Südliches Hansaviertel – Glas, Steine, Revolution?

Das Hansaviertel in Berlin: in den 50er Jahren der „große Hit“ – heute fast vergessen, war als städtebauliche Architekturrevolution gedacht. Was ist davon nach 53 Jahren übrig geblieben? Johanna von Stülpnagel und Nicole Walter machen sich auf den Weg.

Fotografien: Johanna von Stülpnagel | Interview und Text: Johanna von Stülpnagel, Nicole Walter

Kaum ein Begriff klingt so sehr nach Dynamik wie „Revolution“. Man spricht von ihren Wirren, in denen man verloren gehen kann, von ihrer Eigenschaft als Fresserin ihrer eigenen Kinder, man sagt sie schläft nie und rollt voran. Ganz wörtlich übersetzt bedeutet Revolution (Re|vo|lu|ti|on die; -, -en) schnelle Umwälzung oder Neuerung.

Was aber, wenn aus einer ehemaligen Neuheit etwas Gestriges wird, wenn die Zeit über die Revolution rollt und ihre Ziele als vergangen zurücklässt? Und was, wenn das Produkt der Revolution gar von Anfang an stillsteht, als ein steinernes Monument epochaler Erneuerungen in der Architektur?

Es gibt wohl kaum etwas – gefühlt – Angestaubteres als das Südliche Hansaviertel im Berliner Bezirk Tiergarten. Hoch aufragend stehen dort Bauten der Internationalen Bauausstellung von 1957, umkleidet vom Grün des Tiergartens. Zwar in jedem Reiseführer als bedeutend erwähnt, bemüht sich jedoch kaum ein Tourist in diese Gefilde. Das Interesse ebbt bereits ab, wenn man ein Foto vom Schloss Bellevue geknipst hat, das nur ein paar Meter davon entfernt von einer ganz anderen baulichen Epoche zeugt.

Nichtsdestoweniger wohnt den einstmals so berühmten Hochhäusern des Südlichen Hansaviertels der Geist des Revolutionären inne. Es lohnt sich, gerade dahin zu gehen, wo man die Revolution am wenigsten vermutet.

Wo einmal ein gutbürgerliches Gründerzeit-Wohnviertel zwischen Spree und Großem Tiergarten stand, finden sich heute die Bauten der Mustersiedlung „Südliches Hansaviertel“. Im Krieg waren fast 90 Prozent der Häuser des alten Hansa Viertels zerstört worden. Im Rahmen und Vorfeld der Internationalen Bauaustellung Interbau (1957) wurden zwischen 1955 und 1960 die Neubebauungspläne des Areals in die Tat umgesetzt.

Das "Schwedenhaus" im Hansaviertel von Fritz Jaenecke und Sten Samuelson aus Malmö

An der Bauausstellung wirkten insgesamt 49 Architekten aus 13 Ländern mit – unter ihnen Niemeyer, Eiermann, Baldessari, Düttmann, Schwippert, Aalto, Taut, van den Broek und Stubbins, um nur einige zu nennen. Die Geschichte des Hansaviertels  und die der Interbau ist untrennbar mit der Stadtentwicklung Berlins nach dem Krieg verbunden. Durch Häuserkampf und Bombardierungen waren allein über 500.000 Wohnungen zerstört worden. Diese Verwüstung bot wiederum den Architekten und Stadtplanern die Möglichkeit, etwas völlig Neues, Revolutionäres zu errichten. 1946 beauftragte der Alliierte Kontrollrat den Architekten Hans Scharoun mit der Erstellung eines Neugestaltungskonzeptes für Berlin, dem so genannten „Kollektivplan“.

Scharouns Konzept sah eine Dezentralisierung und Neuaufteilung Berlins vor, und sollte zugleich Wohnraum im Grünen mit entsprechenden Versorgungseinrichtungen für möglichst viele schaffen. Die Idealform dieses Plans war nicht  realisierbar – Geldmangel, Wohnungsnot und die politische Lage in Berlin beschränkten die Verwirklichung der hehren Absichten auf wenige Viertel der Stadt. Das Südliche Hansaviertel (das südlich und östlich der Stadtbahntrasse gelegene Areal des ehemaligen Vorkriegs-Hansaviertels) entsprach als einziges innerstädtisches Wiederaufbaugebiet Berlins den Grundsätzen der damaligen Moderne.

Entsprechend der politischen Konkurrenzsituation zu Zeiten des Kalten Krieges ist die Internationale Bauausstellung auch untrennbar mit dem Bau der Stalinallee im ehemaligen Ostteil Berlins verbunden. Beide Bauprojekte waren Demonstrationen der Leistungsfähigkeit des jeweils eigenen politischen und gesellschaftlichen Systems. Das moderne Hansaviertel ist damit auch Architektur gewordene Vision, ein Absetzen von der Vergangenheit der Nazizeit, der Kontrapunkt in einer Auseinandersetzung zweier politischer Systeme – propagiert als eine im Bau umgesetzte freiheitliche Alternative.

Blick aus dem Schwippert-Haus.

