“Berlin ist pflanzbar”

Christophe Kotanyi ist Gärtner aus Leidenschaft. Zuerst am Gleisdreieck und demnächst auf dem Tempelhofer Feld. Dort wird er zusammen mit Freunden einer der so genannten “Pioniernutzer” sein: Ab Januar werden sie nahe der Neuköllner Oderstraße ein Allmende-Kontor einrichten und bepflanzen. Ein Garten für alle und darüber hinaus eine Anlaufstelle für alle Berliner mit grünem Daumen. Gute Ratschläge, Saaten und Schippen zum Ausleihen gibt es umsonst. Wer will, wird für 1 Euro stolzer Pate von 1 Quadratmeter Tempelhof. Wir waren schon mal mit ihm vor Ort.

Christophe Kotanyi

Interview, Video, Fotos und Text: Johanna von Stülpnagel und Nicole Walter 3,4 Millionen Quadratmeter ist das stillgelegte Tempelhofer Flugfeld groß. 5.000 davon sind ab Januar 2011 für sechs Jahre in den Händen des Berliner Allmende-Kontor. Das entspricht in etwa der Größe eines Fussballplatzes. Christophe Kotanyi ist einer der Köpfe des künftigen Allmende-Kontors. Am knackig-sonnigen letzten Oktoberfreitag treffen wir ihn auf Tempelhof, Eingang Oderstraße.

Das Allmende-Kontor wird vieles auf einmal sein: Anlaufstelle für Berliner Gärtner, ein Platz für alle zum Pflanzen, Ernten und Feiern. Und ein interkultureller Ort, an dem Herkunft und Sprache keine Rolle spielen. Denn zurzeit wachsen vielerorts in Berlin urbane Gärten: die Rosa Rose in der Jessnerstraße, der Prinzessinnengarten am Moritzplatz und der Interkulturelle Garten am Görlitzer Park sind drei der wohl bekanntesten Gärten in der Stadt. Aber eine gemeinsame Anlaufstelle zum Kräfte bündeln, die gibt es bislang nicht. Anfang nächsten Jahres soll es damit richtig losgehen. Kreativität ist gefragt, denn aufgrund des durch den Flugbetrieb belasteten Bodens, kann nicht direkt in den Boden gepflanzt werden. Stattdessen wird es Hochbeete geben, oder Blumen in Tetrapaks zum Beispiel. Viele Ideen, wie das geht, ein Garten mit den Wurzeln “in der Luft”, sind im Prinzessinnengarten zu sehen. Auch der ist nur zur Zwischennutzung am Moritzplatz und deshalb ebenfalls nicht in der Erde verwurzelt.

Seit Sommer diesen Jahres sucht der Berliner Senat so genannte “Pioniernutzer” für Tempelhof. Drei Areale sind dafür vorgesehen: am Columbiadamm – 14.000 Quadratmeter, an der Neuköllner Oderstraße – 18.700 Quadratmeter – und am Tempelhofer Damm – 46.000 Quadratmeter. Jedes der drei Areale hat einen anderen Schwerpunkt: Sport und Kultur am Columbiadamm, “Neuköllner Nachbarschaften” an der Oderstraße sowie Wissenschaft und Kultur am Tempelhofer Damm. Einige Projekte sind demnächst am Start: Kunst- und Kulturcontainer für Jugendliche. Oder, unter der Überschrift “Vogelfreiheit” ein Bmx- und Skateparcours, ein Kletterturm und eine Hip Hop-Streetdance-Aktionsfläche für Kinder und Jugendliche. Diese beiden Projekte entstehen wie das Allmende-Kontor an der Oderstraße. Am Tempelhofer Damm ist u.a. ein Wissenschaftsladen mit dem Titel “basis.wissen.schafft” sowie die Einradfahrschule Dingadu geplant. Der Columbiadamm soll die temporäre Heimat eines Tempels der Shaolin Mönche werden. Eine Übersicht über alle aktuellen Projekte steht >> hier.

De facto stehen alle “Pioniernutzer” auf Abruf: An der Oderstraße, wo auch das Allmende-Kontor sein wird, können sie bis 2016 bleiben. Auf den beiden anderen Arealen können sie bis 2013 bleiben. Danach soll gebaut werden, das ist der aktuelle Plan von Berlins Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer. Innovativ und ökologisch sollen die neuen Quartiere sein, und wenn sie fertig sind, wird der verbleibende Park in etwa so groß sein wie der Tiergarten. Vor allem der Park soll 2017 im Zuge einer Internationalen Gartenbauausstellung feingetunt werden.

So plant der Berliner Senat die Zukunft Tempelhofs – bitte anklicken für ein größeres Bild.

Für Christophe Kotanyi und seine Mitstreiter im Allmende-Kontor ist Gärtnern weit mehr als Pflanzen, Gießen und Ernten. Das deutet sich schon an, als er inbrünstig sagt: “Feste sind wichtig”. Und viel mehr als das: Am Gleisdreieck, wo Kotanyi schon eine ganze Weile gegärtnert hat, bevor das Tempelhof-Projekt überhaupt in Sicht war, hatte er seine Beete neben einer Gruppe bosnischer Frauen. Und wohl noch weitaus mehr als deren Gartenkünste beeindruckt und begeistert ihn ihre Kultur. “Die bosnischen Frauen sind fast jeden Tag dort. Sie tanzen, sie feiern und sie tauschen Worte”, erzählt Kotanyi und fasst im Kern zusammen, was das heißt, einen interkulturellen Garten zu erschaffen. Ein Garten, in dem es keine Rolle spielt, wie gut man Deutsch spricht oder eben nicht, und in dem sich Kulturen mischen. Der Garten der bosnischen Frauen am Gleisdreieck heißt Interkultureller Garten “Rosenduft” und Kotanyi ist er fest ans Herz gewachsen, das merkt man. Viele der Frauen kommen aus dem Krieg, manche wurden dort vergewaltigt, haben ihre Familie verloren, sind geflohen.

