Ideenwolken

Sind in Berlin die Revolutionen leichter als anderswo?
Wie kommen die revolutionären Ideen in die Köpfe?
Und wie aus den Köpfen auf die Straße und in die Welt?
Sind Revolutionen mehr als Umstürze?
Und überhaupt … was ist eigentlich eine Revolution?

Eine Hörkolumne von Lissy Pernthaler

Emilia sucht das Glück … Ideenwolken

(c) barbara marie florine

Das Transskript zur Hörkolumne:

Emilia sucht das Glück
Eine Hörkolumne von Lissy Pernthaler
Folge 02 zum Thema (R)Evolutionen
Ideenwolken

Der menschliche Körper erneuert sich im Laufe von sieben Jahren komplett. Natürlich
schleichend. Ich frage mich in letzter Zeit öfters, in welchem Tempo sich unsere Gedanken
erneuern. Von der Kraft der Gedanken wird ja jetzt wieder viel gesprochen und geschrieben.
Auch ich las neulich „The Secret“ oder „Wünschen und bekommen“ Und es ist erstaunlich.
Während ich diese Zeilen überfliege, fühle ich meine Zellen prickeln, sich erneuern und die
Manifestationskraft wirken. Und ich lasse mich hinreißen. Sehe alles wie durch eine rosarote
Brille. Selbst meine Freunde bemerken meine Veränderung: „Emilia glänzt heute so!“ Oh ja,
wie lange wollte ich schon mal vor Glück glänzen. Uns wird suggeriert wir können alles
erreichen, wir müssten nur jegliche negativen Gedanken ablegen.
Und was, fragt mich mein guter alter Freund, wenn das alles nur Selbsttäuschung ist? Und
ich erwidere: „Na und, wenn sie funktioniert?“ Und tatsächlich: Wenn ich in mir einen Keim
einer neuen Idee spüre, sprühe ich Funken, ich sehe sie schon vor mir, aus mir
herauswachsen. Aber da kommen so Realitätsfragen auf mich zu: Ist die Idee neu? Warum
braucht die Welt deine Idee? Ist sie revolutionär? In Berlin haben doch alle Ideen, Berlin ist
quasi die Stadt der Ideen. Aber ist sie auch die Stadt der Umsetzung? Ist Berlin sogar die
Stadt der Manifestation, weil es nirgends sonst wo zurzeit so einfach ist, seinen eigenen
Laden, seine eigene Galerie zu eröffnen, sich selbst zu verwirklichen, sich selbst zu
revolutionieren? „Eine Idee ist dann gut, wenn sie vielen als gut einleuchtet, sie einfach
gestrickt ist, so dass sie auf der Hand liegt!“, sagt mein alter Freund. So dass man sich fast
ärgert, warum man sie nicht selbst hatte.
Aber was ist revolutionär. Ich behaupte, im Keim selbst ist eine Idee schon revolutionär, weil
sie entsteht. Nicht nachvollziehbar ob sie aus Platons Ideenwolke zu uns schwebt und
immerfort über uns da ist, oder ob sie entsteht weil es eine Stagnation gibt.
Also muss ich mich fragen: Was ist unmittelbar vor einer Revolution. Egal ob gesellschaftlich,
politisch, menschlich oder künstlerisch.
Eine Resignation, ein sich- nicht- mehr- bewegen, oder eine Idee für ein danach. Geht es bei
einer Revolution nur um die Umstürzung oder auch um die Umsetzung?
Wen von uns interessiert heutzutage noch eine echte Revolution? Glauben wir noch daran?
Filip sagt:“In dem Europa, in dem wir heute leben, brauchen wir keine Revolutionen,
Revolutionen entstehen doch immer aus einem Notstand heraus.„ Ist es revolutionär genug,
Fragen zu stellen, wie ich es hier tue? Oder ist das eine Ausflucht?
Ach, Emilia und was ist mit unseren persönlichen Revolutionen? Unserem persönlichen
Glück? Anna sagt, dass das Ändern von Verhaltensmustern von Menschen revolutionär ist,
weil es ihre Evolution beschreibt.“ Auch ich habe mich von Menschen distanziert, mit denen
ich mich nicht mehr weiterentwickeln konnte. Die Evolution selektiert also doch. Nur ohne
Vernichtung, sie teilt sich nur in verschiedene Varianten auf.
Der Essayist Richard David Precht sagte einmal, dass die Konsumindustrie davon lebt, dass
ihre Produkte pausenlos veralten und sie nach kurzer Zeit alt und ersetzungsbedürftig sind.
Ist es so, dass wir schnell alles ersetzen? Weil wir es von den täglichen Errungenschaften und
technischen Revolutionen der konsumorientierten und kapitalistischen Welt gewohnt sind,
und auch unsere Beziehungen und Freundschaften schnell ersetzen wollen, wenn sie nicht
mehr funktionieren, anstatt sie, was richtiger wäre, zu überprüfen- jeden Tag aufs Neueehrlich
in sich hinein zu horchen und zu entscheiden, ob sie noch stimmig sind.
Wir können von Glück reden, wenn Revolutionen am Ende mehr positives hinterlassen, als
dass sie zerstört haben. Wir können von Glück reden, wenn eine Revolution auch eine
Evolution ist.
Ist das nicht Glück, zu erkennen, dass alle von uns in ihrem persönlichen Leben revolutionär
sein können? Und da halte ich es ganz wie Beppo der Straßenkehrer aus Momo von Michael
Ende: die großen Gedanken kommen einem, wenn man zwischen Schritt – Atemzug –
Besenstrich manchmal kurz innehält, im jetzt ist und in sich- wer weiß- vielleicht sogar
revolutionäre Gedanken keimen lässt.

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