Sind das unsere Werte?

Was haben deutsche Werte mit dem Ungeheuer von Loch Ness gemeinsam, oder mit dem Yeti: Viele reden drüber, manche behaupten sie schon mal gesehen zu haben, aber was Handfestes gibt es nicht. Schützen soll man sie aber auf jeden Fall, vor allem vor den Zuwanderern, sagen Klaus Wowereit und Horst Seehofer. Und andere.

Wir fragten auf dem Hermannplatz nach: Was sind “deutsche” Werte? Am ehesten wohl “Pünktlichkeit, Ordnung, Verlässlichkeit”, kriegen wir zu hören, aber bei näherem Hinhören sind es dann doch eher europäische Werte, oder ganz persönliche Werte, oder menschliche Werte ganz allgemein. Und dass die deutschen Werte von Zuwanderen untergraben werden, das haben wir von keinem gehört.

“Bei uns sollen alle ihren Platz finden. Allerdings erwarten wir auch, dass Zuwanderer unsere kulturellen Grundwerte achten und die Grundregeln unserer Gesellschaft befolgen”, hat Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit im September dem Tagesspiegel im Interview geantwortet. Was könnte damit gemeint sein? Unser Check auf dem Hermannplatz:

oben: Megan, Geoffrey, Herr Hase und unten: Rolf, Kiksy und Frau Rittner

Montagmittag am Hermannplatz. Das Leben tobt und wir wollen nach “deutschen Werten” fragen. Und laufen erstmal mächtig gegen die Wand. ” …. Werte …. was für Werte?” Die fragenden Augen eines Franzosen schauen uns an. Oh là là, die Werte-Debatte hierzulande hat sich nicht nach Frankreich rumgesprochen und um ihm die in drei Sätzen zu erklären, hätten wir unser Französisch aufpolieren müssen. Wir schauen uns um. Und sind ernüchtert: Entweder machen die Menschen schon kehrt, wenn wir uns als Journalisten vorstellen. Oder sie verziehen sich spätestens dann, wenn wir von den “deutschen Werten” anfangen.

Megan

Nach einige Abfuhren haben wir Glück, eine junge Frau sitzt lesend auf der Bank, wartet auf eine Freundin. “Was für eine schwierige Frage”, sagt sie nachdenklich und dann legt sie los. Auf Englisch, denn Megan ist Kanadierin. Dass es spezifische deutsche Werte gibt, glaubt sie nicht. Schon gar nicht in Berlin, die Stadt sei ganz anders als das übrige Deutschland. Und vor allem die jungen Menschen in Berlin fühlten sich eher als Europäer. Auch wenn es noch gar keine wirklichen europäischen Werte gebe. “Das ist wohl eher der Versuch der Politiker, sie zu kreieren.” Gerade nach dem 2. Weltkrieg versuche man doch eher sich von den “deutschen Werten” zu verabschieden und dieses Denken hinter sich zu lassen. Man schäme sich viel mehr  für deutsche Werte als stolz auf sie zu sein. Und der Versuch, mancher Politiker, die “deutschen Werte” zu beschwören, sei doch eher der Versuch, Rassismus zu schüren und sich künstlich von anderen abzugrenzen.

Megan: “Junge Berliner denken europäisch”

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Kiksy

Kiksy steht vor uns. Tänzer. Für unser Mikro bringt er seine Stimme in Schwung. Im Alter von zehn Jahren kam Kiksy nach Deutschland und lebt seitdem 30 Jahre hier. Deutsche Werte? Das sind für ihn Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. “Ich wurde hier immer gut aufgenommen. Auf irgendeine Weise gab’s hier immer nette, gute Jungs aus gutem Zuhause. Diese Werte sind noch nie verloren gegangen.” Diese “ursprüngliche Nettigkeit der Deutschen”. Aber was an diesen Werten durchaus nagen könnte, ist die wachsende Armut in Deutschland, sagt Kiksy. “Armut verzerrt den Menschen in seinem Ursprung.” Er sagt auch, was definitiv kein deutscher Wert ist: Temperament. Dieses “schlappe” Temperament der Deutschen, das sei noch nie was für ihn gewesen. Und ganz überraschend, kommen am Ende leise Töne zum Vorschein: “Ich hatte auch eine stille Zeit, in der ich nachgedacht habe: “Was sind meine Werte, als in Deutschland aufgewachsener Afrikaner, was bedeuten sie für mich persönlich”, sagt Kiksy.

Kiksy: “Zuverlässigkeit, dieser Wert ist hier noch nie verloren gegangen.”

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Und dann laufen wir direkt einem Israeli in die Arme. Ahnen wir natürlich erstmal nicht. Wir fragen direkt nach “den deutschen Werten”. Idan aus Israel zuckt zusammen. Nicht heftig, aber deutlich. Schon klar. Und wir sind mittendrin in einer sensiblen Diskussion.

