Der Islam trinkt Tee

Backstage, in der Privatsphäre unserer Gedankenwelt hegen und pflegen wir ein Bild von der Welt, welches so individuell ist wie wir selbst. Auf dem Feld wuchernder Vorurteile sind wir uns jedoch erstaunlich ähnlich. Oft sind es unsere Mitmenschen, deren Lebenswandel freimütig bewertet wird. Und spricht man heute über Sozialisierung und Kultur, ist die Verbindung zu Religion schnell zur Hand. In einer multikulturellen Gesellschaft wird interreligiöses Wissen dabei immer wichtiger. Wie aber mit Bildern im Kopf umgehen, die vor allem von Vorurteilen geprägt sind? Christine Müller begleitete 1-Euro-Jobber, die an einem „Interreligiösen Training“ teilnahmen.

Text: Christine Müller | Illustrationen: Johanna von Stülpnagel

Früher waren sie Gabelstabelfahrer, Elektroniker, Serviererinnen, und Soziologen. Alles Berufe, die nicht  unbedingt für soziale Tätigkeiten qualifizieren. Aber mit Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen und Religionen arbeiten sie heute als 1-Euro-Jobber in der Altenpflege, in Kitas und im Quartiersmanagement.  Die Rede ist von Bülent, Helga, Gerhard und Karin*, die heute ihre Softskills in Sachen „Religion“ schulen sollen.

Es ist Mittwochmorgen, 9 Uhr und Kaffee, Tee, Wasser und Kekse warten auf die zwölf Teilnehmer der Weiterbildung „Interreligiöses Training“ an der Jerusalemkirche in Berlin-Kreuzberg. Nach und nach finden sie sich im Stuhlkreis in der Mitte des Raumes ein. Teilweise kennen sie sich schon von anderen Weiterbildungen und auf die Frage: „Wie geht’s?“ lautet hier eine Antwort: „Das Jobcenter will 400 Euro von mir zurück. Ich werde wohl einen Anwalt einschalten müssen“.  Zum Training sind sie mehr oder weniger freiwillig gekommen. 1-Euro-Jobber  müssen regelmäßig an Weiterbildungen teilnehmen. Für welche sie sich entscheiden, das können sie mitbestimmen.  Entsprechend unterschiedlich sind die Erwartungen an das Seminar. Karins Vorstellungen erscheinen am konkretesten. Sie arbeitet in der Beratung für Schulverweigerer: „Das ist schon ein interkultureller Haufen. Ich erwarte mir vom Seminar eine neue Perspektive auf die Schüler“.

Bertram Reber ist einer der Trainer. „Um andere Religionen und damit verknüpfte Kulturen verstehen zu können“, so erläutert der Diplom-Theologe, „sind die eigene Erfahrungen mit Religion wichtig“. Und diese sind sehr vielfältig in dieser Gruppe. In der Mitte des Raumes liegen Fotos mit unterschiedlichen Motiven. Jeder der Teilnehmer soll sich ein Bild aussuchen, das für ihn die Bedeutung von Religion darstellt. Da wird das Bild eines Vogels gewählt, der über den Dingen schwebt als Symbol für Religion, die Abstand zu den eigenen Problemen ermöglicht. Blumen als Zeichen für Ruhe und Entspannung. Karin, die ihre christlich-jüdischen Wurzeln besser kennen lernen will, wählt das Foto eines bunten Kessels. Gerhard wiederum entscheidet sich für einen Sakralbau, da er „Religionen kritisch gegenüber steht, aber deren Kulturgüter schätzt“.

So unterschiedlich die Teilnehmer und ihre Erfahrungen mit Religionen, so bunt gemischt ist auch das Trainerteam der “Jerusalemkirche – Forum für interreligiöse Bildung”. Junge Christen, Juden und Moslems arbeiten hier zusammen. Das Forum engagiert sich seit 2003 für interreligiöse Bildung und ist ein gemeinsames Projekt des “Evangelischen Kirchenkreises Berlin-Stadtmitte” und der “Die Wille gGmbH”.  Multiplikatoren, Ausbilder, Sozialpädagogen, Bildungsreferenten, Lehrer und eben 1-Euro-Jobber werden hier in Sachen Religion weitergebildet. Die Begeisterung für seinen Job ist Reber, der auch als psychologischer Berater tätig ist, anzumerken: „Es sind immer sehr unterschiedliche Menschen, die hier herkommen. Wir arbeiten prozessorientiert mit ihnen, das heisst, wir wollen sie dort abholen, wo sie sind. Ich bin immer wieder beeindruckt von deren Erfahrungen und Lebenswege“.  Dass sich die Teilnehmer mit ihren persönlichen Geschichten so öffnen, ist auch Rebers sensibler Art zu verdanken, der auf ihre Anliegen und Fragen sehr einfühlsam eingeht.

