Mauerpark – Wie geht es weiter

Graffitinachwuchs im Mauerpark

Nicole Walter | Text & Fotografien Es ist wie Tempelhof en miniature: viel Freiraum, tausend Ideen und Wünsche und ein hakeliger Weg bis zur Umsetzung. Der Mauerpark wird voraussichtlich fast auf das Doppelte vergrößert. Der Haken: Am Rand, im Norden und im Süden, wird gebaut. Ein neues Wohnviertel soll entstehen, ebenso Bauten für Hotels und Geschäfte. Bis Ende dieses Jahres haben die Berliner die Möglichkeit, sich mit Kritik und Vorschlägen einzumischen. Aber der Weg der “Bürgerbeteiligung” ist kein Zuckerschlecken. Wie beim Tempelhofer Feld. Und beide, der Mauerpark wie Tempelhof, haben eine wohl einzigartige Atmosphäre, die es zu schützen gilt. Aber anders als bei Tempelhof ist das Mauerpark-Areal schon jetzt in einer entscheidenden Phase.

Zurzeit wertet das Bezirksamt Mitte die Einwände gegen die Bebauung des Mauerparks aus und sichtet die Vorschläge für die Erweiterung des Parks. Denn bis zum 22. September war Zeit für jeden, zum Bebauungsplan-Entwurf für das Mauerpark-Areal eigene Kritik und Wünsche im Rahmen der “frühzeitigen Bürgerbeteiligung”, wie es im Baugesetz heißt, anzumelden. “Ich gegen davon aus, dass das eine ganze Zeit dauern wird”, sagt Frank Bertermann (Die Grünen), Vorsitzender des zuständigen Ausschusses für Stadtentwicklung der Bezirksverordnetenversammlung Mitte (BVV Mitte). Allein rund 2.500 Unterschriften wurden Ephraim Gothe, Baustadtrat im Bezirk Mitte, vom Bürgerinitiativen-Netzwerk BIN persönlich überreicht. “Viele sind zusätzlich online eingegangen”, so Bertermann.

Eine wichtige Etappe, schließlich wird seit Jahren um die Zukunft des Mauerparks gerungen. Die Chance, sich einzumischen und an der Gestaltung der Mauerpark-Erweiterung mitzuwirken, ist da. Voraussichtlich bis Sommer nächsten Jahres soll der Rahmen dann festgezurrt sein: Der Mauerpark soll um 5,8 auf dann insgesamt rund 13 Hektar erweitert werden. Im Süden an der Bernauer Straße sollen Gewerbebauten entstehen, im Norden ein neues Wohnviertel. Der entsprechende Bebauungssplan (>> Plan und >> Erläuterungen) liegt als Entwurf vor. Der Spielraum, um sich zu beteiligen, ist nicht groß, aber er ist da. Vor allem für Ideen und konkrete Vorschläge, was auf der neuen Mauerpark-Fläche entstehen kann. Aber auch für die Gewerbeflächen im Süden. Die sollen “parkverträglich” sein und nicht stören, was sonst im direkt nebenan beginnenden Mauerpark stattfindet, also lautes, pralles Leben.

Wünsche für den Mauerpark in spe u.a. von Wladimir Kaminer:

Gedreht im Januar 2010 im Mauerpark von Thomas Furlong, Matthias Gauerke, Alexander Mayer, Fabian Mellenthin, Alexander Puell, Nicole Walter und Martin Wittlich. Mehr “Mauerpark-Voices” sind hier zu sehen.

Mitte September traf sich zum zweiten Mal die Bürger-Werkstatt, die, zusammen mit den Parkplanern von Grün Berlin und eigens engagierten Moderatoren, handfeste Vorschläge machen soll, wie die knapp sechs Hektar große zusätzliche Parkfläche aussehen kann. Spielplätze, Wasserflächen, Klettergarten, Streuobstwiesen, interkultureller Garten … – um einige Beispiele zu nennen. “Wir wollen gar nicht in ein paar Monaten einen fertig gestalteten Park hingesetzt bekommen, sondern wir möchten ihn mitgestalten, es über die Zeit wachsen lassen und Spielraum für Experimente geben”, sagt Alexander Puell von der Initiative “Freunde des Mauerparks”. Er arbeitet mit in der Bürger-Werkstatt. Am 3. November wird die Bürger-Werkstatt laut ihrem Moderator Manfred Seebauer ihren Zwischenstand öffentlich zu Diskussion stellen, Kritik und Vorschläge aufnehmen und dann auf jeden Fall bis Jahresende weiterarbeiten. Wahrscheinlich Anfang 2011 werde sie ihre Ergebnisse öffentlich vorstellen, so Seebauer. Einige aus der Bürger-Werkstatt sollen sich an der Mitgestaltung des Südens beteiligen, die Gewerbebauten an der Bernauer Straße. Dafür soll später ein Wettbewerb ausgeschrieben werden, um zu konkretisieren, für wen, was und wie gebaut wird. “Sie können aber nicht in der Wettbewerbs-Jury mitentscheiden”, bedauert Frank Möller, “so wie die ganze Bürger-Werkstatt leider nur beratende, aber keine entscheidende Funktion hat”. Nimmt man das, was derzeit im Bebauungsplan steht, kann im Süden an der Bernauer Straße so gebaut werden, als würde man dreieinhalb Fussballfelder übereinander stapeln. Statt des Hotels, Büros und des Einzelhandels, die Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe derzeit vorschweben, wären wohl auch Theater, Jugendvereine oder Behindertenwerkstätte möglich, zum Beispiel. Denn die konkrete Nutzung ist im Entwurf des Bebauungsplans nicht festgeschrieben. Aber um eine stark kommerzielle Nutzung abzubiegen, ist wohl noch viel Überzeugungsarbeit gegenüber dem Bezirk und dem Eigentümer der Grundstücke nötig.

