Frau Prasad sucht Zwangsköchinnen

Was passiert, wenn Frauen ihr Land in Asien, Afrika oder Osteuropa verlassen, um ihren Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen – und dann in Berlin ankommen und feststellen, dass sie in die Hände von Menschenhändlern geraten sind? Nivedita Prasad hilft Menschen, sich aus dieser Zwangslage zu befreien und ihre Rechte einzufordern. Von Heimat spricht sie nicht, denn damit hat die Lebenssituation der Frauen nichts zu tun. Sehr anschaulich berichtet sie hier von den Hintergründen und ihren eigenen Erfahrungen.


Von Nicole Walter (Foto oben: JK. Langford) : Nivedita Prasad sucht Zwangsköchinnen, auch Zwangskindermädchen und Haushälterinnen. Sie befreit sie wenn nötig aus Diplomatenhäusern. Und holt sie bei Sonnenaufgang auf Spielplätzen ab. Nicht um sie zu beschäftigen. Sondern um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Mitten in Berlin werden Menschen festgehalten, um fast sieben Tage die Woche zu putzen, zu kochen, zu waschen und Kinder zu betreuen, für nicht mehr als ein symbolisches Taschengeld. Von dem sie sich nichts kaufen können, weil sie das Haus nicht verlassen dürfen. Das kommt in Diplomatenfamilien vor – denn sie sind gegen jede Strafverfolgung immun. Aber auch in Restaurants und auf Erdbeerfeldern, zum Beispiel. Zwei Fälle hat Ban Ying in Berlin bekannt gemacht: Dewi Hasnati (Name aus Schutzgründen geändert) wurde im Haushalt eines jemenitischen Diplomaten festgehalten und hat dort zwangsgearbeitet. Lakech Demise (Name ebenfalls geändert) arbeitet als Zwangsköchin in einem äthiopischen Spezialitätenrestaurant in Mitte.

Nivedita Prasad über die Ban Ying-Kampagne und Menschenhandel in Berlin. Wir bitten, die schlechte Tonqualität dieser Aufnahme zu entschuldigen:

Nivedita Prasad: Menschenhandel in Berlin

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Nivedita Prasad

“Wir sprechen nicht von Heimat, wir sprechen von Herkunftsländern”, sagt Nivedita Prasad. “Heimat ist ein sehr emotionaler Begriff. Die Frauen, die zu uns kommen, haben in ihren Herkunftsländern nicht viel, was ihnen eine Heimat gibt.”

Nivedita Prasad berichtet, wie sie eine Frau aus ihrer Zwangslage in einer Diplomatenfamilie herausgeholt hat

Nivedita Prasad ist die Projektkoordinatorin bei Ban Ying, der Berliner Koordinations- und Beratungsstelle gegen Menschenhandel. Der thailändische Ausdruck Ban Ying bezeichnet ein “Haus der Frauen”. Im Juni hat Nivedita Prasad eine Kampagne in Berlin mitinitiiert: Motorroller fahren mit Plakaten durch die Stadt, die ahnungslose Deutsche an Kosmetik- oder Handywerbung denken lassen, aber u.a. auf Chinesisch, Vietnamesisch und Tagalog Hilfe anbieten bei Arbeitsausbeutung. Ganz gezielt fahren sie auch durch die Botschaftsviertel Berlins und vorbei an Diplomatenhäusern im Grunewald. Wer dort zwangsarbeitet und das Haus nicht verlassen darf, kann die Plakate so immerhin durchs Fenster erspähen. Außerdem werden kleine Seifenschachteln verteilt, die man zum Beispiel Köchinnen im Restaurant oder Kindermädchen auf dem Spielplatz unauffällig als Geschenk in die Hand drücken kann. In der Schachtel versteckt steht die Telefonnummer von Ban Ying. Vor kurzem hat Nivedita Prasad die Kampagne vor der OSZE in Wien vorgestellt. Gut möglich, dass sie Nachahmer in anderen Ländern findet.



Das Bundeskriminalamt spricht für das Jahr 2009 von insgesamt 24 Fällen des Menschenhandels zum Zweck der Arbeitsausbeutung (2008: 27 Fälle). Die Dunkelziffer ist hoch. Es muss “von einem großen Dunkelfeld ausgegangen werden, da auch hier eine besondere Abhängigkeit der Opfer von den Tätern besteht, die die Opfer in ihrer Kooperationsbereitschaft mit den Strafverfolgungsbehörden einschränkt”, so das Bundeskriminalamt im Mai dieses Jahres. Eine Studie von 2005 schätzt, dass es in Deutschland rund 15.000 Betroffene jährlich gibt. Bestätigte Fälle in Deutschland gibt es bei Hausangestellten, in der Landwirtschaft und in Restaurants. Diplomaten sind immun gegen die Strafverfolgung. Sie kommen nicht vor Gericht, sondern können nur unter Androhung der Veröffentlichung zu Eingeständnissen bewegt werden. Nivedita Prasad beginnt dann via Auswärtiges Amt mit den Botschaften zu verhandeln, um wenigsten die Nachzahlung eines adäquaten Lohnes zu erreichen.