Aber auch Humor soll bei dem aufgeladenen Thema „Religion“ nicht zu kurz kommen Dafür sorgt Chalid Durmosch. Durmosch hat deutsch-arabische Wurzeln, war ursprünglich Wirtschaftsingenieur und ist schon seit Jahren in einer muslimischen Gemeinde engagiert. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt Durmosch und lacht. Heute führt er Besucher durch Moscheen, arbeitet als Seelsorger in Jugendgefängnissen und leitet Antigewalt-Seminare. Keine leichte Kost. Aber man kann sich gut vorstellen, dass Durmosch, der gerne mal seine eigenen  „Landsleute“ persifliert und stets einen flotten Spruch auf den Lippen hat, auch bei Jugendlichen gut ankommt.

Heute leiten Durmosch und Reber das Training an. Das Programm ist dicht gefüllt. Jeder Tag ist einer der drei monotheistischen Religionen gewidmet. Und mit einer Exkursion verknüpft. Ein koscheres Café in Schöneberg, eine Moschee in Neukölln und eine russisch-orthodoxe Kirche in Tegel. Reber spricht von drei K’s, die das Seminar vermitteln will: Kommunikationsfähigkeit in Sachen Glauben, Kenntnisse über andere Religionen und Konfliktfähigkeit, die im Seminar für den Alltag eingeübt werden soll.

Zu Konflikten kommt es während der drei Tage nicht. Aber die Diskussionen werden zunehmend leidenschaftlicher als es darum geht, unbewusste Vorurteile dem Islam gegenüber ans Tageslicht zu bringen. Dafür stellen Reber und Durmosch die Aufgabe, sich den Islam als Person vorzustellen. Welche Eigenschaften hätte diese Person? Wäre sie männlich oder weiblich? Wie sähe sie aus, welchen Beruf hätte sie und welche Hobbys? Es bilden sich drei Gruppen, die ihre Vorstellungen in Bilder umsetzen. Auf einer der Zeichnungen ist ein älterer Mann um die 60 Jahre zu sehen, der einen Händler darstellt und eine Kopfbedeckung trägt. Er liebt Brettspiele und trinkt mit seinen Freunden Tee. Als Eigenschaften werden ihm Familiensinn und Emotionalität zugeschrieben. Ein anderer „Islam“ wird als eine Art Sufi gezeichnet, der als menschenfreundlich und spirituell beschrieben wird. Ein Teilnehmer betont jedoch, dass er der Person nicht nur positive Eigenschaften zuschreiben würde. Und dass er gleichzeitig auch das Bild eines Ayatollah Khomeni vor Augen habe, der einen „dunklen Blick“ habe und rigide handeln würde. Die dritte Gruppe malt eine Person mit zwei Gesichtern, das eine ist weiblich, das andere männlich. Besonders die weibliche Seite kommt dabei schlecht weg. Sie ist Putzfrau, ungebildet und fürs Einkaufen zuständig. Bei der Beschreibung der Personen zeigen sich immer wieder solche Klischees. Die Übung hat also funktioniert. Durmosch betont, dass die Ergebnisse zunächst unkommentiert so stehen bleiben sollen.  Damit schafft er es, dass sich die einzelnen Teilnehmer nicht entblößt vorkommen – wer möchte sich schon eigene Vorurteile eingestehen?

Aber wie kommt die Übung bei Teilnehmern an, die dem Islam angehören? Bülent, der praktizierender Moslem ist, hat mit diesen Klischees kein Problem: „Ich bin von meiner türkischen Mutter sehr europäisch erzogen worden. Ich bin sehr offen und heute mit einer deutschen Frau verheiratet. Das einzige was mich in Deutschland stört ist, wenn dunkelhaarige Männer einfach pauschal als Türken bezeichnet werden. Aber hier in der Gruppe habe ich kein Problem“, so Bülent, der in diesen Tagen stets sein Handy parat hat, wartet er doch auf einen Anruf aus dem Krankenhaus. Die Geburt seines ersten Enkelkindes lässt auf sich warten.

