Mauerpark-Flohmarkt denkt über seine Zukunft nach

Falafel am Eingang zum Mauerpark-Flohmarkt

Der Flohmarkt am Mauerpark ist beliebt, weit über die Grenzen Berlins hinaus. Aber seine Zukunft ist ungewiss. Das Areal, auf dem er seit 2004 stattfindet, ist Teil der Neuordnung des Mauerparks, die derzeit in vollem Gange ist. Die Betreiber des Flohmarkts haben einen Entwurf vorgelegt, der auf Kritik und Zustimmung stößt. Zugleich macht die Welt-Bürger-Park Stiftung Fortschritte. Der Süden des Mauerparks ist ein Beispiel dafür, wie Berliner Mitsprache einfordern und umsetzen.

Text | Fotos: Nicole Walter Rund 30.000 Menschen drängen sich in Spitzenzeiten an einem Sonntag auf dem Flohmarkt am Mauerpark, schätzt Mitbetreiber Lars Herting. Doch wie das in Zukunft sein wird, ist in der Schwebe. Das Areal ist Teil des Deals, den die Stadt Berlin mit dem Grundstückseigentümer Vivico schließen will. Die Vivico darf im Süden – an der Bernauer Straße – und im Norden – an den S-Bahngleisen – bauen, dafür gibt sie die Fläche in der Mitte an Berlin. Dort soll der Park erweitert werden. Eine Bürgerwerkstatt arbeitet seit dem Sommer an Entwürfen.

Zugleich mache die Stiftung Welt-Bürger-Park gute Fortschritte, sagt Claudia Hering, eine der drei Vorstandssprecher. Das Ziel der Stiftung ist es, das ganze Areal zu kaufen und in einen puren Welt-Bürger-Park ohne Bebauung umzuwandeln. Demnächst mehr dazu auf bier statt blumen.de.

Während viele Berliner von einem Mauerpark ohne Bebauung träumen, arbeitet der Grundstückeigentümer Vivico, am Gegenteil: Zurzeit läuft ein von ihr ausgeschriebener Architektenwettbewerb. Von der Vivico ausgewählte Architekturbüros entwerfen Ideen für Bauten im Süden (Gewerbe), wo auch der Flohmarkt stattfindet, und im Norden (Wohnungen). Details hierzu will Vivico-Sprecher Wilhelm Brandt nicht nennen. “Standardmäßig gehen wir erst mit den Ergebnissen des Wettbewerbs an die Öffentlichkeit”, sagte er bier statt blumen. Diese sollen im Februar 2011 vorliegen.

Auf eigene Initiative hin haben die Veranstalter des Flohmarkts im Mauerpark mit einem Berliner Architekturbüro zusammengearbeitet, um eine Idee für die Zukunft des Flohmarkts in die laufende Diskussion einzubringen. Kern des Entwurfs ist eine begrünte Markthalle, die auch für Konzerte geeignet wäre, ein Marktplatz und so genannte “open spaces” – freie Werkstätten. “Viele Menschen sagen, der Flohmarkt ist toll, er soll bleiben. Deshalb haben wir die Voraussetzungen dafür in einen möglichen Rahmen gebracht”, sagte Lars Herting, Mitveranstalter des Mauerpark-Flohmarkts im bier statt blumen-Interview. Er hofft jetzt auf eine Diskussion der Vorschläge, auch wenn sie nicht Teil des Wettbewerbs sind.

Während die Idee der freien Werkstätten und eines offenen Marktes auf Zustimmung stößt, gibt es Kritik an dem im Entwurf vorgesehenen “weißen Klotz” an der Bernauer Straße. “Die skizzierte Bebauung des Spielplatzes an der Ecke Wolliner Strasse allerdings stößt auf Unverständnis”, sagen etwa die Freunde des Mauerparks. “Das ist nur eine erste, abstrakte Darstellung”, sagt Herting. Er glaubt aber, dass Zugeständnisse an die Vivico nötig sein werden. Genau dagegen gibt es viel Widerstand – und viel Hoffnung, wie die Stiftung Welt-Bürger-Park zeigt. Ein Beispiel dafür, wie in Berlin stärker als früher Mitbestimmung durchgesetzt wird.

