“Die Revolution ist kein reifer Apfel …

… der vom Baum fällt. Du musst den Baum schütteln.” Bastian Trost und Mao Tse-tung

Entfremdete Intimitäten
Ein Interview mit dem Schauspieler und Performer Bastian Trost

Interview und Text | Lissy Pernthaler : Bastian Trost ist Schauspieler. Aber wenn jetzt sonst in einer Biographie der Beruf geklärt ist und die Auflistung von Arbeiten anfängt, muss man bei Bastian Trost nach dem Satz, „Bastian Trost ist Schauspieler“, ein Komma setzen und fragen: Was ist er für ein Schauspieler? Denn das, was Bastian Trost auf der Westfälischen Schauspielschule Bochum gelernt hat, ist nicht unbedingt das, was er jetzt macht. Nicht offensichtlich. Ein Teil von Bastian Trost ist Filmschauspieler und hat in dem von der Presse hoch gelobten und preisgekrönten Film “Schläfer” von Benjamin Heisenberg gezeigt, dass er sein Handwerk beherrscht und Zuschauer auch psychologisch filigran bannen kann. Und er überzeugte jüngst in Ganz nah bei dir als verschrobener und zurückgezogener Banknotenblütenspezialist an der Seite von Katharina Schüttler.

Bastian Trost | Video still (c) Nurith Wagner-Strauss

Das ist eine Seite seiner Kunst. Aber wenn Bastian Trost sonst auf der Bühne steht, ist er kein Schauspieler im klassischen Sinne: Er spielt keine Rolle. Er ist Mitglied im deutsch-britischen Performance-Kollektiv Gob Squad. Das Kollektiv zeigt zurzeit in Berlin eine Retrospektive. Ihr jüngstes Stück, das am 18. Oktober 2010 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gezeigt wird, heißt Revolution Now! Anlass für bier statt blumen, sich mit Bastian Trost über Revolutionen im Theaterleben, beim Performance-Erschaffen und im eigenen Leben zu unterhalten.

Bastian Trost sagt, wenn man ihn nach Revolutionärem in seinem Leben befragt, dass seine Arbeitsweise revolutionär sei. Denn bevor er 2003 zu Gob Squad kam, kannte er ein kollektives Arbeiten nicht. Es sei sicher nicht in dem Sinne revolutionär, dass es eine Arbeitsform für alle wäre, was ja der Sinn einer Revolution ist, etwas umzustürzen, um alle davon zu überzeugen, dass etwas anderes besser ist. Aber in seinem Leben ist es eine Revolution, weil es Kollektive nicht so oft gibt, wie zum Beispiel das fsk-Kino am Oranienplatz. Da wisse man, wenn man die Karte kauft, dass dieser Mensch auch für das Kinoprogramm künstlerisch mitverantwortlich ist. Und so ist es auch bei Gob Squad: Die Menschen, die auf der Bühne stehen, haben sich das Konzept auch ausgedacht und gemeinsam entwickelt.
Der Unterschied zu einem klassisch arbeitenden Schauspieler ist, dass er bei Gob Squad für seine Ideen einsteht, und beim Schauspiel verwischt das oft, man hält sein Gesicht hin, für etwas das man selbst nicht geschrieben, nicht entwickelt und schon gar nicht finanziert hat. Bastian Trost nennt das dann: Kunst der anderen umsetzen. Sei auch spannend, aber ein Kollektiv sei oft auch einfach wahnsinnig entlastend, wenn es nicht nur eine Person, einen Regisseur gibt, der bestimmt.

Revolution Now! ist mit “Eine Inszenierung unter realen Bedingungen” untertitelt. In dieser multimedialen Inszenierung untersuchen Gob Squad die Fähigkeiten und Vorraussetzungen, um eine Revolution im heutigen Europa überhaupt zu starten. Zuschauer werden zu Mittätern, werden befragt, angestiftet und mit einer Flut an Technik, Eindrücken und Fragen konfrontiert. Revolution Now! revolutioniert also selbst den konventionellen Theaterbesuch. Denn das Kollektiv hat für diese Produktion absichtlich Koproduktionen mit Stadttheaterinstitutionen wie der Volksbühne oder dem Schauspiel Köln gesucht, um die Grenzen aufzubrechen, etwas Neues in diese Stadttheater zu bringen, zwar ein bisschen schrullig, aber immer mit Charme.