Nach einem kurzen Rundgang durch das Viertel erschließen sich einem die charakteristischen Merkmale der Umgestaltung. Noch heute ist das Hanvsaviertel überwiegend Wohnviertel; Supermärkte und Apotheken finden sich gebündelt an einem Ort, ansonsten gibt es nur wenige Geschäfte und Betriebe. Die Neubauten der Nachkriegsmoderne reichen teils bis unmittelbar an den Großen Tiergarten, teils bis an die Spree heran. Die Grundsätze der lockeren Bebauung und der Durchmischung von Wohnen und Grünanlangen wurden ganz klar verwirklicht – es gibt wohl kaum ein Viertel, welches näher am Großen Tiergarten liegt, bzw. derart in ihn hineinragt. Materialien wie gemahlene Trümmerreste, Stahl, Glas und Beton wurden mit viel Kreativität verwendet um einen schlichten Stil zu verwirklichen, der sich eng an die asketische Schlichtheit der Bauhausästhetik anlehnt.

Insgesamt wurden 36 Gebäude verwirklicht, die seit 1995 mitsamt den Grünanlagen unter Denkmalschutz stehen. Die Architekten arbeiteten eng mit Landschaftsgestaltern zusammen – Grünfläche und Architektur (unter zur Hilfenahme modernster Bautechnik und Materialien) bilden ein Gesamtkunstwerk. Errungenschaften wie Müllschlucker und Fußbodenheizung kamen hier teils zum ersten Mal zum Einsatz, die Bauten waren in jeder Hinsicht eine Demonstration städtebaulicher Moderne.
Außerhalb des Hansaviertels entstanden im Rahmen der Bauausstellung noch die Kongresshalle (im Volksmund „Schwangere Auster“), das Le Corbusierhaus (Unité d’Habitation) und die Hansa-Grundschule nach Plänen von Bruno Grimmek.

Die Akademie der Künste

Bei allen Bauten folgte man den Forderungen des modernen Wohnungsbaus: viel Licht, Luft und Sonne, klare Trennung der Funktionen – ein Wohnen welches sich möglichst diametral vom oft beengten Wohnen in den Berliner Mietskasernen der Vorkriegszeit unterscheiden sollte: „Die während der Interbau in einigen Gebäuden eingerichteten Musterwohnungen und Wohnausstellungen sollten mittels ihres emanzipatorischen Charakters den Stadtbewohner und das Wohnen von morgen prägen“, schreiben Stefanie und Carl-Georg Schulz in ihrem Buch “Das Hansaviertel – Ikone der Moderne”. Nicht weniger als den Weg zu einer „Stadt von morgen“ wollten die Architekten in den 50er-Jahren ebnen, heißt es bei ihnen weiter. Eine Stadt von morgen für den emanzipierten und freien Menschen von Morgen.

Ob Ihnen das gelungen ist, muss man sich heute fragen.

Spürt man den Geist, der den Häusern – zumindest von der Intention des Architekten her – innewohnt? Hat die Architekturrevolution der 50er-Jahre irgendeinen Effekt auf das Hier und Heute?

Wir sind losgezogen, um die Bewohner zu fragen, Menschen die dort arbeiten und Menschen, die sich für das Hansaviertel engagieren.


Helen (Name von der Redaktion geändert) ist Eigentümerin einer Wohnung im Südlichen Hansaviertel. Sie bewohnt einen Teil der 7. und 8. Etage des Schwippert Hauses und blickt von dort weit über den S-Bahnhof Bellevue hinaus. Ihr Entschluss, sich in einem denkmalgeschützten Hochhaus niederzulassen, hatte etwas damit zu tun, dass die Vorbesitzer Angehörige waren. Für die Architektur interessiert sie sich erst seit 2007, seit der 50-Jahrfeier der Internationalen Bauaustellung.

Das erste, was ich sehe, als ich ihre Wohnung betrete, ist der unglaubliche Ausblick, die schöne und geräumige Küche und das helle Grün der Sitzmöbel, das sich in den hohen Bäumen vor dem Punkthochhaus wiederfindet. Die helle Maisonettewohnung wirkt – ganz entgegen der strengen und nüchternen Gliederung der Architektur – außerordentlich gemütlich und belebt.

Eine Wand ist ganz den Büchern gewidmet, auf dem großen Tisch in der Mitte stapeln sich die aktuellen Zeitungen, das Fahrrad parkt auf dem geräumigen Balkon direkt neben bunt bepflanzen Blumenkästen.

Schon im Hausflur erzählt Helen, wie die Wohnung vor dem Umbau aussah. Beim Einzug hatte sie Architekten beauftragt, einige Änderungen vorzunehmen, soweit erlaubt. Die Treppe wurde im Zuge dessen verlegt, eine Kammer umgestellt und dem Badezimmer einverleibt, ein quadratisches Küchenfenster wurde freigelegt und der Boden erneuert. Helen stieg vom stilechtem Laminat auf dunkles Parkett um. Sie hat es sich gemütlich gemacht und dem Prinzip „form follows function“ ihr eigenes entgegengesetzt: „Wohnungseinrichtung folgt den eigenen Bedürfnissen“. Das Ergebnis: ganz viel Leben in moderner Architektur.