Der Entwurf des Architekturbüros karhard architektur + design als pdf >>

Der Vorschlag für den Süden des Mauerparks. (c) karhard

Flohmarkt-Sonntag

Interview mit Lars Herting | Flohmarkt-Mitbetreiber

Interview: Nicole Walter und Johanna von Stülpnagel

Wie sieht euer Vorschlag für die Zukunft des Flohmarkts am Mauerpark aus?

Wir haben einen freien Beitrag zur Diskussion geliefert. Erstmal ging es uns darum, überhaupt eine konkrete Idee zu visualisieren, sie in Bilder zu packen. Denn bislang ging es vor allem um Flurkarten und Quadratmeterzahlen. Viele Menschen sagen, der Flohmarkt ist toll, er soll bleiben. Deshalb haben wir die Voraussetzungen dafür in einen möglichen Rahmen gebracht: Eine überdachte Halle mit einer Tiefgarage, einen offenen Marktplatz und die so genannten „open spaces“.

Was bedeutet das genau – „open spaces“ ?

Das sind nach unseren Ideen offene Werkstätten. Genauer gesagt: Werkstätten für Menschen, die sich Werkzeuge und Maschinen nicht leisten können: Dort können zum Beispiel eine Druckerei, eine Schlosserei oder eine Tischlerei entstehen, um temporär und projektbezogen dort zu arbeiten. Oder auch ein Tonstudio, es gibt viele Möglichkeiten. Vielleicht kommen Menschen aus Barcelona, London oder Budapest hierher, um für drei Wochen hier zu arbeiten und ihr Projekt zu realisieren.

Die internationale Vernetzung ist euch wichtig?

Es geht darum, dass Menschen, die in Berlin wohnen oder die durch temporäres Leben in Berlin inspiriert sind, hier auch arbeiten können. Dafür ist der Ort prädestiniert. Vielleicht gibt es auch eine Produzentengalerie, wo Produkte, die vor Ort entstanden sind, verkauft werden können. Oder auf dem Designmarkt. Das soll sich miteinander verknüpfen.

Wie soll sich das Konzept wirtschaftlich tragen?

Durch Tagesmieten kann das auch ein wirtschaftliches Konzept sein. Wenn man nur eine rein sozio-kulturelle Nutzung macht, wird es schon schwierig mit den Mieten und Erträgen. Deshalb haben wir hier eine Zwischenform vorgeschlagen. Freies Arbeiten, aber mit Tagesmieten. Ein Café gehört sicher auch dazu. Wie hoch diese Tagesmieten sein könnten, ist derzeit natürlich völlig offen.

Und wie stellt ihr euch die Markthalle vor?

Es wäre natürlich schön, einen teilweise überdachten Flohmarkt zu haben. Der Flohmarkt könnte sich vor der Halle weiter erstrecken. Die Halle ist natürlich auch geeignet, andere Veranstaltungen anzuziehen. Zum Beispiel die Fête de la Musique, die Berlin Music Week, die Fashion Week, kleine Messen. Wir könnten uns zum Beispiel auch freitags und sonnabends einen Designmarkt mit kleinem Wochenmarkt vorstellen, und sonntags den klassischen Flohmarkt. Ähnlich wie das Konzept von Spitalsfield in London.

Wer soll die Halle und die open spaces betreiben?

Ideal wäre es, eine Gesellschaft oder eine Stiftung zu finden, die das kuratiert und organisiert, wer wann dort arbeiten kann. Das soll nicht aus einem Klüngel heraus geschehen, sondern transparent sein. Nicht nur was hip und angesagt ist, soll dort zum Zuge kommen. Sondern es geht uns um die Möglichkeiten, ganz verschiedenartige Projekte zu realisieren.