Am Rande der Karaoke-Arena an einem Septembersonntag.

Die Grundstücke für das Mauerpark-Areal, das jetzt teils in Park umgewandelt, teils bebaut werden soll, gehören heute der Immobiliengesellschaft Vivico. Dafür, dass sie Berlin die 5,8 Hektar für die Park-Erweiterung schenkt, bekommt sie das Baurecht für die Rest. Das ist der Deal, den vor allem Mittes Baustadtrat Gothe und der Berlin-Chef der Vivico, Henrik Thomsen, miteinander ausgehandelt haben und der jetzt in den Bebauungsplan gegossen wurde. Und was gebaut werden darf, soll der Vivico möglichst viel Rendite bringen, so ihr Kalkül. Also, aus ihrer Sicht, lieber Hotel als Jugendclub, lieber Geschäfte als Behindertenwerkstätten. Baustadtrat Gothe traut sich nicht, die Daumenschrauben anziehen, denn springt die Vivico von dem Deal “Mehr Park gegen lukratives Baurecht” ab, droht eine 2,5 Millionen Euro hohe Strafzahlung an die Allianz-Umweltstiftung. Denn diese hatte in den 90er-Jahren 4,5 Millionen Euro  für die Schaffung des Mauerparks auf der ehemaligen Ost-West-Grenze gespendet – mit der Auflage, dass der Mauerpark auf 10 Hektar wachsen muss. Wenn nicht, muss Berlin 2,5 Millionen Euro zurück zahlen. Ursprünglich hat die Allianz-Umweltstiftung dafür die Frist bis Ende dieses Jahres gesetzt. Jetzt hat sie laut einem Bericht der Morgenpost, diese Frist bis Sommer 2011 verlängert. Die Allianz-Umweltstiftung selbst war noch nicht für eine Bestätigung dieser Meldung zu erreichen.

Der Entwurf für den Bebauungsplan

Dass Berlin nicht das Geld in die Hand genommen und der Vivico ihr gesamtes Mauerpark-Grundstück einfach abgekauft hat, bringt viele Anwohner und Mauerpark-Liebhaber zur Weißglut. Schließlich hatten die Politiker bei Schaffung des Mauerparks dessen Vollendung auch auf genau diesem ganzen Areal versprochen. Dass jetzt statt dessen ein Wohnviertel und Gewerbebauten errichtet werden sollen, geht vielen absolut gegen den Strich. Auch in der Bürger-Werkstatt gibt es diesen grundsätzlichen Widerstand. Hätte es nicht schon im vergangenen Jahr so heftige Protest gegeben, hätte die Vivico sogar einen durchgehenden Häuserriegel an der Westseite des Mauerparks hin zum Wedding bauen dürfen, von der S-Bahnstrecke im Norden bis hin zur Bernauer Straße im Süden.

Was das Land Berlin nicht schafft, müssen die Menschen selbst in die Hand nehmen – dieser Gedenke steht hinter der “Stiftung Welt-Bürger-Park”, die zahlreiche Mauerpark-Bürgerinitiativen aufbauen wollen. Gelingt es, für die Stiftung so viel Kapital zu sammeln, dass daraus alle Mauerpark-Grundstücke der Vivico gekauft werden können, soll der Mauerpark um diese 10 Hektar erweitert werden. Ohne Bebauung. Die offzielle Gründung der Stiftung wird derzeit vorbereitet.

Schaukeln hoch über den Mauerpark

Allmählich Neues wachsen lassen, keine fertiges Grün – ein Wunsch für den Mauerpark.

Links:

// Die Bürgerinitiativen
Freunde des Mauerparks
Mauerpark Fertigstellen
Bürgerverein Gleimviertel

// zur Vivico
bier statt blumen-Interview mit Henrik Thomsen, Berlin-Chef der Vivico, von Dezember 2009

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3 Responses to Mauerpark – Wie geht es weiter

  1. ernieundbert says:

    we likes! klasse O-töne!

  2. feingeist says:

    gut, dass das thema von euch so intensiv beleuchtet und verfolgt wird!

  3. heute haben sich die Initiativen in einer Presseerklärung klar zur sogenannten Bürgerwerkstatt positioniert: http://bin-berlin.org/wp/?p=187 . Nur noch bis Mittwoch bleibt noch die Möglichkeit sich in dieser Form zu den Plänen der Bebauungsbefürworter zu äußern: http://gruene-berlin.de/einspruch.pdf

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