Die Revolution wohnt nebenan

In diesen Tagen werden die historischen Kühlhäuser am Spreeufer abgerissen. Sie gehören mit zum Eisfabrik-Ensemble an der Köpenicker Straße, eines der ältesten in Europa. Peter Schwoch führt eine kleine Revolution für den Erhalt des Ensembles an. Er und die TLG, die anstelle der Kühlhäuser Aqualofts bauen willen, schauen sich dort seit Jahren Tag um Tag ins Auge. Denn Schwoch wohnt gleich nebenan im ehemaligen Wohnhaus der Eisfabrik. Ein Porträt beharrlichen Widerstands.

Das Eisfabrik-Ensemble.

Fotografien: Annie Luck | Text und Interviews: Nicole Walter ::: “Wow, do know you know what these wonderful buildings are?”, fragte mich ein japanischer Tourist völlig fasziniert, als ich vor einigen Tagen auf der Terrasse des Radialsystems an der Schillingbrücke stand und zur Eisfabrik und ihren Kühlhäusern hinüber schaute. Was er nicht wusste, “these wonderful buildings” werden gerade zum Teil abgerissen. Es sind die ältesten erhaltenen Hochkühlhäuser Europas, Carl Bolle ließ sie 1896 auf dem Spreegrundstück an der Köpenicker Straße 40/41 bauen. Zusammen mit der daneben errichteten Eisfabrik bilden sie ein komplettes Ensemble der Industriearchitektur. Die Eisfabrik, das Maschinen- und das Kesselhaus wurden vor zwei Jahren vor dem Abriss gerettet. Die Kühlhäuser hingegen hat der Bezirk Mitte zum Abriss frei gegeben, obwohl sie unter Denkmalschutz stehen.

Vorigen Montag, am 18. Oktober, haben Peter Schwoch und seine Mitstreiter vor den Kühlhäusern Rosen niedergelegt, um symbolischen Abschied von den Kühlhäusern zu nehmen. Schwoch wohnt seit 20 Jahren in dem Wohnhaus an der Köpenicker Straße, das zum Fabrikareal mit dazu gehört. Seit langem schon setzt er sich mit seiner “Initiative zum Erhalt der Eisfabrik” für das Industriedenkmal ein – mit Erfolg. An der Rettung der Eisfabrik hat die Initiative ihren Anteil. Schwoch ist so was wie ein „Kind der Spree“. Er ist dort aufgewachsen, zog zwischenzeitlich nach Mitte und kam zurück. „Ich will hier auch nicht weg“, sagt er.

Er ist ein zarter Revolutionär, kämpft beharrlich für das Eisfabrik-Ensemble, das zum Zuhause geworden ist. Rebelliert, wenn mit dem kulturellen Erbe der Stadt leichtfertig umgegangen wird, weil Berlin wirtschaftlich schwach auf der Brust ist.

Wir waren im September 2010 auf der Baustelle, während die TLG den Abriss der Kühlhäuser vorbereiten ließ. Die Wachschützer waren nicht begeistert und drohten, die Kamera zu konfiszieren. Die Gesamtansichten sind vom Balkon des Verdi-Hauses an der Schillingbrücke aufgenommen.

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Peter Schwoch

Als Peter Schwoch zum Tag des Denkmals im September ein Wochenende lang an der Köpenicker Straße für den Erhalt der Kühlhäuser wirbt, patrouillieren hinter ihm die von der TLG beauftragten Wachschützer.
Schwoch hat historische Aufnahmen und Berichte über die Eisfabrik mitgebracht. Erzählt wie Ende 19. Jahrhunderts, im Winter das Natureis in der Rummelsburger Bucht „geerntet“ und gespeichert wird. Wie der Berliner Unternehmer Carl Bolle 1893 das Spreegrundstück für seine Eiswerke kauft, wie das die Norddeutschen Eiswerke AG von Carl Bolle rasch wächst und bald auch maschinell künstliches Eis erzeugt wird. Die Vorläufer des Kühlschranks.

Peter Schwoch vor seinem Wohnhaus am Tag des Denkmals

Gekauft wird das Eis von den Menschen in Berlin, um ihre Lebensmittel zu kühlen. Fleisch, Milch, Gemüse, Eier. “Bimmel-Bolle” kommt, heißt es. Das Interesse an Schwochs Präsentation ebbt das Wochenende über nicht ab: Junge Architekten kommen vorbei, machen Vorschläge zu Sanierung. Fachsimpeln, wie man durch geschickte Raumnutzung mehr Licht in die großen Kühlhäuser bekommen kann. Andere kennen die Gebäude vom Vorbeiradeln oder von Bootsfahrten auf der Spree, haben es nie so richtig beachtet und wollen es jetzt mal ganz genau wissen.

Eine Berlinerin erzählt von einer ehemaligen Eisfabrik in Lichtenberg, will zu Hause weiter nach Fotos und Dokumenten suchen. Ein Plüscheisbär macht Werbung für den kurzen Film, der u.a. die Arbeiter bei der Eisernte zeigt. Im Hintergrund schauen immer wieder die Wachschützer der TLG vorbei.

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An diesem Wochenende kommt auch Gerhard Deter vorbei. Und erzählt von Bolles Eis: Denn als er nach dem zweiten Weltkrieg in Schöneweide aufwuchs, war Bolles Eiswagen eine feste Institution im Kiez und weit darüber hinaus. Inzwischen lebt Deter an der Köpenicker Straße. Er wünscht sich, das sie wieder ihren alten Glanz gewinnt.