Heike Rudat, Dezernatsleiterin im Landeskriminalamt Berlin, erläutert anlässlich der Vorstellung der Ban Ying-Kampagne im Mai 2010, warum die Dunkelziffer trotzdem so hoch ist:

Über die Schwierigkeiten bei der Strafverfolgung

Wie ist der Weg der Frauen aus ihren Herkunftsländern nach Deutschland? Nivedita Prasad erzählt es am Beispiel einer Frau, die als Hausangestellte für einen Botschafter arbeiten wird: Für Diplomaten zu arbeiten ist zum Beispiel auf den Philippinen oder in Indonesien sehr angesehen. Die Frauen bewerben sich von dort aus, unterzeichnen einen ordentlichen Arbeitsvertrag und bekommen die notwendigen Einreisepapiere nach Deutschland. Sie kommen vertrauensvoll hierher, um ihre Arbeit zu beginnen und ihren Lohn zum großen Teil ihren Familien zu Hause zu schicken. Viele lassen ihre Kinder zurück, um ihnen mithilfe des in Deutschland verdienten Geldes ein besseres Leben zu ermöglichen. Niemandem fällt das leicht. In Deutschland angekommen, hat der Botschafter die Macht über sie: Denn nur dank des Arbeitsvertrages mit ihm kann sie legal hierbleiben. Diese Macht wird ausgenutzt: Die Frau muss ihm ihren Pass abgeben und einen zweiten, inoffiziellen Arbeitsvertrag unterzeichnen, deutlich längere Arbeitszeiten, zum Teil andere Aufgaben, für einen Bruchteil des ursprünglich vereinbarten Lohnes. Mitunter dürfen die Frauen nach ihrer Ankunft das Haus nicht mehr selbständig verlassen, allenfalls noch in den Supermarkt zum Einkaufen oder mit dem Nachwuchs auf den Spielplatz gehen.

“Die beste Prävention gegen Menschenhandel wäre, wenn vor allem Frauen in den Herkunftsländern ordentliche Arbeitsverhältnisse bekommen, die keine besonders hohe formale Qualifikation erfordern. Und wenn die Täter wirklich etwas zu befürchten hätten.”

Nivedita Prasad: Wie man Menschenhandel den Riegel vorschiebt

Menschenhandel wird in Deutschland unterschieden: zum Zweck der sexuellen Ausbeutung und zum Zweck der Arbeitsausbeutung – die in diesem Artikel im Mittelpunkt steht. Der Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung ist in Deutschland seit 2005 strafbar. Der wasserdichte Nachweis vor Gericht ist jedoch schwierig. In § 233 des Strafgesetzbuches heißt es: “Wer eine andere Person unter Ausnutzung einer Zwangslage oder der Hilfslosigkeit, die mit ihrem Aufenthalt in einem fremden Land verbunden ist, in Sklaverei, Leibeigenschaft oder Schuldknechtschaft oder zur Aufnahme oder Fortsetzung einer Beschäftigung bei ihm oder einem Dritten zu Arbeitsbedingungen, die in einem auffälligen Missverhältnis zu den Arbeitsbedingungen anderer Arbeitsnehmerinnen oder Arbeitnehmer stehen, welche die gleiche oder eine vergleichbare Tätigkeit ausüben, bringt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft.” Der Chef von Lakech Demise (Name geändert), die in einem äthiopischen Spezialitätenrestaurant in Berlin-Mitte als Zwangsköchin arbeiten musste, wurde 2008 vom Amtsgericht Tiergarten zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt.

Links:

Ban Ying
Das Bundeskriminalamt: “Bundeslagebild Menschenhandel 2009″
Kok – Bundesweiter Koordinierungskreis gegen Frauenhandel
Projekt der International Labour Organization (ILO) in der Mekong-Region
ILO: Menschenhandel und Arbeitsausbeutung in Deutschland, von Norbert Cyrus (2005)
Berliner Fachkommission Menschenhandel: Materialien (2005)

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4 Responses to Frau Prasad sucht Zwangsköchinnen

  1. Elke says:

    ich möchte euch ein kompliment für eure artikel machen – auch dieser hier zum menschenhandel ist – man mag das angesichts der erschreckenden inhalte kaum schreiben – sehr gelungen, absolut informativ. ich finde die mischung in euren berlin-blog überhaupt sehr gut, alle diese facetten, die ihr ansprecht – all das ist berlin. weiterhin gutes gelingen!

  2. Lea says:

    Wow, super Artikel, gut, dass ihr auch über solche der Allgemeinheit doch eher unlieben Themen schreibt!

  3. elektrolurch says:

    Ich schließe mich Leas Meinung an.

  4. Pingback: Frau Prasad findet zum Tanz – bier statt blumen

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