Es gibt derzeit viele Menschen, die befürchten, da wird massiv in den Mauerpark hineingebaut.

Unser Vorschlag ist, dass die Halle nur etwa acht Meter hoch sein wird, das Dach kann man auch begrünen. Dann wird man die Halle, wenn man die verlängerte Schwedter Straße im Park entlang geht und Bäume davor stehen, nicht sehen. Vom Hügel aus sieht man sie natürlich, aber in erste Linie das begrünte Dach. Den Bewohnern des Weddings wird kein hohes Gebäude vor die Tür gesetzt.

Der heutige Mauerpark zur Wendezeit. Foto: Christian Martin

Es gibt Menschen, die an den ehemaligen Todesstreifen auf dem Mauerpark-Areal erinnern wollen. Die sich gegen eine Halli-Galli-Entertainment-Bauwut wehren, die an der Bedeutung des Ortes vorbei geht.

Der Flohmarkt ist ein gutes Beispiel für die Überwindung der Trennung von Ost und West an dieser Stelle und steht dafür, wie Leute unterschiedlichster Coleur friedlich zusammentreffen können. Hier wird seit über sechs Jahren das praktiziert, worauf der Entwurf des Parks ausgelegt ist, der ja so bis jetzt nicht vollständig realisiert werden konnte.

Auf dem Flohmarkt treffen sich die Leute aus dem Gesundbrunnenviertel und dem Gleimviertel gleichermaßen und kommen ins Gespräch. Diese Viertel sind ja momentan tatsächlich im wesentlichen noch räumlich getrennt. Andererseits waren sie das in der historischen Betrachtung schon immer. Auch vor der Mauer. Trotzdem ist das nicht optimal. Hier muss durch die Erweiterung des Parks was passieren, und das ist auch eine historische Chance. Das wird auch trotz der jetzt geplanten Baufelder möglich sein. Der Park ist durch die Anziehungskraft des Marktgetümmels jetzt schon zu einem bunten und friedlichen Treffpunkt für Leute aus ganz Berlin und mittlerweile der ganzen Welt geworden. Die Idee des Parks wird an dieser Stelle bereits eindrucksvoll gelebt und das sollte erhalten bleiben. Wie das dann im Detail aussieht, dazu muss jetzt im laufenden städtebaulichen Verfahren eine Lösung gefunden werden.

Zahlen und Fakten zum Flohmarkt am Mauerpark:

Den Flohmarkt am Mauerpark gibt es seit Juli 2004. 70 Stände waren es zu Beginn, seitdem ist der Flohmarkt stetig gewachsen. Heute sind es im Sommer gut 400 Stände, die Nachfrage ist noch größer. Rund 30.000 Besucher kommen in Spitzenzeiten an einem Sonntag auf das Areal am Mauerpark, schätzen die Betreiber Lars Herting, Oliver Lüdicke und Murat Ayvaz. Rund 80 Menschen gebe der Flohmarkt indirekt einen Arbeitsplatz, sagen sie: Kreative und Kunstgewerbler, für die der Markt so gut wie ein eigener kleiner Laden ist. Wichtig für den Fortbestand des Flohmarktes seien auch die Parkplätze: 300 werden heute gebraucht, 120 sieht der Entwurf in der Tiefgarage vor.

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8 Responses to Mauerpark-Flohmarkt denkt über seine Zukunft nach

  1. Lea says:

    Super Artikel, liebe Nicole! Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sich am Mauerpark etwas ändert, seit meiner Kindheit ist er immer gleich gewesen und sollte es meiner Meinung nach auch irgendwie bleiben…
    ps: Die Fotos machen mich echt nostalgisch, noch 2 Monate hehe, und wir machen ein Flohmarktshopping- mit oder ohne open-spaces! aber auf jeden fall mit T-Shirt bier statt blumen, das ich hier in Santiago fleißig ausführe :)
    Besitoooos,
    Lea

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