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Peter Schwoch: “Ich bin an der Spree geboren. Hier will ich nicht weg.”

Gerhard Deter: “Eine kleine Sensation, wenn Bolle kam”

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Peter Schwoch (links) und Gerhard Deter (rechts)

Schwoch hat sich für seine zarte Revolution mächtig mit der TLG angelegt. Der Revolutionär wohnt direkt nebenan, sozusagen. Denn Schwochs unmittelbarer Nachbar, ist seit fünfzehn Jahren die TLG. Sie hat 1995 die Eisfabrik und die Kühlhäuser gekauft. TLG das steht für Treuhand Liegenschaftsgesellschaft, das Unternehmen würde 1991 als Bundesunternehmen gegründet, um die staatseigenen Immobilien der DDR zu privatisieren. Das Eisfabrik-Ensemble, zur Wende der VEB Kühlhaus Süd-Ost, fällt ihr so 1995 in die Hände. Inzwischen ist die TLG selbst Käufer und Entwickler von Immobilien.

Die Eisfabrik samt Maschinen- und Kesselhaus hat sie 2008 verkauft. Sie haben jetzt den gleichen Eigentümer wie das Radialsystem am gegenüber liegenden Spreeufer, die Telamon GmbH in Bochum. Diese Gebäude sollen für kulturelle Nutzungen umgebaut werden. Die charakteristische Industriearchitektur soll dabei erhalten bleiben. Auch die Kühlhäuser hätte die Telamon gerne für die Kultur gekauft – allein die TLG wollte nicht verkaufen.

“Die TLG will die historische Eisfabrik neu interpretieren.”

Auf dem Gelände der Kühlhäuser will die TLG stattdessen nach dem Abriss das Aquadrat errichten. Laut Olaf Willun, Marketingleiter der TLG in Berlin und Brandenburg, sucht die TLG derzeit Interessenten, bevor sie mit der konkreten Planung beginnen wird. In dem Prospekt für die Interessentensuche wird das „Aquadrat“ in spe so beschrieben: „Aquadrat ist eigentlich mehr als ein Gebäude. Es ist eine Symbiose. Aus einem historischen Gewerbeloft im Altbauteil an der Köpenicker Straße, der Lebensader der historischen Luisenstadt. Und aus einem großzügigen Neubau, der mit seiner konsequent modernen Gestaltung Kubatur und Kanten der benachbarten historischen Eisfabrik aufgreift – aber im besten Sinne für die Ansprüche, Bewohner und Nutzer von heute interpretiert.“ Rückblick: Als die Eisfabrik noch der TLG gehörte und noch nicht an die Telamon GmbH verkauft worden war, wollte die TLG sie abreißen lassen. Erhalt und Sanierung seien nicht wirtschaftlich, argumentierte sie. Das Denkmalamt sah es anders. Heute wirbt die TLG mit der „historischen Eisfabrik“.

(c) TLG

Bei den historischen Kühlhäusern kam die TLG durch mit ihrer Aussage, Erhalt und Sanierung seien nicht wirtschaftlich. Zu niedrige Decken, zu wenig Licht, durch die Dämmung aus Kork-Teer mit dem Schadstoff PAK belastet – das waren ihre drei Kernpunkte. Tatsächlich gibt es Methoden, PAK-belastete Dämmungen so zu entfernen, dass keine Schadstoffe bleiben. Und schräg gegenüber des Eisfabrik-Ensembles, wurde das ehemalige Eierkühlhaus am Osthafen saniert und beherbergt heute das Musikunternehmen Universal.

Als ich mit Olaf Willun am Telefon über die Ideen für das Eisfabrik-Areal spreche, will er erst nicht so recht mit den TLG-Zukunftsplänen rausrücken. Was denn das Engagement von Peter Schwoch und seiner Initiative mit Revolution zu tun habe? Sei das nicht vielmehr Sentimentalität, fragt er. Der Morgenpost sagt Willun im Mai 2010: “Die Kühlhäuser sind nicht erhaltenswert”, sagt Olaf Willun, Marketingleiter der TLG Niederlassung Berlin-Brandenburg. “Man sollte sich nicht zu sehr an das Alte klammern”, meint Willun. “Warum sollen wir hier nicht etwas Neues bauen, das in 300 Jahren als Denkmal betrachtet werden könnte?”

Schwoch steht mit seiner Liebe zur Eisfabrik nicht allein: Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, die Berliner Stadtbaudirektorin Regula Löcher und die Bundestagsabgeordnete Eva Högl (SPD)haben sich ebenso für den Erhalt des kompletten Ensembles samt der Kühlhäuser eingesetzt. Wie auch der Bund Deutscher Architekten und der Förderverein der Bundesstiftung Baukultur.

Die zarte Revolution für das Eisfabrik-Ensemble wird vielleicht nicht voll und ganz erfolgreich sein, sollten die Kühlhäuser ganz und gar abgerissen werden. Die Eisfabrik samt Maschinen- und Kesselhaus sind gerettet. Viva la revolución.

Links:

// Die Initiative von Peter Schwoch für den Erhalt des Eisfabrik-Ensembles – mit vielen Infos zur Initiative und zur Geschichte der Eisfabrik und der Kühlhäuser.
// Die TLG.
// Ein sehr schönes Video von {B*} berlin street view :

// Ein melancholisch-schönes Video von Picturereport: “Eisfabrik Berlin”

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