Doch wie würde sie ihr Wohnen im Südlichen Hansaviertel beschreiben?

Helen über ihr Leben im Hansaviertel

Als ich noch einmal ins Schwippert-Haus zurückkehre um Photos zu machen, begegne ich im Aufzug einem älteren Paar, das laut eigener Aussage bereits 30 Jahre lang in der obersten, 14. Etage wohnt. Es war der Ausblick über das Schloss Bellevue hinweg zum Fernsehturm auf der einen Seite der Wohnung, und das Panorama auf der anderen Seite, von der aus man über ein grünes Meer an Blättern über den Tiergarten blickt bis hin zur Gedächtniskirche und dem Potsdamer Platz, welcher sie zum Kauf bewogen hatte.

Mit dem Satz: „Kommen sie doch gleich rein und gucken sie es sich an“, wurde ich sogleich mit in die Wohnung genommen – glücklich und überrascht von soviel Offenheit und Spontaneität.

Thilo Geisler kennt fast jede Ecke im Hansaviertel, vor allem aber liebt er die Geschichten über seine Bewohner und die Architekten. Über den Italiener, zum Beispiel, der nur flüchtig daran dachte, Heizungen einzubauen, weil es bei ihm zu Hause so warm ist. Über das einzige reines Mietshaus und die Sorgen um seine Instandhaltung, in einem Viertel, in dem es fast nur noch Eigentumswohnungen gibt. Er erzählt von den älteren Menschen, die sich fürchten im Dunkeln vom S-Bahnhof Bellevue zu ihrer Wohnung zu gehen – und von ihrem sicheren Schutz, der “Kaninchenpolizei”. Thilo Geisler: “Wenn im Dunkeln hier Kaninchen unterwegs sind, dann kann niemand Böses hinter den Büschen lauern.” Und er erzählt von einer alten Dame, die von Anfang an im Hansaviertel lebt und nun auf die 90 zu geht. “Viele ihrer Nachbarn interessieren sich jetzt für sie, weil ihnen ihre Wohnung gefällt. Leider ist das so. Zum Glück hat sie einen Nachbarn, der gut auf sie aufpasst.”

Geisler ist der erste Vorsitzende des Bürgervereins Hansaviertel. Unter dem Arbeitstitel “Oral History” ist er seit längerem dabei, die Erfahrungen der Bewohner im Hansaviertel zu dokumentieren. Dabei lebt er gar nicht selbst im Hansaviertel, sondern im Nachbarkiez. Aber das Hansaviertel ist das zweite Zuhause geworden, denn durch sein Engagement hat der Lehrer enge Freunde dort gefunden. Ich habe ihn auf einer seiner Führungen durch das Hansaviertel begleitet. (Foto: www.buergerverein-hansaviertel-berlin.de)

Thilo Geisler über das Hansaviertel

Ein guter Bekannter von Geisler ist Reinhard Hillner, seit fünf Jahren betreibt er das Café Tiergarten im Schwedenhaus. ” Es ist eines dieser klassischen Cafés, die jetzt leider aussterben”, sagt Hillner.  Der Pflaumenkuchen dort ist wahrscheinlich das Beste, was einem zwischen Gropius und Niemeyer, zwischen der Goldelse und dem Gripstheater passieren kann. Und die Innenarchitektur aus den 50er-Jahren ist seit der Gründungszeit weitgehend intakt geblieben. Hillners Café ist mehr als die Kuchentheke des Hansaviertels, dorthin verabredet man sich, dort lechzen im Sommer die Touristen nach Kaltgetränken, dort erholen sich die Gesangsgruppen der Kirchen nebenan nach ihrer Probe.

Hillner beobachtet, dass das Hansaviertel ein Stück “heile Welt” geblieben ist. “Ich finde es bemerkenswert, dass es eine solche Enklave noch gibt”, sagt er. Ohne die sozialen Spannungen, die es zum Beispiel im benachbarten Moabit gäbe. Bedauert er nicht, dass im Hansaviertel kaum Menschen aus Ländern außerhalb Europas leben, dass die Vielfalt Moabits fehlt und das Bürgerliche dominiert? “Nein”, sagt er. “Und ich meine das völlig wertfrei.”

Wir sprechen mit Reinhard Hillner über seine Eindrücke vom Leben im Hansaviertel:

Musik: “Garden of the Forking” auf cc.mixter.

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Links:
> Café Tiergarten Altonaer Straße 3, U-Bhf. Hansaplatz, S-Bhf. Bellevue, Bus 100, 187, Öffnungszeiten: Mo-Fr 9-18 Uhr, Sa+So 10-18 Uhr
> Führungen des Bürgervereins Hansaviertel
ausführliche Informationen des Bürgervereins über die > Architektur und Geschichte des Hansaviertels
… gedruckte Literatur: Stefanie und Carl-Georg Schulz, Das Hansaviertel – Ikone der Moderne (2007)

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