Vor dem Supermarkt zu Hause

Man kennt sie aus der U-Bahn oder von der Straßenecke: die Obdachlosen, die nicht nur ’ne Mark wollen, sondern auch etwas zu bieten haben: den Strassenfeger. Für kleines Geld kann man mit dem Kauf der Zeitung Hilfe leisten und unterstützen. Doch wie fühlt es sich an, Passanten in Eile eine Zeitschrift anzubieten, und wer steckt hinter dem Projekt? Dominik Jesse hat einen Verkäufer des Strassenfegers einen Vormittag lang begleitet.


Recherche, Interviews und Fotos: Dominik Jesse
Autoren: Johanna von Stülpnagel und Nicole Walter

Niemand steht für alle und Jonas somit auch nicht für alle Verkäufer des Strassenfegers. Am ersten richtigen Sommertag des Jahres treffe ich Jonas (33, Name von der Redaktion geändert) vor einem Supermarkt in Reinickendorf. Dort verkauft er den Strassenfeger seit zwei Jahren jede Woche von Mittwoch bis Samstag.

Jonas ist nicht obdachlos. Er hat eine Wohnung in Plänterwald und lebt von Hartz IV. Von den zusätzlichen Strassenfegergroschen leistet er sich seinen „Luxus“ wie Tabak oder Diskobesuche. Nach Berlin kam er vor zehn Jahren. Er hat mit Drogen gedealt, wurde angezeigt. Ihm blieb die Wahl zwischen einer einjährigen Therapie – er war selbst abhängig – oder zwei Jahren Gefängnis. Dank der Stiftung Synanon („Leben ohne Drogen“) blieb ihm der Gefängnisaufenthalt erspart. Seine Familie brach den Kontakt damals jedoch ab. Durch Jonas beharrliche Bemühungen ist diese Funkstille seit 2005 wieder gebrochen. In den Drogenverkauf war er durchs Kiffen hinein gerutscht, im Jugendclub, der nur einmal im Monat von einem Sozialarbeiter besucht wurde. Er hat alles verkauft, außer Heroin und Koks. Mit einem Verkauf hat er seine eigene Sucht finanziert, nur Heroin hat er selbst auch nie genommen.

Einen Job zu finden ist nicht leicht, bei einem Arbeitsunfall im Januar ist seine Kniescheibe kaputt gegangen. Im Januar hatte er für drei Tage einen festen Job, dann haben ihn seine Knieprobleme von früher wieder eingeholt. Glücklicherweise beeinträchtigt ihn das Handicap nicht beim Strassenfegerverkauf. Über den Verkauf der Zeitung hat er eine evangelische Gemeinde kennen gelernt. Die offene Gemeinschaft dort spricht ihn an, obgleich er keine religiöse Erziehung genossen hat oder eine solche anstrebt.

Jonas ist ein ruhiger Mensch. Er grüßt Passanten, schiebt die Einkaufswagen zurecht, scherzt mit Kindern und Erwachsenen. Einige grüßen ihn wie einen alten Bekannten und nehmen ihm alle zwei Wochen ein Exemplar ab. Das meiste Geld bekommt er jedoch durch Spenden. An besonders guten Tagen kann er durchaus 30 Euro in sechs Stunden verdienen. Eine Zeitung behält er stets für sich, allein wegen der aktuellen Hartz IV-Themen in jeder Ausgabe.

Trotz der eigenen Geldknappheit ist es Jonas lieber, wenn die Menschen eine Zeitung kaufen anstatt zu spenden. Andere Verkäufer nehmen aus Stolz keine Spenden an, soweit geht er nicht. Gerade die Stellung als Verkäufer macht es möglich, dass eine Spende nicht degradierend ist. Der Verkäufer ist per se kein Bettler und kann Spenden ruhig annehmen. Manchen Leuten ist die Zeitung aber auch schlicht zu teuer.

Dass es beim Kauf nicht nur um die Unterstützung der Verkäufer, sondern auch um die des Vereins Mob geht, wird oft übersehen. Der Verein Obdachlose machen mobil (Mob) hilft obdach- und wohnungslosen Menschen in Berlin.

Sobald Jonas keine Zeitungen mehr hat, macht er Feierabend. Er will nicht mit leeren Händen als Bettler dastehen. Meist besteht sein Erlös des Tages aus 90 Prozent Spenden, 10 Prozent Zeitungsverkauf.