Gob Squad – Revolution Now! # 1 | auf dem Dach der Volksbühne (c) Manuel Reinartz

Während der Vorstellung verschanzen sich alle im Inneren des Theaters, man verbarrikadiert sich in seinen Vorstellungen von Revolution, bis die Welt draußen mitmacht. So ist der Plan für den Abend. Aber wie groß ist die Fallhöhe, frage ich ihn, wenn das Spektakel vorbei ist und man dann doch wieder in die Welt hinausgeht, die sich nicht hat beeindrucken lassen von diesem Theaterabend?
Er sagt, man habe sich im Theater eingeschlossen, um sich außerhalb des „Spieles Welt“ aufzuhalten, dem System zu entkommen. Aber alles, was man mache, werde trotzdem immer als Teil dieses Spiels verstanden. Denn das Spiel – nennen wir es Kapitalismus – ist sehr dominant und man will so lange im Theater bleiben, bis man draußen eine Wirkung erzielt hat, durch Kameras und Fernsehen, mit denen man mit der Außenwelt im Stück vernetzt ist. Der Anspruch ist groß, die Fallhöhe, nachdem man als Zuschauer das Theater verlässt, sicherlich auch, räumt er ein. Realitätsnaher abgedämpft nur dadurch, dass die Mitglieder von Gob Squad, bevor es sein Publikum entlässt, zuerst den Theaterbau verlassen und in die reale Welt hinaustreten und draußen Menschen suchen und befragen. Das Schlussbild, es sei an dieser Stelle jedoch nicht verraten, trage etwas Melancholisches, aber doch sehr Hoffungsvolles in sich.

Was ist also diese Revolution, nach der sie suchen? Wenn wir über das Wort Revolution in der heutigen Zeit im heutigen Europa sprechen, stellen wir fest, dass das Wort oft Verwendung findet und nur allzuoft zu einer Floskel oder zu einem Aufhänger erstarrt ist. Bastian Trost erzählt von einem Werbespot von Renault, in dem Revolutionäre gezeigt werden, die eine neue Revolution propagieren, in der es um die Bedürfnisse der Menschen geht und am Ende dann das neueste Automodell erscheint. Revolution ist vom Kommerz vereinnahmt, alles was irgendwie einen revolutionären Touch hat oder das Wort benutzt, gilt als chic oder cool oder ist für eine bestimmte Klientel attraktiv. Es sei sehr interessant, die Hintergründe der Sehnsucht der Leute auszumachen, die einerseits im System fest verankert sind und zu Starbucks gehen, dann aber andererseits Che Guevara T-Shirts tragen. Aber so sind wir alle, sagt er, die einen mehr, die anderen weniger. Gob Squad untersuchen an diesem Abend bei Revolution Now! wohin die Energie verschwunden ist, dass wir uns im etablierten Deutschland 2010 nicht vorstellen können, dass eine Revolution stattfinden könnte.

Wie bier statt blumen, sind auch Gob Squad auf die Straße, sie hatten die Idee, die Phantasie der Revolution direkt ins Heute zu verpflanzen und haben die Menschen auf der Straße einfach gefragt, ob sie eine Revolution starten würden oder wofür sie einstehen würden. Dabei wird an dem Abend der Inhalt erstmal weggelassen und es wird vor allem die Bereitschaft für eine Revolution eruiert.
Auf den Zahn gefühlt wird einem dabei, wie auch Bastian Trost im Casting Video zu Revolution Now! Dort wird er mit dem Satz „The revolution is not an apple which falls when it is ripe. You have to make it drop!“, von Mao Tse Tung konfrontiert. Und wir sehen, wie er über eine gesundheitliche Erkenntnis auf die Frage zur Fälligkeit oder das Abwarten einer Revolution kommt.