Idan aus Israel: “Ich habe ein Problem mit deutschen Werten”

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Frau Rittner

Frau Rittner sitzt auf der Bank vor Karstadt und lächelt uns an, als wir auf sie zugehen. Sie ist 75 Jahre alt, wohnt in Neukölln, und sie hat eine ziemlich klare Vorstellung davon, was deutsche Werte sind: “Pünklichkeit, Fleißigkeit, Sauberkeit. So haben wir es als Kinder gelernt.” Aber das verändere sich gerade sehr, sagt sie. “Höflichkeit kostet nichts. Ich finde das sehr schön, wenn man jemanden grüßt.” Aber das höre sie eigentlich nur noch von älteren Menschen. Und eigentlich strahlt sie genau das aus, wovon sie erzählt. Eine freundliche, liebenswürdige, zurückhaltende Dame.

“Heute hält mir im Kaufhaus selten jemand die Tür auf.”

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Opal kommt aus Jamaika. Auch für sie sind Pünktlichkeit und Ordnung deutsche Werte. Sie denkt ein bisschen nach … weitere Werte, die Deutschland charakterisieren, fallen ihr nicht ein. “Aber diese Werte sind schon okay”, sagt sie. “Ich genieße das, dass die Busse pünktlich kommen, und die Straße ordentlich und sauber sind.” Was die Deutschen endlich verstehen sollten, ist, dass dieses Land ein Einwanderungsland ist. Und dass man längst nicht mehr an der Hautfarbe erkennt, ob jemand ein Deutscher ist oder nicht.

Opal aus Jamaika: “Deutschland ist längst ein Einwanderungsland”

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Geoffrey

Geoffrey ist auf Sprung nach China, als wir auf dem Hermannplatz stoppen. Letzter Tag in Berlin vor der Reise gen Osten. “Interkulturelle Kommunikation” steht auf seiner Visitenkarte, chinesisch spricht er auch. Und wir fragen: “Was sind deutsche Werte?” Geoffrey antwortet: “Ja, wenn ich das wüsste …” Kurzes Nachdenken, dann: “eine über Jahren tradierte Vorstellung von Ordnung” und so etwas wie “solides Handwerk”. Werte will er das nicht nennen, viel mehr sei es einfach nur typisch für dieses Land. Die ganze Werte-Debatte findet er unsinnig: “Kultur verändert sich, sie ist wandelbar.” Und es folgt ein erzähltes Beispiel aus einer Berliner Kneipe – zwei schwule, muslimenfeindliche Dänen kommen darin vor, und ein handfester Streit. “Haben die gar nichts verstanden?” wundert sich Geoffrey. Sie seien doch selbst vor nicht allzu langer Zeit an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden. (* Anm. der Redaktion: Bis 1933 waren homosexuelle Handlungen in Dänemark per Gesetz verboten. Und die “Jyllands-Posten”, von der Geoffrey spricht, ist die dänische Tageszeitung, die 2005 die Mohammed-Karikaturen veröffentlichte).

“Toleranz, Höflichkeit und Respekt sind meine persönlichen Werte”

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Sind das nun "deutsche Grundwerte"?

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Herr Hase

Herrn Hase fangen wir ab, als er inklusive roter Wangen gerade vom Zahnarzt kommt. Macht nichts, wir verstehen ihn hervorragend. “Deutsche Werte sind Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit.” So intakt wie früher seien sie alle nicht mehr, sagt er. “Ist nicht mehr so das Wahre.” Viele Jugendliche seien rotzfrech. Ob Ausländer oder nicht, spiele keine Rolle, “die nehmen sich nüscht.” Viel wichtiger als die Herkunft sei das Elternhaus, sagt der Berliner, der von der Nordsee träumt. Aber typisch deutsch seien die von ihm geschätzten Werte nicht, eigentlich viel mehr europäische Werte.

“Wir Europäer mögen es, wenn alles in Ordnung ist.”

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Für Daniela zählt vor allem eines: Ehrlichkeit, mit sich selbst im Reinen sein. “Wenn man ehrlich ist, ist es das Non plus Ultra.” Egal, ob in Deutschland oder anderswo. Und was jetzt genau deutsche Werte sein könnten, “darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht”, sagt sie.

Daniela: “Über deutsche Werte habe ich mir nie Gedanken gemacht.”

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Rolf

Rolf steht an nach einer Currywurst. Bevor er die bekommt, kommen wir: Was sind deutsche Werte? Kurze Pause, dann: “Fleiß, Moral, Anstand, das war’s erstmal.” Vielleicht gehöre auch Zuverlässigkeit dazu. Typisch deutsche Werte? “Ja”, sagt er. “Ich bin von Opa so groß geworden, dass es deutsche Werte sind.” Bei der aktuellen Werte-Debatte habe er aber ganz schnell wieder weggehört. “Das wird von den Medien zu sehr aufgebauscht.”

“Bei der Werte-Debatte habe ich ganz schnell weggehört”

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One Response to Sind das unsere Werte?

  1. feingeist says:

    Ein sehr kurzweiliger und unterhaltsamer Beitrag!

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