Vor dem Supermarkt ist er konkurrenzlos. Bevor er sich dort postierte, ging er auf den Marktleiter zu und bat um dessen Erlaubnis, dort verkaufen zu können. “Die meisten Verkäufer machen den Fehler, sich einfach vor den Laden zu stellen, ohne drinnen erstmal zu fragen”, sagt Jonas.  Bis dato gab es auch keine Beschwerden seitens der Kunden. Auf die dennoch immer wiederkehrende Frage, „warum er sich keinen anständigen Job sucht“, antwortet Jonas, er habe so viele Bewerbungen geschrieben und nur Absagen zurück bekommen. Das macht mürbe. Viele der Stammkunden jedoch halten zu ihm und verteidigen ihn gegen solche Sprüche, da sie der Meinung sind, er mache durchaus etwas, indem er die Zeitungen verkauft. Für sie ist er ein respektables Mitglied der Gesellschaft, die trotz ihres allgemeinen Wohlstands nichts so sehr fürchtet wie den Schmarotzer.

Dass die Gründe für Armut und Obdachlosigkeit oft aus einer Gemengelage entstanden sind, die eine so eindeutige Schuldzuweisung schwierig machen, wird dabei gern übersehen. Oft ist es schlicht die Angst vor dem eigenen Abstieg, die viele hinter einem harten Urteil über sozial Schwache verstecken.

Jonas selbst war in seinem Leben bereits arbeitslos und obdachlos. Wegen seines kranken Knies verzögert sich seine Arbeitssuche bis heute. Zwischen 2001 und 2006 lebte er in Berlin in einem Übergangsheim für  Obdachlose. In dieser Zeit wurde er sogar einmal von einem 13-jährigen Schüler gefragt, ob es ihm gut ginge; er bekomme so viel Taschengeld, dass es ihn nicht störe, ihm einen Kaffee auszugeben.

Allein wäre Jonas der Obdachlosigkeit nicht entkommen. Der Teufelskreis beginnt mit der Obdachlosigkeit, die einem das Anmieten einer Wohnung unmöglich macht. Kein Wohnsitz – kein Mietvertrag. Dank des Wohnberechtigungsscheins vom damaligen Sozialamt hat es schließlich funktioniert.

Trotz seiner bewegten Biographie wirkt Jonas nicht frustriert. Durch seinen Verkaufsjob ist er unter Menschen, kann sich unterhalten und „raucht nicht schon am Morgen“. Doch das erste Mal Strassenfeger zu verkaufen war durchaus unangenehm und gewöhnungsbedürftig für ihn. Es war an dem Tag, als er kein Geld mehr von der Agentur für Arbeit bekam. Mit einem Freund ging er zum Kaffee Bankrott und bewarb sich dort erfolgreich als Verkäufer. Bereits nach seiner ersten Stunde in Grunewald hatte er 7 Mark verdient. In der S-Bahn zu verkaufen liegt ihm hingegen nicht. “Dort müsste ich behaupten, ich sei obdachlos.”  Ohne diese Lüge sähe er dort wenig Chancen, Zeitungen zu verkaufen. Und Lügen geht gegen sein Ehrgefühl. Wobei manchmal ein wenig geborgte Unterstützung durchaus helfen kann: Als er vor einigen Wochen auf den Hund eines Freundes aufgepasst hat, verdiente er gut das Doppelte. Einige Menschen fragen sogar heute noch nach dem Hund. Auch Essens- oder Getränkespenden sind Jonas durchaus willkommen. Einige Menschen geben ihm lieber etwas aus, als Geld zu schenken, aus Angst, er kaufe sich davon nur Alkohol. Tatsächlich trinkt er mehrere Biere täglich, besteht jedoch darauf, kein Alkoholiker im klassischen Sinn zu sein.

Zurück nach Halberstadt will er nicht mehr. Hier vor dem Supermarkt hat er „seinen Job“ und Kontakt zu Menschen. Hier fühlt er sich beheimatet. Einmal verhinderte er sogar einen Blumendiebstahl und manchmal passt er auf Fahrräder auf.

Das Vertrauen der Menschen macht ihn stolz.

