“Rassismus war schon immer ein Phänomen der Mitte”

Biplab Basu würde auch einem Neonazi die Haut retten und ihn verteidigen, wenn der Staat dessen Bürgerrechte einschränkte. “Nicht für seine Gesinnung, aber als Mensch”, stellt Basu klar. “Ich respektiere alle Menschen”, sagt er und wünscht sich das Gleiche von jedem, der hier lebt. Biplab Basu arbeitet für das Berliner Projekt ReachOut und hilft dort ganz konkret Menschen, die von rassistischen Angriffen betroffen sind. Wir sprechen mit ihm über den Rassismus aus der Mitte, über deutsche Pässe, nett gemeinte Ratschläge und seine Ansichten zur aktuellen Integrationsdebatte.

Biplab Basu

Biplab Basu hören: “Der Rassismus kommt schon immer aus der Mitte”

Interview und Foto: Johanna von Stülpnagel und Nicole Walter: Biplab Basu kennt sie gut, die nett gemeinten Empfehlungen. “Bereiten sie ihr Kind doch schon mal auf eine gute Hauptschule vor”, sagt die Lehrerin in der Schule, bevor klar ist, ob nicht auch das Gymnasium eine Option ist. Oder: Ein Klassenfoto wird gemacht. Alle Kinder, die nicht wie Deutsche aussehen oder einen ausländischen Namen haben, werden ganz nach vorne in die erste Reihe gebeten. “Wir wollen doch zeigen, dass Ausländer in unserer Schule willkommen sind. Und aus wie vielen Ländern der Welt wir Schüler hier haben”, sagt die Lehrerin. Für Biplab Basu und seine Kinder ist das alles andere als ein Kompliment. Sie wünschen sich einfach nur, dass ihnen keine Sonderrolle aufgedrängt wird. Dass sie beim Gruppenfoto stehen können, wo sie wollen. Dass die Menschen keinen Unterschied machen, ob man frisch zugewandert ist, oder die Eltern oder ob man schon die ganze Familie Deutsche sind. Auch keine gut gemeinten Unterschiede.

“Der Rassismus aus der Mitte kommt gewaltlos, pazifistisch, freundlich daher”, sagt Basu. Und er macht klar: “Rassismus war nie nur ein Randphänomen. Rassismus war immer schon ein Phänomen der Mitte.” Nur der Rassismus vom Rande, der falle stärker auf und finde deshalb größere Beachtung. Verletzt ein Neonazi einen Afrikaner nachts an der Bushaltestelle, steht es in der Zeitung. Wird ein dunkelhäutiger Vater auf dem Spielplatz angepöbelt, bleibt es unerwähnt.

Biplab Basu

Biplab Basu kann von eigenen Erfahrungen berichten – er kam vor vielen Jahren nach Deutschland. Zunächst nach Bayern, später nach Berlin. Biplab Basu kann aber auch aus einer größeren Perspektive erzählen: Beim Berliner Projekt Reachout hilft er Menschen ganz konkret, die Opfer von rassistischen Angriffen werden, und bringt das Thema in die Öffentlichkeit.

“Ich bin dazu gekommen und ich habe diese Gesellschaft verändert. Nicht ich muss mich in ihre Gesellschaft integrieren, sondern wir alle müssen uns in eine neue, veränderte Gesellschaft integrieren.”

Was hält er von der aktuellen Debatte über “die richtige Integrationspolitik”? Gar nichts. Er findet, dass die ganze Diskussion völlig falsch läuft. Die Gesellschaft sei nicht mehr so wie sie früher war, das deutsche Land das Thilo Sarrazin und seinen Anhängern vorschwebe, das gebe es schon lange nicht mehr. “Die Gesellschaft ist neu, sie ist anders geworden.” Auf ihn persönlich gemünzt: “Ich bin dazu gekommen und ich habe diese Gesellschaft verändert. Durch meine Anwesenheit, ob durch Klugheit oder Dummheit.” Und er fährt fort: “Ob sie mich jetzt haben wollen oder nicht haben wollen, sei dahingestellt. Aber sie haben mich. Sie können mich nicht loswerden. Ich muss mich nicht in ihre Gesellschaft integrieren.”  Sondern alle Menschen in Deutschland müssten sich Gedanken darüber machen, wie sie sich in diese neue, multi-kulturelle Gesellschaft integrieren.

“Männer und Frauen sind in der deutschen Gesellschaft nicht gleich. Das wissen wir alle. Das ist reine Rhetorik.”

Und die Ängste, die Menschen hierzulande etwa vor Zwangsheirat und Ehrenmorden haben? Wir dürften nicht jede Angst als Wahrheit akzeptieren, sagt Basu. “Ehrenmorde und Zwangsheirat gibt es in jeder Gesellschaft. Muslime sind überhaupt nichts Besonderes.” Die Diskussion über so genannte Grundwerte der deutschen Gesellschaft findet er verlogen. Die oft genannte Gleichberechtigung von Mann und Frau, zum Beispiel, sei ein rein rhetorisches Argument. “Männer und Frauen sind in dieser Gesellschaft nicht gleich. Das wissen wir alle. Das ist rhetorisch.” In Deutschland hat der Bundestag erst Ende der fünfziger Jahre wichtige Grundsätze zur Gleichberechtigung in Gesetze gegossen. Wie kann etwas als Grundwert ausgezeichnet werden, das erst seit fünf Jahrzehnten Gesetzeskraft hat ? wundert sich Basu. “Das ist ein Gesetz, kein tradierter Grundwert der Gesellschaft.”

“Um zu überleben, muss man vieles ignorieren. Obwohl ich das nicht will, aber man muss es.”

