Campingplatzgefühl

Von Lissy Pernthaler : Menschen aus über 190 Ländern leben in Berlin. Viele von ihnen wünschen sich, hier eine – neue – Heimat zu finden. In einer Stadt, die so wenig deutsch und so kosmopolitisch ist wie keine zweite hierzulande. Heimat – sind es die Menschen, ist es die Sprache, ist es der Esprit Berlins, die sie ausmachen? Oder ganz etwas anderes? Oder ganz etwas anderes? Die Reise zu unserer Heimat beginnt. Eine Hörkolumne von Lissy Pernthaler.

Die Reise zu unserer Heimat beginnt …

Das Transskript zur Hörkolumne:

Emilia sucht das Glück
Eine Hörkolumne von Lissy Pernthaler
Folge 01 zum Thema Heimat

Campingplatzgefühl

Meine Großmutter las mir aus dem Zauberer von Oz vor und bis heute weiß ich: „Es ist nirgends schöner als daheim“. Damals fühlte ich mich geborgen, wusste, dass im Haus noch jemand war, jemand herumwerkelte und ich getrost schlafen konnte. Als ich etwas älter war und meine Großmutter tot, sang ich mich selbst in den Schlaf und wachte nicht auf, bis ein süßes „Emilia!“ von der Küche zu mir her drang. Ich hatte einen kleinen Kosmos, eine kleine Heimat, meine kleine Familie. Heute ist mein Daheim Berlin, meine Heimat aber ganz woanders.
Sprache ist Heimat. Meine Muttersprache, mein Heimatdialekt. Die Sprachbarriere, selbst in einer so großen, multikulturellen Stadt wie Berlin, ist immer wieder spürbar. Und doch leben die Menschen hier Seite an Seite und suchen ihre Heimat.
Haben es die Menschen, die anpassungsfähiger sind, im darwinistischen Sinne, einfacher? Was ist der natürliche Lebensraum des Menschen? Singlehaushalte, Einfamilienhäuser oder doch WGs? Oder ist das eine gesellschaftlich auferlegte Entwicklung: Zuerst WG, dann Singlewohnung, dann gemeinsames Heim? Und dann noch Altersheim?
Berlin ist ein Campingplatz, ein Auffangbecken, und wir hier alle Gestrandete. Ein neuer Lebensraum. Viele meiner Feunde sagen, dass Berlin für sie Freiheit ist, ein besserer Platz, als da wo sie herkommen. Valentin sagt, Berlin, sei seine freie Republik, Marin sagt, Berlin sei eine Insel, na, ganz meine Rede: Campingplatz!
Ein alter Freund sagte zu mir, es gäbe keine Romantik, es gäbe nur die verklärte Erinnerung an eine Situation. Geben wir uns mit zu wenig zufrieden? Resignieren wir? Ist das Beste für uns mehr als genug? Wo ist unser Jagdinstinkt geblieben? Warum geben wir so schnell auf? Kennen wir uns am Ende selbst noch nicht? Ist nicht vielmehr das die Basis: einer Wurzel zu folgen, die uns die Heimat in uns selbst erklärt? Vielmehr nicht erklären braucht, weil sie einfach da ist, mehr als ein schwammiges Gefühl, klar wie eine Emotion, keine Floskel. Heimat, Identität, bei sich sein!
Wer von uns ist schon in sich selbst zu Hause? Mirko meinte, er habe gelesen, dass alle immer in der Mitte sein wollen, aber er hätte bei Osho gelesen: In der Mitte zu sein ist schei…. – also das entspricht nicht der Natur des Menschen. Wir können von Glück reden, wenn jemand in sich eine Heimat gefunden hat. Ohne Projektion und Erwartung. Klingt esoterisch, ist aber so.
Ist das nicht Glück, zu erkennen, dass wir alle in uns verbunden, Heimat kreieren können?
Und da klingt die Stimme meiner Großmutter wieder nah an mein Ohr: „Toto, ich glaube wir sind nicht mehr in Kansas!“ Oh, nein, das sind wir nicht, die Reise zu unserer Heimat hat begonnen …

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