Keine Lust auf “schwule Pässe” – TeBe Fans wollen grenzenlosen Fußballspaß

Im Mommsenstadion, Spielstätte von Tennis Borussia Berlin. Aufgenommen beim 5:3 Sieg von TeBe gegen Hermsdorf im Oktober. (Foto: Stefanie Barthold)

Aktion Libero – rund 70 Sportblogger haben sich zusammen getan, um heute über Homophobie im Fußball zu berichten. U.a. sind die Blogger von textilvergehen, Trainer Baade, Lizas Welt und unrund.com dabei.

bier statt blumen hat zusammen mit Stefanie Barthold (unrund.com), die die Aktion Libero mitorganisiert, mit Sebastian und Christian gesprochen: Beide sind eingefleischte Fans von Tennis Borussia Berlin (TeBe) – und haben die Aktion “Fußballfans gegen Homophobie”  mitgegründet.

“Schwul” ist eines der meist gebrauchten Wutwörter in den Fußballstadien: Von “schwuler Pass” bis “Schiedsrichter, du schwule Sau” passt so einiges rein in 90 Minuten. Sebastian und Christian haben davon schon längst die Nase gestrichen voll. Spielt Tennis Borussia Berlin (TeBe) zu Hause im Mommsenstadion, sind sie fester Teil vom “Block E”, der TeBe-Fankurve. Und beide haben die Aktion “Fußballfans gegen Homophobie” mitgegründet. Kern der Aktion: in über 20 Fußballarenen wird ihr lila Banner gezeigt, auf dem sich zwei Fußballer küssen. Zu sehen war das Banner u.a. schon beim HSV und bei St. Pauli, bei Roter Stern Leipzig und dem Wiener Sportclub. Als letzte Station des Bannes ist in dieser Saison die Arena auf Schalke geplant.

Zieht jetzt durch die Stadien: das lila Banner der "Fußballfans gegen Homophobie"

“Bei TeBe ist Homosexualität im Fußball schon ewig Thema”, sagt Sebastian. Die Fanszene des ehemals West-Berliner Klubs gilt als sehr tolerant und friedlich. Die Vereinsfarben sind lila und weiß,’Lila gilt als ‘weibliche’ Farbe’, deshalb haben die Fans gegnerischer Teams schon lange, bevor ich dazu kam, “Lila-weiß ist schwul” gesungen”, sagt Sebastian. “Das hört man heute noch manchmal. Wir kontern dann ironisch, steigen drauf ein und singen mit. Dann verstummen die meisten völlig irritiert.”

Fangruß für die "Veilchen", wie die TeBe-Spieler auch genannt werden.

Die TeBe-Fankurve, der Block E. (beide Fotos: Stefanie Barthold)

Ein besonders prägendes Ereignis gab es dazu für die TeBe-Fans. In der Saison 2000/2001, TeBe spielte damals in der 2. Bundesliga. Auf dem Spielplan stand ein Auswärtsspiel in Cottbus. Und für die Fahrt im Fanbus gab es ein Motto: “Fummelfahrt”, auch Cross-Dressing genannt. Alle Fans im Bus kamen in Kleidern, mit zarten Handtäschchen zum Spiel, oder in harten Lederwesten. “Für die Cottbusse, die ja jetzt auch nicht die Speerspitze der Aufklärung sind, war das bestimmt ein interessantes Erlebnis”, sagt Sebastian. Wichtiger noch: ein TeBe-Fan, auch heute im harten Kern der Fansdabei, hatte im Rahmen der Fummelfahrt sein Coming-Out. Ein Erlebnis, dass Homosexualität im Fußball seit gut zehn Jahren bei TeBe kein Tabu-Thema ist, wie in so vielen anderen Vereinen.

Christian Rudolph, Fußballfans gegen Homophobie

Mächtig auf die Nerven geht Sebastian und Christian die immer wieder hochkochende Hetzjagd auf einzelne Fussballer. Ob Philipp Lahm schwul ist, oder Arne Friedrich auf Männer steht – es ist ihnen egal. Sebastian sagt: “Ich finde es problematisch, dass die Diskussion so fokussiert ist auf eine Gruppe möglicherweise schwuler Fußballer, die sich doch bitteschön outen sollen.” Viel, viel wichtiger sei es, ein Klima auf den Fankurven, im Verein und in der Öffentlichkeit zu schaffen, dass es es egal werden lasse, ob ein Spieler nun schwul ist oder nicht.

Christian erzählt beispielhaft, was es bedeuten kann, im testosteron-gesprägten Fußball schwul zu sein: “Stellt euch vor, ein Sechs-Jähriger fängt an auf dem Bolzplatz, spielt sehr gerne Fußball und tritt in einen Verein ein. Später, in der Pubertät, entdeckt er, dass e4 Männer liebt.” Meistens blieben ihm heute nur zwei Möglichkeiten: er spielt ein Versteckspiel, verleugnet sich, um weiter Fußball spielen zu können. Oder er hängt seine Fußballschuhe schweren Herzens an den Nagel, verlässt dem Verein. Beides zusammen geht heute selten. “Auch deshalb ist es viel besser, von dieser Diskussion über das Outing von Spielern wegzugehen und besser ein Klima in den Fankurven zu schaffen, dass schwule Fußballer nicht diskriminiert”, sagt Christian.

Umfrage beim 1. FC Union Berlin gegen St. Pauli:

Wie das Klima auf einer Fankurve des 1. FC Union ist, das zeigt eine spontane Umfrage beim Spiel 1. FC Union Berlin gegen St. Pauli in der Alten Försterei. Im Sektor 3, nicht in der Fankurve der Ultras, habe ich gefragt: “Was halten Sie von schwulen Fußballern?” Bitte entschuldigt die teils schlechte Tonqualität inmitten der Stadionlautsprecher.

“Fußballfans gegen Homophobie”

mehr:


>> das Gespräch mit Sebastian und Christian auf unrund.com

>> die Aktion Libero

>> die Fußballfans gegen Homophobie auf Facebook

>> der Tennis Borussia Berlin e.V. im Netz

>> 1. FC Union Berlin im Netz

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