Ist jetzt ein Damm gebrochen, befürchtet Basu mehr rassistische Angriffe im Alltag, auf den Straßen in Berlin?  Nein, nicht generell. Aber vor allem Frauen, die ein Kopftuch tragen, und junge Menschen könnten in den Fokus von Pöbeleien oder tätlichen Angriffen rücken. Und es künftig schwerer haben auf dem Arbeitsmarkt. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie alltäglicher Rassismus mürbe macht. Wenn man auf der Straße beschimpft oder angerempelt werde. Wenn man im Supermarkt nicht bedient werde oder im Kaufhaus der Detektiv nicht von der Seite weiche. “Dass zermürbt einen völlig. Es macht müde, ständig dagegen anzukämpfen. Um zu überleben, muss man vieles ignorieren. Obwohl ich das nicht will, aber man muss es. In der Regel nimmt man es einfach hin”, sagt Basu. Heute passiere ihm das nicht mehr so oft wie früher als er jung war. “Heute habe ich weiße Haare und trage oft einen Anzug”, sagt er. Das mache offenbar was aus.

“Unsere Pässe sind auf unser Gesicht gedruckt.”

Früher habe er auch gedacht, dass die deutsche Staatsbürgerschaft einen Unterschied macht. “Heute bin ich zu dem Schluss gekommen: Unsere Pässe sind auf unser Gesicht gedruckt.”

Der deutsche Pass sei zwar für vieles gut und wichtig, aber nicht um Rassismus zu bekämpfen, stellt er nüchtern fest.

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Rassistische Vorfälle in Berlin:

Eine Auswahl der von ReachOut notierten rassistischen Übergriffe in diesem Jahr Berlin >> Quelle :

12. September 2010 * Friedrichstraße: Vor einem Fast-Food-Restaurant in der Friedrichstraße wird gegen 7 Uhr ein 22-jähriger Mann aus einer Gruppe heraus rassistisch beleidigt und von zwei Männern geschlagen. Als er auf dem Boden liegt, wird er von einem dritten Mann getreten. Die Täter entkommen unerkannt. Der 22-Jährige muss im Krankenhaus behandelt werden.

19. August 2010 * Lichtenberg: Gegen 17.30 Uhr wird eine 43-jährige Frau wird von einer 36-jährigen Frau rassistisch beleidigt, nachdem sie mit dem Auto in die Herzbergstraße einbiegt. Die 36-Jährige tritt auch gegen das Auto und entreisst Autofahrerin das Handy, mit dem diese die Polizei anrufen will. Die 43-jährige Frau kommt mit Schmerzen am Bein in ein Krankenhaus.

8. August 2010 * Lichtenberg: Auf dem Gehweg der Frankfurter Allee in Höhe der Atzpodienstraße wird ein 45-jähriger Mann, der in Begleitung seiner Familie ist, gegen 19.15 Uhr von einem 35-jährigen Mann rassistisch beleidigt. Nachdem der 45-Jährige den Angreifer auffordert, die Beleidigungen zu unterlassen, kommt es zu einer Rangelei. Die Polizei nimmt den Angreifer fest.

1. August 2010 * Neukölln, Nähe U-Bahnhof Hermannplatz: Ein 41-jähriger Mann aus Ägypten wird gegen 17 Uhr auf dem U-Bahnsteig Hermannplatz unvermittelt von einem Unbekannten mit einem Schlagstock angegriffen, rassistisch beleidigt und mit einem Messer bedroht. Beim Abwehren der Schläge wird er am Arm verletzt.

31. Juli 2010 * Boxhagener Platz: Am frühen Abend wird ein Mann mit dunkler Hautfarbe auf dem Boxhagener Platz von mehreren Personen des „Boxi-Trinker-Milieus“ rassistisch beleidigt. Als der Mann die Personen zu Rede stellt, kommt es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung, bei der keiner der zahlreichen Zeug_innen eingreift.

23. Mai 2010 * Prenzlauer Berg: Gegen 4.45 Uhr wird ein 25-jähriger Mann in der Lychener Straße von einer zehnköpfigen Gruppe rassistisch beleidigt. Die Frauen und Männer verfolgen ihn, stoßen ihn zu Boden und schlagen ihn mit Holzlatten. Erst als er eine Holzlatte ergreifen kann, lassen sie von ihm ab und entfernen sich. Kurze Zeit später kommen aber drei bis fünf Personen zurück und werfen mit Bierflaschen und Pflastersteinen. Der Mann kann sich in Sicherheit bringen und die Polizei anrufen. Der Verletzte kommt zur ambulante Behandlung ins Krankenhaus. Die Täter entfernen sich unerkannt.

31. März 2010 * Friedrichshain: Ein 22-jähriger Angolaner wird gegen 1.50 Uhr in der Karl-Marx-Allee von einem 20-jährigen Mann nach einer Zigarette gefragt. Nachdem er verneint, wird er von dem 20-Jährigen rassistisch beleidigt und ihm wird ein Kugelschreiber an den Hals gedrückt, mit der Drohung ihn abzustechen. Der 20-Jährige flüchtet, kann aber von der Polizei festgenommen werden.

7. März 2010 * Marzahn U5: Am Sonntagmorgen wird eine 26-jährige muslimische Frau in Biesdorf in der U-Bahn von zwei Männern rassistisch beleidigt, sie ziehen an ihrem Kopftuch und schubsen sie herum. Am U-Bahnhof Elsterwerdaer Platz entkommen die Täter unerkannt. Die Frau erstattet Anzeige.

Mehr Informationen:

Die Webseite von ReachOut in Berlin.
Die Kampagne für Opfer rassistisch motivierter Polizeigewalt KOP.
Schlagworte der Integrationsdebatte vom Berliner Senat.

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