Unter den Augen von 600 Polizisten: Die NPD demonstriert am S-Bahnhof Bornholmer Strasse

"Dem deutschen Mob entgegen" steht auf dem Aufkleber der Antifa auf der Bösebrücke. Rechts dahinter: ein NPD-Anhänger steht bereit, um ein Auge auf die Journalisten zu haben.

Am 13. August 2011, dem Jahrestag des Mauerbaus, hatte die NPD eine Gedenkveranstaltung an der Bornholmer Straße angemeldet. Eine geplante Provokation, dagegen gab es schon im Vorfeld viel Protest. Unter Polizeischutz wurden dann knapp 60 NPD-Politiker und -Anhänger auf die Bösebrücke gefahren. Aber eine Gruppe junger Demonstranten raubte den NPD-Anhängern die Nerven.

600 Polizisten sind gekommen, fast ebenso viele Demonstranten stehen an beiden Enden der Bornholmer Brücke, aber eine kleine Gruppe junger Leute zerrt wirklich an den Nerven der NDP-Politiker und ihrer Anhänger. Während die NPD oben auf der Brücke unter Polizeischutz der Maueropfer gedenkt, steht direkt unter ihnen an den S-Bahngleisen ein junger Mann mit einer Vuvuzela. Andere haben Trillerpfeiffen dabei, eine junge Frau setzt ihre laute Stimme wirkungsvoll ein. Was die NPD’ler sagen, ist selbst für ihre Anhänger oft mühsam zu verstehen, obwohl diese nur wenige Meter entfernt stehen. Einige Gegendemonstranten schreien: “Rudolf Hess wird exhumiert und mit Scheiße eingeschmiert”, “Nie, nie, nie wieder Deutschland” oder schlicht “Halt’s Maul”, wenn die NPD-Politiker ihren Reden halten. Und die NPD-Oberen kochen vor Wut.

Oben die NPD, unten die Demonstranten mit Tröten und Pfeiffen. Beide trennt eine Treppe, die Polizisten streng bewachsen. Rechts im Bild: Journalisten und Fotografen auf der Brücke.

Unter Polizeischutz sind sie am frühen Nachmittag direkt zur Mauergedenkstätte auf die Bösebrücke gebracht worden. Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus wollen sie dort der Mauertoten gedenken. Das hatte schon im Vorfeld Wellen geschlagen. Gut 600 Gegendemonstranten sind denn auch am Sonnabend auf beide Seiten der Bösebrücke, im Wedding und in Prenzlauer Berg, gekommen. Die Polizei zwingt sie, gut 100 Meter Abstand zur NPD-Veranstaltung zu halten. Die Stimmen und die Musik dieser Gegendemonstranten hören die NPD’ler deshalb nur als leises Rauschen aus der Ferne. Hätte nicht die Vuvuzela-Trillerpfeifen-Gruppe den Platz direkt unterhalb der Brücke für sich erobert und gegen die Polizei verteidigt – die NPD wäre an diesem Sonnabend ungestört geblieben.

Die NDP-Demonstranten passen an diesem Tag bequem in den Bus des Schienenersatzverkehrs, mit dem die Polizei sie auf die Brücke transportiert. Einige Gegendemonstranten stellen sich dem Bus bei der Fahrt auf die Brücke entgegen, Polizisten drängen sie zurück. Fünf Gegendemonstranten werden vorübergehend festgenommen, sagt ein Polizeisprecher später.
Zwischen 50 und 60 NDP-Anhänger sind laut Polizeiangaben gekommen. Angemeldet worden war die Veranstaltung von Sebastian Schmidtke, stellvertretender Vorsitzender der NPD Berlin. Als Redner sind gekommen: Michael Schäfer (Bundesvorsitzender der Jungen Nationalisten), Andy Knape (Bundesvorstand der Jungen Nationalisten) und Holger Apfel (NPD-Fraktionsvorsitzender in Sachsen). Für sie hat zuvor Sebastian Thom (Vorsitzender der NPD Neukölln) die Lautsprecher in Stellung gebracht. Dafür hat er die Boxen aus einem vorgefahrenen alten, blaßblauen Kleintransporter geholt, ist auf das Autodach geklettert, hat dort eine Tigerfelldecke ausgebreitet und die Boxen darauf gestellt.

Aber die Lautsprecher erreichen nur die eigenen Anhänger. Keine Passanten, keine Anwohner, keine latent Interessierten und Neugierigen. Denn die Polizei riegelt die Zugänge zur Brücke ab. Der Wortwechsel zwischen einem Pressefotografen und Polizisten zeigt Situation beispielhaft, beide beobachten aus der Nähe die NPD-Veranstaltung.
“Wir kennen uns doch aus Rudow?” beginnt der Polizist das Gespräch und schiebt nach: “Na wie geht’s?” Momentan so là-là, der Fotograf sehnt sich nach einer Toilette. Er zeigt in Richtung der nahen Kleingärten in der Kolonie “Bornholm I”: “Da will ich nicht aber rein, aus Respekt vor den Gärtnern”, sagt er. Der Polizist schaut zu den NPD-Anhängern rüber: “Da haben die dort drüber aber noch ein viel größeres Problem. Die haben bestimmt seit drei Tagen nichts mehr getrunken, damit sie heute durchhalten.” Denn in die Pinkelpause würden sie wohl mindestens drei bewaffnete Polizisten pro Mann begleiten.

Nach zwei Stunden ist die Veranstaltung vorbei. Für die Rückfahrt werden die NPD-Anhänger von den Polizisten in die S-Bahn begleitet.

Polizisten geleiten die NPD-Anhänger (hinten im Bild) nach der Veranstaltung zum S-Bahnhof Bornholmer Straße. Vorne fotografieren Pressefotografebn.

Bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus am 18. September 2011 tritt die Berliner NPD mit einer Landesliste an. In 17 Wahlkreise hat sie zudem Direktkandidaten aufgestellt. Und sie tritt in den Berliner Bezirken – mit Ausnahme von Charlottenburg-Wilmersdorf – zu den gleichzeitig stattfindenden BVV-Wahlen an. Fank Metzger vom ababiz (antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e.V.) schreibt über den NPD-Wahlkampf in einer gerade erschienenen Analyse: “Der Wahlkampf der NPD verläuft schleppend. Neben Plakatierungen wurden bislang nur vereinzelt Infotische durchgeführt.” Die Partei setze vielmehr auf wenige aber kontinuierliche, medienwirksame Provokationen. Im Wahlkampf sei die NPD maßgeblich auf Unterstützung aus dem Kameradschaftsspektrum angewiesen.

mehr:

>> mbr – Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin

>> “Antritt von rechts” Informationen des apabiz über die Rechtsaußen-Parteien bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus am 18. September 2011

>> Johannes Radke im Störungsmelder-Blog auf Zeit online über den NPD-Walkampf in Berlni

Fotos vom 13. August 2011:

>> Fotos von Mikael Zellmann auf flickr.com

>> Fotostream von Miguel O’Hara auf flickr.com mit Aufnahmen vom 13. August 2011 auf der Bösebrücke

>> Fotos von PM Cheung auf flickr.com

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One Response to Unter den Augen von 600 Polizisten: Die NPD demonstriert am S-Bahnhof Bornholmer Strasse

  1. Jenny says:

    Zu traurig, dass so etwas, gerade wegen der deutschen Vergangenheit, immernoch so großen Zuspruch findet. Man sollte ja denken, Menschen lernen, aber wem das Potential zur kritischen Reflektion fehlt…. nun ja…

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