In der nächsten Übungseinheit kommen die Teilnehmer über ihre Bilder ins Gespräch. Dabei stellt sich die Erkenntnis ein, dass sie Muslime eigentlich nur aus den Medien oder dem öffentlichen Raum kennen, aber nie privat. Der allgemeine Tenor lautet: „Es fehlt der direkte Kontakt“. Aus Bülents Sicht wiederum sind es die Medien, die „viel kaputt machen“. Er führt aus: „Wir leben in der dritten Generation hier. Schon die zweite Generation war nicht mehr so streng. Mein Sohn wiederum ist hier aufgewachsen und hat hier studiert. Er ist hier zuhause. Die Medien sorgen aber mit ihrer einseitigen Berichterstattung für schlechte Stimmung.“ Ein anderer Teilnehmer pflichtet ihm bei: „Früher wurden wir als Studenten, die in Kreuzberg lebten als Feindbilder dargestellt, heute sind es die Türken.“

Vielleicht wäre an dieser Stelle eine noch ausgiebigere Diskussion wünschenswert gewesen. Aber der nächste Programmpunkt steht an. Er knüpft inhaltlich an die Klischees an: Mit einer Art Wissensquiz soll es zu einem Abgleich zwischen Vorurteilen und dem, „was im Koran wirklich steht“ kommen. Dass Glaubenswerke grundsätzlich unterschiedlich interpretiert werden können und es innerhalb von Religionen unterschiedliche Strömungen gibt, die mit ihrer Lesart immer auch bestimmte Interessen verfolgen, bleibt an dieser Stelle außen vor.

Trotzdem macht der Quiz Sinn. Nicoletta wurde dafür als Expertin eingeladen. Sie ist 32 Jahre alt und studierte Publizistik und Ungarologie. Vor zehn Jahren ist sie vom Christentum zum Islam konvertiert. Heute trägt sie ein Kopftuch. Sie erzählt, dass sie sich dazu erst nach mehreren Jahren entschlossen hatte, da sie sich zunächst „mehr mit den Glaubensinhalten beschäftigt hatte“. Sie erzählt auch, wie geschockt ihre Familie davon war. Ihre Mutter schlug ihr die Tür vor der Nase zu, als sie sie zum ersten Mal mit Kopftuch sah. Die selbstbewusste Frau betont, dass es ihre eigene Entscheidung war und dass auch in dieser Frage ein Grundsatz des Korans gelte: „Es gibt keinen Zwang im Glauben“.  Da Nicoletta sehr offen auf die Fragen der Teilnehmer eingeht, führt sie nicht nur mit ihrem Fachwissen, sondern mit ihrer ganzen Person viele der genannten Klischees ad absurdum. Sie macht deutlich, dass es in allen monotheistischen Religionen Kleidervorschriften gibt, die heute unterschiedlich gehandhabt werden. Das Tragen des Kopftuches im Islam kann durchaus auf Druck von außen erfolgen, in anderen Fällen aber genauso durch eine persönliche Entscheidung.

Am dritten Tag des Seminars wird Reber den „Baum der Religionen“ erklären. Ein Bild, das die gemeinsamen Wurzeln der monotheistischen Religionen aufzeigt und deren Gleichwertigkeit darstellen soll. Aber schon heute ist die Resonanz bei den Teilnehmern sehr positiv. „Es haben sich wie bei einem Puzzle einzelne Teile zusammengefügt“, sagt Helga. Karin schwärmt vom Besuch im koscheren Café, in dem eine Jüdin Rede und Antwort stand. „Ich hätte noch ewig zuhören können“, sagt sie. Viele der Teilnehmer waren zum ersten Mal in einer Moschee. Stimmen wie „einen so entspannten Gottesdienst habe ich noch nie erlebt, man kann kommen und gehen, wann man will“ sind zu hören. Auch Gerhard war besonders angetan vom Besuch der Moschee. Die Bauweise der Moschee imitiere zwar den Baustil des 17. Jahrhunderts, aber „wenn man bedenkt, was für Kirchen in den 1970-iger Jahren gebaut wurden, dann ist mir so eine farbenfrohe Kopie schon lieber“. Religionen steht er nach wie vor kritisch gegenüber. Und wie sich das Training auf seinen Arbeitsalltag auswirken wird, weiß er noch nicht. Trotzdem ist das „Interreligiöse Training“  selbst aus seiner Sicht sehr wertvoll: „Es ist schon klar, warum ein solches Training in Berlin angeboten wird. Das kann nur der Toleranz dienen“.

*Namen von der Redaktion geändert

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