Kotanyi spricht es so nicht aus, aber klar wird: die Tomaten, Rüben und Kräuter schaffen vor allem auch eines, Gemeinschaft. Ungezwungen, so wie’s kommt. Auch das steckt im Allmende-Gedanken: Der Garten wird kein Privateigentum, er wird allenfalls von einer Hecke umgeben sein. Sorgen wegen Vandalismus oder Diebstahls hat Kotanyi kaum. Seine Erfahrungen zeigten, dass die freien Gärten in Berlin respektiert und geachtet werden, sagt er. Auch ohne Wachschutz und Verbotsschilder.

Eine beeindruckende Eigenart der meisten Berliner Gemeinschaftsgärten: Was dort passiert, geschieht freiwillig und selbstorganisiert. Ziemlich wenige Vereinbarungen, etwa wer wann gießt im Hochsommer, oder was gepflanzt wird, reichen. So läuft es zum Beispiel bei der Rosa Rose in Friedrichshain oder im Interkulturellen Garten in Lichtenrade. Und das, obwohl die Gemeinschaftsgärten oft hohem Druck ausgesetzt sind: Die Rosa Rose musste schon zweimal umziehen und jedes Mal mit Mühen für ein neues Zuhause kämpfen. Soviel Durchhaltekraft imponiert. Auf dass auch das Allmende-Kontor auf Tempelhof bleibt- über 2016 hinaus.

Genau hier wird das Allmende-Kontor entstehen.

Christophe Kotanyi und Johanna von Stülpnagel auf Tempelhof.

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Mitmachen: *** Beetpate werden: Für einen Euro im Jahr wird man Pate für einen Quadratmeter Garten und kann pflanzen, was das Herz begehrt, Weizen, Erdbeeren, Thymian, Ranukel, Tulpen, Steckrüben, oder anderes. *** Bauwagen stiften: einen Wohn-, Bau- oder Holzwagen suchen die Gärtner noch, um dort an kalten und regnerischen Tagen unterzuschlüpfen.

Links:

* Das Allmende-Kontor hat eine eigene, kleine Seite im Netz: hier.

* Hier ist mehr über urbanacker, das Dach des Allmende-Kontors, zu erfahren.

* Gina Bucher hat hier im Freitag über Nedima R., eine der bosnischen Gärtnerinnen am Gleisdreieck geschrieben.

* Die Rosa Rose in Friedrichshain ist hier zu finden.

* Das hier ist der Weg zu den Tempelhof-Informationen der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

* Und hier sind die speziellen Infos über die Pioniernutzer zu finden inklusive des Bewerbungsformulars.

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8 Responses to “Berlin ist pflanzbar”

  1. icke says:

    der link zum Allmende-Kontor funktioniert nicht, daher hier gern: http://www.allmende-kontor.de

  2. nicole says:

    Sorry, jetzt funktioniert auch der Link im Beitrag wieder richtig.

  3. Chris says:

    So leicht dürfte das mit dem Pflanzen (noch?) nicht werden, da Tempelhof Projekt als eine Vorgabe gemacht hat, dass nur in Hochbeeten gepflanzt werden darf, weil die Fläche wohl eine Schadstoffbelastung und auch keine Munitionsfreigabe hat…

  4. nicole says:

    Ja, stimmt. Ideen, wie man “in der Luft” pflanzen kann, gibt es aber schon einige. Christophe Kotanyi hat am Gleisdreieck schon in Hochbeeten gepflanzt, im Prinzessinnengarten am Moritzplatz wird in Tetrapaks, Bäckerkörben und Säcken gepflanzt. Hier mehr dazu: http://prinzessinnengarten.net/ .Habe ich grade auch noch mal oben in den Beitrag reingeschrieben.

  5. Tante_Helga says:

    :–()=$”?*|µ

  6. muxxe says:

    ja warum genau auf denn besten wiesen?????wo sollen die griller und kitelandboarder hin???? könnt ihr nicht in da mitte pfanzen?? da werden die besten wiesen umgegraben und zerstört!!!die für sport und fun stehen!!!ist ja auch so klein tempelhof!!!!wieeee schlecht

  7. BerlinKiter says:

    Geht ja mal gar nicht!

    Sucht euch bitte eine nicht andersweit nutzbare Brache. Der geplante Bereich ist bereits in Benutzung. Hier wird die Wiese aktiv von vielen Personen gebraucht. Hier bunte Beete anzulegen ist völlig kontraproduktiv. Bitte verschwendet kein Geld und Zeit dafür an diesem Spot.

    Es gibt in Berlin so viele andere Stellen die dringend einer Bepflanzung bedürfen. Macht es dort! Aber bitte, bitte nicht auf einer perfekten Wiese!

    Ich garantiere das euer Projekt in Tempelhof nicht auf viel Begeisterung trifft wenn ihr den derzeitigen Nutzern dort den Platz umpflügen wollt. Das wird dann sehr schnell zu Gegenmaßnahmen führen. Also bitte, sucht euch was anderes. Es gibt viele Ecken die auf Bepflanzung warten.

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