Comrade T

maria | MySpace Video

„Kein Wunder, dass im Moment keine Revolution zu sehen ist, weil der Druck im Moment auch nicht so groß ist.“

Als ich die Frage stelle, was das Revolutionärste ist, das er je in seinem Leben getan hat, lacht er auf. Superfrage, weil es immer so schwierig sei. Sie sei super und schwierig! Ja, ist sie tatsächlich, denn genau diese Frage, erfahre ich dann, haben sich die Performer auch in der Probenzeit gestellt. Wenn man die Pistole auf die Brust gesetzt bekommt, was man in den letzten 24 Stunden Revolutionäres getan hat, meint Bastian Trost, sei es oft sehr peinlich, was man dann erzählt, wie, dass man seinen Fair trade-Kaffee gekauft hat oder recycelte Schuhe trägt oder dass man einem Porsche-Fahrer den Stinkefinger gezeigt hat.
Und nach dieser intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema Revolution im Zuge der Arbeit mit Gob Squad wird Bastian Trost nachdenklich und sagt, dass er in seinem Leben gar nichts Revolutionäres getan hat, er sei viel zu sehr etabliert, gradlinig, es gab keinen großen Bruch in seinem Leben, keine politischen Umstürze, er habe keine Bewegung unterstüzt, sei ja nicht einmal in der DDR aufgewachsen. Bastian Trost ist nun anders als im Casting-Video zur Performance. Wenn er jetzt
von Revolution redet, redet er von einer klassischen Revolution, die mit seinem realen, alltäglichen Leben nichts zu tun hat, in dem es die Möglichkeit der Bühne und der Überhöhung nicht gibt. In der es nicht revolutionär genug ist, das Morgengedicht von Rudolf Steiner in der Schule zu verweigern. Wenn man ihn jetzt fragt, nimmt er den Begriff der Revolution sehr ernst, meint damit eine Bewegung, einen Umsturz, eine Umwälzung der Verhältnisse, sagt, er wisse nicht, ob ein Arbeiten im Kollektiv, so wie er es tue, für alle funktionieren würde, vielleicht bliebe es eine ewige kleine Bewegung, schiebt er nach. Und als ich nachhake, kommen wir auf die Politik zu sprechen. Ich fände es schön, sagt er, wenn Deutschland von einem Kollektiv regiert würde, aber dafür gleich Angela Merkel umzubringen, ich weiß nicht, ob sich das lohnt. Er zuckt mit den Schultern.

Gob Squad – Revolution Now! #2 | auf dem Dach der Volksbühne (c) Manuel Reinartz

Rudi Dutschke sagte, dass Revolution nicht ein kurzer Akt ist, wo mal irgendwas geschieht und dann ist alles anders, sondern dass Revolution ein langer und komplizierter Prozess ist, wo der Mensch anders werden muss. Und Bastian Trost meint dazu, dass die Revolutionen, die wir wirklich erleben, die sind, die man gar nicht bemerkt, weil sie schleichend passieren, die Umstände sich umwälzen, sodass man abhängig wird vom Computer oder vom Handy zum Beispiel und man plötzlich merkt, man kann nicht mehr ohne das leben. Und das seien dann die eigentlichen erfolgreichen Revolutionen, die es im Moment gibt.

Und bei der technischen Revolution angelangt, fügt er hinzu, dass er diesen Kulturpessimismus nicht ausstehen kann. Die These, dass Facebook unsere persönlichen Beziehungen verändere, finde er total uninteressant, als würde man privat durchs Leben gehen und Freunde an- oder wegklicken. Es würde viel zu schnell behauptet, nur weil man sich im Netz so verhält, verhalte man sich auch privat so. Im Gegenteil. Er findet, dass man sich dadurch schon verändert, aber es gibt auch spannende, neue Verhaltensmuster, wie sich Menschen dann mit dieser Technik verhalten. Das echte Leben bleibt analog.

Bastian Trost erinnert sich an das Ende des alten Jahrtausends. Heutzutage verwischen die Grenzen so, meint er. Vom Konsumverhalten her betrachtet, war es in den 80ern und 90ern noch revolutionärer „öko“ zu sein, aber jetzt hebele man sich selbst oft aus. Wenn man sich einerseits nachhaltig verhält, nicht mit dem Strom schwimmt, wird man andererseits wiederum damit konfrontiert: Warum fliegst du dann aber? Wie kannst du das dann in Einklang bringen? Man sei ganz streng zueinander, wenn man politisch konsequent sein will oder versucht irgendetwas anders zu machen, aber die Bereitschaft und das Engagement, das interessant zu finden, fehle heute häufig. Der Mainstream sei gerade sehr dominant, denn Institutionen schaffen es, sich gut zu verkaufen, indem sie sich grün waschen.