Denn im Großen und Ganzen hat sich Jonas selbst aus seiner Misere und Obdachlosigkeit herausgezogen. Das Leben auf der Straße jedoch kennt er nicht, denn er war nie im klassischen Sinne obdachlos, sondern wohnungslos. Im Wohnheim zahlte er sogar extra für ein Einzelzimmer mit Waschbecken und Toilette. Heute ist er froh, dass er wieder eine Wohnung in Plänterwald hat und Zeitungen verkaufen kann.

Nach unserem Interview fährt er erst mal zu Mob zum Mittagessen für schlanke 1,50 Euro. Ohne Kontakte zu anderen zu leben, kann er sich nicht vorstellen, und durch das Engagement bei Mob kann er sich diese Kontakte aufbauen. „Also ich habe hier mein Zuhause gefunden, praktisch am Markt“ , sagt Jonas. Er kennt die Leute und hat ein gutes Auskommen mit ihnen. Selbst wenn er einen anderen Job hätte, würde er dort weiterarbeiten. Durch seinen Job als Verkäufer des Strassenfegers hat er einen kleinen Job hinzubekommen: Er mäht den Rasen für einen alleinstehenden Mann. Ein anderes Mal besorgte ihm jemand Markenschuhe zum halben Preis. Und wieder andere Passanten erkundigen sich stets nach seinem Knie. Ein alter Mann im Rollstuhl gesellt sich zu uns und plaudert munter drauflos, während seine Frau die Einkäufe erledigt. Er feiert im Sommer seinen 60. Hochzeitstag.

Hier hat Jonas seinen Platz gefunden.

Wie funktioniert das “Strassenfeger-Prinzip”?

Der Verkauf von Zeitungen wie dem Strassenfeger ermöglicht es den Verkäufern, nicht als Bettler unterwegs zu sein zu müssen. Es ist ein Weg, mit Würde und Selbstachtung sein eigenes Geld verdienen zu können. Die Verkäufer selbst sind eine heterogene Gruppen von Obdachlosen und Bedürftigen, die selbst entscheiden, wo und wann verkauft wird.

Gegenwärtig gibt es zwischen 80 und 100 Strassenfeger-Verkäufer, insgesamt sind 500 registriert. Jeder von ihnen erhält eine Verkäufernummer, die er bei sich tragen muss. Vorrangig wird auf Bahnhöfen, Supermärkten, öffentlichen Plätzen, aber auch bei Veranstaltungen verkauft. Der Gesamtpreis von 1,50 Euro teilt sich in 60 Cent, die an Mob – obdachlose machen mobil e.V. – gehen, und 90 Cent, die dem Verkäufer bleiben.

Die Verkäufer müssen eine Selbstverpflichtungserklärung unterschreiben, dass sie den Strassenfeger nie in berauschtem Zustand verkaufen oder Passanten und Kollegen belästigen. Denn Gewalttätigkeit und Nötigung führen zum Ausschluss. Der Zuverdienst muss beim Arbeitsamt oder Jobcenter angegeben werden, wenn der zulässige Freibetrag überschritten wird.

Beim Verkauf selbst gibt es Tricks und Kniffe – zum Beispiel den Inhalt bekannt zu machen, statt nur an das Mitleid der Passanten zu appelieren. Denn der Strassenfeger muss sich hinter keiner anderen Zeitung verstecken.

Normalerweise kommt der Strassenfeger alle zwei Wochen in einer Auflage von 22.000 Stück heraus. Im Winter jedoch ist die Auflage höher – zwischen 28.000 und 30.000 Stück – aus dem einfachen Grund, dass in der kalten Jahreszeit das Mitleid größer ist. Es scheint, als denke der Mensch besonders in der Weihnachtszeit drüber nach, dass das Prinzip Nächstenliebe auch in die Realität umgesetzt werden muss; am besten durch Hilfe für andere. Im Verkaufsalltag bedeutet das schlicht und einfach, dass die Verkäufer zu dieser Zeit mehr beachtet werden. Da kommen einem Assoziationen an mittelalterlichen Ablasshandel.

Eines gilt jedoch immer: Ob Weihnachtszeit und Ostern – der verstärkte Ablasshandel beruhigt das Volksgewissen.

