Der iPhonist

Matthias Krebs experimentiert an der UdK Berlin mit Handy-Musik und hat das DigiEnsemble aufgebaut. Ein Ensemble, das auf Smartphones und Tablet-PCs musiziert. Sie spielen Stücke im klassischen Stil, Rock, Klezmer, Soul – eigentlich alles. Sie wollen mehr sein als ein “iPad-Zirkus”.

Der Journalist Laurence Thio und die Fotografin Cora-Mae Gregorschewski haben den Musiker und sein Ensemble bei den Proben beobachtet und sie auf ihr Konzert zum Sommerfest der UdK begleitet.


Von Laurence Thio (Text/Ton) und Cora-Mae Gregorschewski (Fotos):

Er will den Crazy Frog nicht überholen. Matthias Krebs schert sich auch nicht um Muffel, den animierten Hasen oder den besoffenen Elch. Allesamt Klingelton-Figuren, die vor wenigen Jahren die Charts mit schrillen Klingelton-Melodien eroberten und vor allem eines taten: Handymusik massentauglich machen.

Nein, Matthias Krebs, Musikdozent und Diplom-Opernsänger will nichts mit ihnen zu tun haben. Wenn er über das gläserne Display seines iPads streicht, hört man ein Cello oder Klavierakkorde, die klingen als kämen sie aus einem echten Instrument. Krebs geht es um die Grauzone zwischen Technik und Instrument, aber vor allem eben um Musik.

Krebs steht inmitten eines Stuhlkreises, um ihn herum sieben Musiker, sie alle halten ihr Mobiltelefon umklammert und wippen und schunkeln als würde der Wind sie hin und her wehen. Das ist das DigiEnsemble. Krebs hat die Gruppe vor einem Jahr gegründet, sie besteht aus Berufsmusikern, die sich regelmäßig treffen, um auf Smartphones und Tablet-PCs zu musizieren. Sie spielen Stücke im klassischen Stil, Rock, Klezmer, Soul – eigentlich alles. Sie proben ein letztes Mal vor ihrem bislang wichtigsten Auftritt.

Alle Fotos: Cora-Mae Gregorschweski

Klassiker, Rocker, Jazzer – aber Handys?

Die Musiker werden drei Stücke auf dem Sommerfest der Universität der Künste (UdK) spielen. Einmal im Jahr präsentieren sich hier die Fachbereiche der renommierten Kunsthochschule: Klassiker, Rocker, Jazzer. Viele Skeptiker sind da, sagt Krebs. Sie nehmen das DigiEnsemble nicht ernst, sondern tun es als “iPad-Zirkus” ab. Gerade sie will Krebs überzeugen.

Technik und Musik – das ist an einer Hochschule, an der die Studenten mehrere Jahre einzelne Instrumente studieren, immer noch ein schweres Feld. Um eine Instrumenten-App, egal ob Tuba oder Gitarre, zu lernen, braucht man häufig nur wenige Tage .“Uns geht es aber nicht darum klassische Instrumente zu ersetzen”, sagt Krebs. Niemand habe das vor, versichert er. Krebs selbst ist Multiinstrumentalist, er spielt Cello, Klavier, Gitarre und Schlagzeug und hat an der UdK Operngesang studiert.

Die Instrumente in der Hosentasche

Kurz vor dem Auftritt wird die Bühne umgebaut. Die einzelnen Ensemble-Mitglieder wirken aufgeregt. Sie warten, scherzen, ihre Instrumente haben sie in der Hosentasche.

Vor fünf Jahren wäre das Konzert noch kaum möglich gewesen. Denn erst seitdem die Smartphones genügend Rechnerleistung haben, kann man auf den Handys auch Musik machen. Dazu braucht man bestimmte Musikprogramme, auch Apps genannt. Sie lassen sich teilweise kostenlos oder für einen niedrigen Euro-Betrag erwerben. In den letzten Jahren sind eine Vielzahl von Apps erschienen mit denen man anspruchsvoll musizieren kann. “Man kann die Töne durch schütteln und bewegen modifizieren”, sagt Krebs und demonstriert es kurz an seinem eigenen iPhone. Er schüttelt das Telefon leicht in der Hand, ein Cello-Vibrato erklingt.

“Bitte in den Flugmodus”

Es geht los: die Musiker betreten die Bühne. “In den Flugzeugmodus umschalten”, befiehlt Krebs. Ein Anruf während des Vorspiels wäre fatal, alles wäre ruiniert. Krebs spricht kurz ein paar einleitende Worte. Links von ihm steht ein riesiger Flatscreen, daneben wirkt er klein.

Das DigiEnsemble beginnt mit einem klassischen Stück, das Publikum tuschelt: “Guck mal, die spielen auf iPhones”, ein älterer Mann verzieht das Gesicht. Die Zuhörer applaudieren höflich. Das nächste Stück kommt etwas besser an, es heißt “Du, alte Hippe, Du”. Zum Abschluss spielt das Ensemble “I need a Dollar” von Soulsänger Aloe Blacc. Bewegung kommt ins Publikum, der Sänger juchzt, schreit, springt. Einige Studenten holen ihre Smartphones hervor, machen Fotos und filmen den Auftritt. Applaus braust auf, unter Jubelrufen verbeugen sich Krebs und das DigiEnsemble. Doch die eigentlichen Stars an diesem Abend sind nicht die Musiker, es sind ihre Instrumente.

Laurence Thio arbeitet als freier Journalist für Print-, Online-, und Rundfunkmedien in Berlin. Er studiert Politikwissenschaft an der FU Berlin und benutzt sein Handy nur zum Telefonieren.

Cora-Mae Gregorschewski arbeitet als Fotografin in Berlin.

Posted in berlin.kultur and tagged with , , . RSS 2.0 feed.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>