Was ist mit der Institution Theater, frage ich. Er sagt, die aktuelle Theaterszene in Deutschland sei gerade deshalb inspirierend, weil sie sich an den Rändern so öffnet, in diesem Sinne könnte man sagen, dass Theater revolutionär sei, wenn man die Performance mit hinein nimmt. Und mit diesem riesigen Subventionsapparat, den wir in Deutschland für Theater haben und der in der ganzen Welt einmalig ist, gibt es immer mehr Theaterleiter, die sich für Kooperationen mit der freien oder mit der Performance-Szene öffnen. Dadurch revolutioniere sich das Theater somit gerade selbst. Angefangen bei dem, was sich manche Menschen ausdenken, bis dahin, was das Theaterpublikum auch bereit ist, mitzumachen. Ich finde es toll, sagt er, wie Menschen einen normalen Job machen und abends ins Theater gehen und sich mit den absurdesten Dingen auseinandersetzen. Das Theaterpublikum ist immer noch ein interessanteres Publikum als das Publikum anderer kultureller Sparten. Das HAU (Hebbel am Ufer) sei ein absolutes Traumtheater. Wenn man einen Monat nur das HAU Programm gucken würde, da wäre man schon ganz schön geflasht, was es alles gibt und wie viele revolutionäre Ansätze in den ganzen Produktionen drinstecken. Eigentlich ist das HAU revolutionär, strahlt Bastian Trost.

Nicht zuletzt weil Gob Squad dort auch spielt. Was das Kollektiv auch noch revolutionär macht, ist der Umgang mit dem Zuschauer. Ihr Spezialgebiet wird auf der Homepage mit „entfremdeten Formen der Intimität“ beschrieben. Gob Squad versucht sehr oft, eine Intimität zwischen Zuschauer und Performer herzustellen, ohne dass man sich vertraut ist, man sei sich ja noch nie vorher im Leben begegnet. Die klassische Grenze zwischen Publikum und Schauspielern, wie man sie aus dem
Theater kennt, wird hier oft aufgelöst und es entstehen poetische Momente. Bastian Trost erklärt anhand eines Beispiels, wie diese Verwischung von persönlicher Intimität, Performer, Privatperson und Individuum für die Kunst ihrer Arbeit genutzt und umgesetzt wird, um eine entfremdete Intimität zu kreieren:

Bastian Trost: Entfremdete Intimität

Am Ende frage ich Bastian Trost noch, ob er finde, der Film sei heute noch revolutionär. Er überlegt eine Weile und gibt zu, wohl der einzige Erdenmensch zu sein, der die 3D Film-Revolution bisher verpasst hätte. Aber dann erzählt er vom Film “Schläfer”, in dem er die Hauptrolle spielte und der sogenannten Berliner Schule, deren Anhänger er ist und der das Klischee nachhängt, dass es lange Einstellungen gibt, ruhige Filme sind, es wenig Dialoge gibt und große Probleme gewälzt werden. Und die leider immer zu wenig Zuschauer haben. Ein revolutionärer Filmregisseur sei der Gewinner der Filmfestspiele von Cannes 2010, Apichatpong Weerasethakul aus Thailand, der in seinen Filmen zur Hälfte manchmal plötzlich den kompletten Schauplatz und die Handlung ändert und die Geschichte so weitererzählt.

Bastian Trost muss jetzt auch komplett den Schauplatz ändern, muss los zum nächsten Termin, hat seine Rhabarberschorle schon längst ausgetrunken. Und auch ich trinke meine Kirschsaftschorle aus und habe somit die lästigen Wespen am Tisch vor dem Wirtshaus am Ufer – WAU endgültig vertrieben. Es blieb eine friedliche Revolution.

Gob Squad tourt Berlin
7 Stücke an 4 Orten. Eine Werkschau im Herbst.

REVOLUTION NOW!
Eine Inszenierung unter realen Bedingungen
18. Oktober 2010
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

GOB SQUAD’S KITCHEN
Ein Live-Film
29. September 2010 | 19. Oktober 2010
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

ROOM SERVICE
Help Me Make It Through The Night
29. | 30. Oktober 2010
Relexa Hotel am Anhalter Bahnhof

SAVING THE WORLD
A very very nice screen film
4.-6. November 2010
Hebbel am Ufer

LIVE LONG AND PROSPER
A 2-screen-film
ab dem 22. Oktober 2010
Hebbel am Ufer

ARE YOU WITH US?
One-off durational Performance
22. Oktober 2010
Hebbel am Ufer

Gob Squad >>

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