Insgesamt erscheint der Strassenfeger in 26 Ausgaben pro Jahr, alle zwei Wochen am Montag. Jeden Dienstag ist Redaktionssitzung, auf der man über Themen und Verbesserungen sprechen kann. Drei Ausgabestellen gibt es in Berlin: am Bahnhof Zoo, am Ostbahnhof und im Kaffee Bankrott.

Inhaltlich ist der Strassenfeger ein Medium zur Öffentlichmachung sozial brennender Entwicklungen und Probleme; jeder Verkäufer kann selbst Texte vorschlagen, schreiben und veröffentlichen.

Ein Verkäufer-Neuling erhält zu Beginn fünf Zeitungen gratis. Auch bereits Eingearbeitete, die kein Geld haben, bekommen erst einmal eine Zeitung, mit deren Verkaufserlös dann weitere Exemplare erstanden werden können. Nur in Einzelfällen werden auch Gratis-Zeitungen auf Vertrauensbasis ausgegeben, was aber von den jeweiligen Mitarbeitern in den Ausgabestellen abhängig ist.

Bei Mob ist die eigene Erfahrung das Diplom:

Das Mob-Haus in der Oderberger Straße

„Lass uns erstmal ’n Kaffee trinken.“ Es ist fast unvermeidlich, nicht mitzulachen, wenn Gerald Denkler seine Geschichten erzählt. Doch das, was er zu berichten hat, stimmt eher nachdenklich, nicht heiter. Seit nun fast 13 Jahren ist Gerald ehrenamtlich für den „Mob – Obdachlose machen mobil e.V.“ tätig, jenen Berliner Verein, der sich einsetzt für die Verbesserung der Lebenssituation von gesellschaftlich Benachteiligten, besonders für von der Wohnungs- oder Obdachlosigkeit bedrohte Menschen. Gerald weiß, wovon er spricht. Der gebürtige Nürnberger ist selbst durch Phasen privater Krisen, aktiver Sucht, Therapieabbrüchen, Knastaufenthalten und Obdachlosigkeit gegangen, bevor er seinen unbremsbaren Tatendrang denen zur Verfügung stellte, die ihn verloren oder nie besessen haben. Die Menschen, die er auf der Straße anspricht oder im Kaffee Bankrott in der Prenzlauer Allee 87 trifft, können sich mit ihm auf Augenhöhe unterhalten.

Es sind Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, die sich aus der Not heraus an den Verein wenden, darunter auch Akademiker, Ärzte und Piloten.

Gerald schätzt, dass zwischen 80 und 95 Prozent der Wohnungs- oder Obdachlosen keine oder nur sehr begrenzte familiären Bindungen haben. Manchmal gelingt es, den Kontakt zur Familie wieder aufzunehmen. Das ist nicht selbstverständlich, denn viele Menschen haben vielleicht die eigenen Familienangehörigen betrogen und sie zur Finanzierung ihrer Sucht bestohlen, sodass das familiäre Vertrauen zerstört wurde. Gerald weist aber auch darauf hin, dass in vielen Familien der Grund für die Sucht und die soziale Verwahrlosung gar nicht diskutiert und auf Hilfe nicht zurückgegriffen wird. Oft ist der einzige soziale Rückhalt der von Wohnungs- und Obdachlosigkeit bedrohten Menschen ihr Haustier. Soziale Beziehungen lösen sich auf und werden heruntergebrochen auf funktionale Kontakte zu anderen Leidensgenossen oder zu Sozialhelfern. Das Hin und Her zwischen Ämtern, Behörden, Hilfs- und Versorgungsstellen strukturiert zwar den Tag, schafft aber selten eine echte Verbesserung der Lebenswirklichkeit. „Wenn für einen Menschen der Ablauf immer gleich ist und sich nichts ändert und auch nichts Positives in der Ferne zu sehen ist, dann bleibt er da stehen, wo er ist und bewegt sich nicht weiter.“

