass ich dort nicht bis zum Abitur durchgehalten habe.” Er hat danach Sport studiert – und mit Freude die Trainingseinheiten im Studium wieder auf dem Schulgelände absolviert. “Verlässt jemand die Schule, bemüht man sich, die guten Freundschaften zu pflegen. Aber die stärksten Verbindungen entwickeln sich doch zu den Sport- und Trainingskollegen”, sagt Wasserspringerin Maria Kurjo.

In den harten Phasen steht manchen jungen Leistungssportlern ein Sportpsychologe ihres Vereins zur Seite, viele werden vom Trainer weit über das Sportliche hinaus unterstützt. Wie Lisa Rüdiger. Die Abiturientin und Hochspringerin hat sich nach mehreren Verletzungspausen und einem Dreivierteljahr Nachdenken im November 2011 von ihrem Traum einer Leistungssportkarriere verabschiedet. Sie ist heute weder traurig noch zerknirscht: Sie trainiert jetzt Kinder in der Leichtathletik, will nach dem Abitur Sonderpädagogik studieren. “Um behinderte Kinder an den Sport heranzuführen”, sagt sie, “die spätere Teilnahme an den Paralympics nicht ausgeschlossen.”

Ist angesichts des Leistungsdrucks nicht der Gedanke an Doping verlockend? “Nein”, sagt die 400-Meter-Hürden-Läuferin Kim Matysik. “Mir ist hier kein Dopingfall bekannt. Das hätte strikte Konsequenzen.” Selbst Koffeintabletten vor einer Klausur sind tabu. “Das würde bei einer Dopingkontrolle sofort auffallen”, sagt Dennis Krüger, der als Mitglied eines Bundeskaders ständig damit rechnen muss, auf Doping kontrolliert zu werden. “Wir müssen kontinuierlich angeben, wo wir uns aufhalten, damit die Kontrolleure der Nationalen Anti-Doping Agentur uns jederzeit finden”, sagt der 800-Meter-Läufer, bei dem sie auch schon einmal morgens um sechs unangemeldet vor der Tür standen.

Murat hat den Titel in Sofia nicht gewonnen. Schon vor dem Halbfinale musste er – der bislang erst 10 von 70 Kämpfen verloren hat – sich geschlagen geben. Murat hatte gehofft, am Finaltag, zu dem auch sein Onkel anreiste, selbst im Ring zu stehen. Sein Ziel bleibt: Profiboxer werden. Trotz seines großen Talents setzt er nicht alles auf die eine Karte. Er macht zwei Wochen Urlaub mit seiner Familie, dann beginnt er seine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann und das Boxtraining geht in die nächste Runde. “Das Boxen werde ich niemals aufgeben”, das steht für Murat fest.

Zuerst erschienen auf Fluter.de.

Links

Das Schul- und Leistungssportzentrum Berlin

Die Eliteschulen des Sports auf der Webseite des Deutschen Olympischen Sportbundes

Posted in berlin.außer atem and tagged with , , , , , , . RSS 2.0 feed.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>