Mob e.V. hilft den Menschen, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Und genau dafür hat der Verein seit seinem Bestehen verschiedene Projekte entwickelt. Durch die Obdachlosenzeitung Strassenfeger wird auf soziale, wirtschaftliche und politische Probleme hingewiesen, während der Vertrieb dieser Zeitungen den Verkäufern nicht nur eine wirtschaftliche Einnahmequelle bietet, sondern auch Eigenverantwortung und Selbstwertgefühl stärkt. Der Selbsthilfetreffpunkt Kaffee Bankrott in der Prenzlauer Allee 87 ist täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet und bietet neben preiswertem Essen auch eine kostenlose Rechts- und Sozialberatung. Die Notübernachtung des Mob ist ebenfalls jeden Tag geöffnet. Bis zu drei Monaten kann man dort gemeldet bleiben, was auch wichtig für die Jobsuche ist, denn weiterhin gilt die Regel: Ohne Arbeit keine Wohnung – und ohne Wohnung keine Arbeit. In der Oderberger Straße 12 ist das Selbsthilfehaus, wo mit 18 mietpreisgebundenen Wohnungen ein dauerhaft bezahlbarer Wohnraum geschaffen wurde. Das Trödelprojekt in der Prenzlauer Allee ergänzt das Angebot des Mob. Hier werden Möbel, Haushaltsgeräte und Spielzeug angeboten, die von anderen Menschen gespendet worden sind.

Als Gerald 1997 nach Berlin kam und erst einmal in einer Notunterkunft untergekommen sei, habe er eigentlich nur etwa vier Wochen bleiben wollen. Seit diesem Vorhaben sind mittlerweile 13 Jahre vergangen; und er ist noch immer hier. Gehalten hat ihn die Tätigkeit für den Mob e.V. Damit ist er aber nur einer von etwa 40 Mitarbeitern, die ehrenamtlich, geringfügig beschäftigt oder im Rahmen des Programms „Arbeit statt Strafe“ das Konzept des Mob unterstützen. Staatlich geprüfte Sozialarbeiter gibt es beim Mob nicht. Hier ist die eigene Erfahrung das Diplom.

Heute ist die Wohnungssituation wesentlich kälter.

In Berlin sind derzeit ca. 7.000 bis 10.000 Personen ohne festen Wohnsitz, schätzen die Mob-Mitarbeiter. In der amtlichen Statistik werden sie nicht berücksichtigt. Sie leben in Heimen und Notunterkünften, unbeständigen Wohnverhältnissen oder halten sich auf der Straße auf. Seit 2004 steigt die Zahl der wohnungslosen Personen.

Die Wohnungssituation sei heute wesentlich kälter, sagt Gerald Denkler. Denn seit Mitte 2009 würden vermehrt Schufa-Auskünfte verlangt. Heute sei die Schufa-Nachfrage die Regel und die sei bei 90 Prozent der Menschen, denen Mob hilft, negativ. Mob halte aber gute Kontakte zu einigen Wohnungsbaugenossenschaften und lege für die Leute ein gutes Wort ein, damit eventuell auf die Kaution verzichtet und akzeptiert wird, dass die Miete vom Jobcenter direkt überweisen wird.

Zigaretten, Alkohol, Drogen –
bei vielen kommt eine besiegte Sucht in der Krise wieder.

Obdachlosigkeit kann ganz verschiedene Ursachen haben und zieht oft Sucht nach sich, erzählt Gerald. Der Betrieb geht pleite, persönliche und familiäre Schwierigkeiten, Krankheit – bei vielen kommt die bereits besiegte Sucht wieder, wenn eine Lebenskrise eintritt. Viele versuchen, sich auf den Beinen zu halten und nicht süchtig zu werden. Aber dann kommt die Frustration: Man geht zu den Ämtern, hat die ganzen Formulare dabei, aber etwas fehlt, ein Kontoauszug zum Beispiel. Ein neuer Termin wird gemacht, oft erst 14 Tage später antanzen. Und Geld wird erst ausgezahlt, wenn alles vollständig ist. Bis dahin seien die Menschen oft motiviert, aber dann kommen nur noch Ohrfeigen. Wenn man dann jemanden trifft, mit dem man vielleicht was trinkt, ist man schnell im Sog drin. Der Tag verläuft mit dem Alkohol – immer wieder und immer mehr. Irgendwann nimmt man dann was Härteres, zum Beispiel weil Heroin gut gegen die Kälte ist.

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3 Responses to Vor dem Supermarkt zu Hause

  1. feingeist says:

    sehr schön recherchiert, weiter so!

  2. elektrolurch says:

    Endlich mal qualitativ sehr guter Journalismus!

  3. König Drosselbart says:

    sehr guter Beitrag… top!!

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